Montag, 11. Juni 2018

Der Selbstmörder gleicht einem Kranken, der eine schmerzhafte Operation, die ihn von Grund aus heilen könnte, nachdem sie angefangen, nicht vollenden lässt, sondern lieber die Krankheit behält; er weist das Leiden, statt es zum Quietiv des Willens werden zu lassen, von sich, indem er die Erscheinung des Willens, den Leib, zerstört, damit der Wille ungebrochen bleibe. Dies ist der Grund, warum beinahe alle Ethiken, sowohl philosophische, als religiöse, den Selbstmord verdammen, obgleich sie selbst hierzu keine andern, als seltsame, sophistische Gründe angeben können.
Der wahre Grund gegen den Selbstmord, aus welchem auch das Christentum denselben verwirft, ist ein asketischer, gilt also nur von einem viel höheren ethischen Standpunkte aus, als der, den europäische Moralphilosophen jemals eingenommen haben. Steigen wir aber von jenem sehr hohen Standpunkte herab; so gibt es keinen haltbaren moralischen Grund mehr, den Selbstmord zu verdammen.
Von dem gewöhnlichen Selbstmorde gänzlich verschieden scheint eine besondere Art desselben zu sein, der aus dem höchsten Grade der Askese freiwillig gewählte Hungertod. Es scheint, dass die gänzliche Verneinung des Willens den Grad erreichen könne, wo selbst der zur Erhaltung der Vegetation des Leibes durch Aufnahme von Nahrung nötige Wille wegfällt. Weit entfernt, dass diese Art des Selbstmordes aus dem Willen zum Leben entstünde, hört ein solcher völlig resignierter Asket bloß darum auf zu leben, weil er ganz und gar aufgehört hat zu wollen.

Sonntag, 10. Juni 2018

Die Geschlechtsliebe spielt nicht bloß in Schauspielen und Romanen, sondern, wie die Erfahrung bestätigt, auch in der wirklichen Welt eine so bedeutende Rolle, dass die bei einigen Schriftstellern vorkommende Leugnung der Realität und Wichtigkeit dieser Leidenschaft ein großer Irrtum ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Geschlechtsliebe unter Umständen zu einer Leidenschaft anwachsen kann, die an Heftigkeit jede andere übertrifft und dann alle Rücksichten beseitigt, alle Hindernisse mit unglaublicher Kraft und Ausdauer überwindet, so dass für ihre Befriedigung unbedenklich das Leben gewagt, ja, wenn solche schlechterdings versagt bleibt, in den Kauf gegeben wird. Die Geschlechtsliebe erweist sich, nächst der Liebe zum Leben, als die stärkste und tätigste aller Triebfedern, nimmt die Hälfte der Kräfte und Gedanken des jüngeren Teiles der Menschheit fortwährend in Anspruch, ist das letzte Ziel fast jedes menschlichen Bestrebens, erlangt auf die wichtigsten Angelegenheiten nachteiligen Einfluss, unterbricht die ernsthaftesten Beschäftigungen zu jeder Stunde, setzt bisweilen selbst die größten Köpfe auf eine Weile in Verwirrung, zettelt täglich die verworrensten und schlimmsten Händel an, löst die wertvollsten Verhältnisse auf, zerreißt die festesten Bande, nimmt bisweilen Leben, oder Gesundheit, bisweilen Reichtum, Rang und Glück zu ihrem Opfer, ja macht den sonst Redlichen gewissenlos, den bisher Treuen zum Verräter, tritt demnach im Ganzen auf als ein feindseliger Dämon.
Nicht allein die unbefriedigte verliebte Leidenschaft hat bisweilen einen tragischen Ausgang, sondern auch die befriedigte führt öfter zum Unglück als zum Glück. Denn ihre Anforderungen kollidieren oft so sehr mit der persönlichen Wohlfahrt des Beteiligten, dass sie solche untergraben, indem sie mit seinen übrigen Verhältnissen unvereinbar sind und den darauf gebauten Lebensplan zerstören. Ja, nicht allein mit den äußeren Verhältnissen ist die Liebe oft im Widerspruch, sondern sogar mit der eigenen Individualität, indem sie sich auf Personen wirft, welche, abgesehen vom Geschlechtsverhältnis dem Liebenden verhasst, ja zum Abscheu sein würden. Aber so sehr viel mächtiger ist der Wille der Gattung als der des Individuums, dass der Liebende in seiner Verblendung alle jene ihm widerlichen Eigenschaften übersieht. —
In der Tat führt der Genius der Gattung durchweg Krieg mit den schützenden Genien der Individuen, ist ihr Verfolger und Feind, stets bereit, das persönliche Glück schonungslos zu zerstören, um seine Zwecke durchzusetzen; ja, das Wohl ganzer Nationen ist bisweilen das Opfer seiner Laune geworden. Dies Alles beruht darauf, dass die Gattung, als in welcher die Wurzel unseres Wesens liegt, ein näheres und früheres Recht auf uns hat, als das Individuum; daher ihre Angelegenheiten vorgehen.    

