Donnerstag, 15. Februar 2018


4) Die Rolle des Instinkts in der Geschlechtsliebe.
Aller Geschlechtsliebe liegt ein durchaus auf das zu Erzeugende gerichteter Instinkt zum Grunde. Die Natur pflanzt überhaupt den Instinkt da ein, wo das handelnde Individuum den Zweck zu verstehen unfähig, oder ihn zu verfolgen unwillig sein würde. Daher pflanzt sie ihn in dem hier betrachteten Fall auch dem Menschen ein, als welcher den Zweck zwar verstehen könnte, ihn aber nicht mit dem nötigen Eifer, nämlich sogar auf Kosten seines individuellen Wohls, verfolgen würde. Also nimmt hier, wie bei allem Instinkt, die Wahrheit die Gestalt des Wahns an, um auf den Willen zu wirken. Um das Individuum, welches vermöge des tief in ihm wurzelnden Egoismus nur für egoistische Zwecke empfänglich ist, für den Bestand und die Beschaffenheit der Gattung in Tätigkeit zu setzen und sogar der Opfer für den Gattungszweck fähig zu machen, musste die Natur dem Individuum einen gewissen Wahn einpflanzen, vermöge dessen ihm als ein Gut für sich selbst erscheint, was in Wahrheit bloß eines für die Gattung ist, so dass dasselbe dieser dient, während es sich selber zu dienen wähnt. Dieser Wahn ist der Instinkt. Derselbe ist in den meisten Fällen anzusehen als der Sinn der Gattung, welcher aber das ihr Frommende nur durch die Täuschung des Individuums, dass es individuellen Zwecken nachzugehen wähnt, während es in Wahrheit bloß generelle verfolgt, erreichen kann.

In Folge des Instinkts wirkt bei der geschlechtlichen Auswahl vor allen Dingen die Rücksicht auf Schönheit des anderen Individuums, als durch welche der Typus der Gattung möglichst rein und richtig erhalten wird. Das schwindelnde Entzücken, welches den Mann beim Anblick eines Weibes von ihm angemessener Schönheit ergreift und ihm die Vereinigung mit ihr als das höchste Gut vorspiegelt, ist eben der Sinn der Gattung, welcher, den deutlich ausgedrückten Stempel derselben erkennend, sie mit diesem perpetuieren möchte. Nächst der Schönheit begehrt (in Folge des Instinkts) Jeder besonders heftig diejenigen Vollkommenheiten am anderen Individuum, welche ihm selbst abgehen, ja sogar die Unvollkommenheiten, welche das Gegenteil seiner eigenen sind.
Die instinktiv leitenden Rücksichten, welche bei dem geschlechtlichen Wohlgefallen und der geschlechtlichen Auswahl walten, zerfallen in solche, welche unmittelbar den Typus der Gattung, d. i. die Schönheit betreffen, in solche, welche auf psychische Eigenschaften gerichtet sind, und endlich in bloß relative, welche aus der erforderten Korrektion oder Neutralisation der Einseitigkeiten und Abnormitäten der beiden Individuen durch einander hervorgehen.


5) Unabhängigkeit der Geschlechtsliebe von der Freundschaft.
Weil die verliebte Leidenschaft sich eigentlich um das zu Erzeugende und dessen Eigenschaften dreht, kann zwischen zwei jungen Leuten verschiedenen Geschlechts, vermöge der Übereinstimmung ihrer Gesinnung, ihres Charakters, ihrer Geistesrichtung, Freundschaft bestehen, ohne dass Geschlechtsliebe sich einmischte; ja sogar kann in dieser Hinsicht eine gewisse Abneigung zwischen ihnen vorhanden sein. Der Grund hiervon ist, dass ein von ihnen erzeugtes Kind körperlich oder geistig disharmonierende Eigenschaften haben, kurz, seine Existenz und Beschaffenheit den Zwecken des Willens zum Leben, wie er sich in der Gattung darstellt, nicht entsprechen würde. Im entgegengesetzten Fall kann, bei Heterogenität der Gesinnung, des Charakters und der Geistesrichtung, und bei der daraus hervorgehenden Abneigung, ja Feindseligkeit, doch die Geschlechtsliebe aufkommen und bestehen; wo sie dann über jenes Alles verblendet; verleitet sie hier zur Ehe, so wird es eine sehr unglückliche.

6) Das Erhabene und Komische in der Geschlechtsliebe.
Das Verliebtsein eines Menschen liefert oft komische, mitunter auch tragische Phänomene; Beides, weil er, vom Geiste der Gattung in Besitz genommen, jetzt von diesem beherrscht wird und nicht mehr sich selber angehört. Dadurch wird sein Handeln dem Individuum unangemessen. Was, bei den höheren Graden des Verliebtseins, seinen Gedanken einen so poetischen und erhabenen Anstrich, sogar eine transzendente und hyperphysische Richtung gibt, vermöge welcher er seinen eigentlichen, sehr physischen Zweck ganz aus den Augen zu verlieren scheint, ist im Grunde Dieses, dass er jetzt vom Geiste der Gattung, dessen Angelegenheiten unendlich wichtiger, als alle bloß individuellen sind, beseelt ist. Das Gefühl, in Angelegenheiten von so transzendenter Wichtigkeit zu handeln, ist es, was den Verliebten so hoch über alles Irdische, ja über sich selbst emporhebt und seinen sehr physischen Wünschen eine so hyperphysische Einkleidung gibt, dass die Liebe eine poetische Episode sogar im Leben des prosaischsten Menschen wird; in welchem letzteren Falle die Sache bisweilen einen komischen Anstrich gewinnt. — Der Verliebte sucht im Grunde nicht seine Sache, sondern die eines Dritten, der erst entstehen soll; wiewohl ihn der Wahn umfängt, als wäre was er sucht seine Sache. Aber gerade dieses Nicht-seine-Sache-suchen, welches überall der Stempel der Größe ist, gibt auch der leidenschaftlichen Liebe den Anstrich des Erhabenen und macht sie zum würdigen Gegenstande der Dichtung.

Mittwoch, 31. Januar 2018


1) Worauf der Gegensatz zwischen dem Eukolos und Dyskolos beruht.
Wie im Erkennen, so ist auch im Gefühl des Leidens oder Wohlseins ein sehr großer Teil subjektiv und a priori bestimmt. In jedem Individuum ist nämlich das Maß des ihm wesentlichen Frohsinns oder Trübsinns durch seine Natur ein für alle Mal bestimmt, welches Maß sich gleich bleibt, wie sehr auch die äußeren Umstände wechseln mögen. Sein Leiden und Wohlsein ist demnach nicht von außen, sondern eben nur durch jenes Maß, jene Anlage bestimmt, welche zwar durch das physische Befinden einige Ab- und Zunahme zu verschiedenen Zeiten erfahren kann, im Ganzen aber die selbe bleibt und nichts Anderes ist, als was man sein Temperament oder seine Grundstimmung nennt. Auf der ursprünglichen Verschiedenheit dieser beruht der Platonische Gegensatz zwischen dem Eukolos und Dyskolos, d. i. zwischen dem, der leichten und dem, der schweren Sinnes ist.

2) Entgegengesetztes Verhalten des Eukolos und Dyskolos.
Nach gleicher Möglichkeit des glücklichen und des unglücklichen Ausganges einer Angelegenheit wird der Dyskolos beim unglücklichen sich ärgern, oder grämen, beim glücklichen aber sich nicht freuen; der Eukolos hingegen wird über den unglücklichen sich nicht ärgern, noch grämen, aber über den glücklichen sich freuen. Wenn dem Dyskolos von zehn Vorhaben neun gelingen, so freut er sich nicht über diese, sondern ärgert sich über das Eine misslungene; der Eukolos weiß, im umgekehrten Fall, sich doch mit dem Einen gelungenen zu trösten und aufzuheitern. Die Motive, auf welche der Selbstmord erfolgt, sind beim Dyskolos und Eukolos sehr verschieden. Je größer die Dyskolie ist, ein desto geringerer Anlass reicht hin, Lebensüberdruss und Selbstmord herbeizuführen; je größer hingegen die Eukolie ist, desto mehr muss im äußeren Anlass liegen, um zum Selbstmord zu bestimmen, die Schrecken des Todes zu überwinden.

3) Vorzug des Dyskolos vor dem Eukolos.
Wie nicht leicht ein Übel ohne alle Kompensation ist, so ergibt sich auch hier, dass die Dyskoloi, also die finsteren und ängstlichen Charaktere im Ganzen zwar mehr imaginäre, dafür aber weniger reale Unfälle und Leiden zu überstehen haben werden, als die heiteren und sorglosen; denn wer Alles schwarz sieht, stets das Schlimmste befürchtet und demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere Farbe und Aussicht leiht.

Montag, 8. Januar 2018


People often say: "Even the most beautiful woman in the world can only give what she has"; this is very false: she gives exactly what a person thinks he is receiving, since in this area of life imagination decides the value of what a person receives.  

Man sagt gewöhnlich, die schönste Frau kann nicht mehr geben, als sie hat; das ist ganz falsch. Sie gibt gerade so viel, als man zu empfangen glaubt, denn hier bestimmt die Phantasie den Wert der Gabe.    

On dit communément: « La plus belle femme du monde ne peut donner que ce qu'elle a »; ce qui est très faux: elle donne précisément ce qu'on croit recevoir, puisqu'en ce genre c'est l'imagination qui fait le prix de ce qu'on reçoit.