Montag, 28. Mai 2018

Auf der metaphysischen Identität des Willens, als des Dinges an sich, bei der zahllosen Vielheit seiner Erscheinungen, beruhen drei Phänomene, welche man unter den gemeinsamen Begriff der Sympathie bringen kann: 1) das Mitleid (caritas), die Basis der Gerechtigkeit und Menschenliebe; 2) die Geschlechtsliebe mit eigensinniger Auswahl (amor), welche das Leben der Gattung ist, das seinen Vorrang vor dem der Individuen geltend macht; 3) die Magie.

Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja, ist durchaus nur ein näher bestimmter, spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinne individualisierter Geschlechtstrieb. Es ist keine Kleinigkeit, um die es sich hier handelt. Der Endzweck aller Liebeshändel ist wirklich wichtiger, als alle anderen Zwecke im Menschenleben und daher des tiefen Ernstes womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch entschieden wird, ist nichts Geringeres, als die Zusammensetzung der nächsten Generation. Wie das Sein, die Existentia unserer Nachkommen durch unseren Geschlechtstrieb überhaupt, so ist das Wesen, die Essentia derselben durch die individuelle Auswahl bei seiner Befriedigung, d. i. die Geschlechtsliebe, durchweg bedingt und wird dadurch unwiderruflich festgestellt.
Es handelt sich also in den Liebesangelegenheiten nicht, wie in allen übrigen Angelegenheiten, um individuelles Wohl und Wehe, sondern um das Dasein und die spezielle Beschaffenheit des Menschengeschlechts in künftigen Zeiten, und daher tritt hier der Wille des Einzelnen in erhöhter Potenz, als Wille der Gattung auf. Die künftige Generation, in ihrer ganzen individuellen Bestimmtheit, ist es, die sich, mittelst des ganzen Treibens und Mühens Verliebter um Erlangung des geliebten Gegenstandes, ins Dasein drängt. Ja, sie selbst regt sich schon in der so umsichtigen, bestimmten und eigensinnigen Auswahl zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, die man Liebe nennt.
Die Leidenschaft der Liebe hat unzählige Grade, deren beide Extreme man als Αφροδιτη πανδημος und ουρανια bezeichnen mag; dem Wesen nach ist sie jedoch überall die selbe. Hingegen dem Grade nach wird sie um so mächtiger sein, je individualisierter sie ist. Die höchsten Grade entspringen aus derjenigen Angemessenheit beider Individualitäten zu einander, vermöge welcher der Charakter des Vaters und der Intellekt der Mutter, in ihrer Verbindung, gerade dasjenige Individuum vollenden, nach welchem der Wille zum Leben als Gattungswille eine das Maß eines sterblichen Herzens übersteigende Sehnsucht empfindet. Je vollkommener die gegenseitige Angemessenheit zweier Individuen zu einander in jeder der mannigfachen Rücksichten, die hier walten, ist, desto stärker wird ihre gegenseitige Leidenschaft ausfallen.