Torquato Tasso sagt in seiner Vergleichung, die er zwischen Italien und
Frankreich anstellt, er habe bemerkt, daß wir dünnere Waden haben als die
Welschen von Adel, und gibt als Ursache davon an, daß wir unaufhörlich zu
Pferde sitzen. Aus ebendieser Ursache zieht aber Suetonius eine ganz
entgegengesetzte Folgerung. Denn er sagt dawider: Germanicus habe seine Waden
dadurch völlig gemacht, daß er anhaltend geritten sei. Nichts schmiegt sich so
leicht an alle Irrtümer als unser Verstand. Er ist wie der Schuh des
Theramenes, der jedem Fuße paßt. Und er ist doppelt und vielfach, wie die
Materie doppelt und vielfach ist. »Gib mir eine Drachme Silbers«, sagt ein
kynischer Philosoph zum Antigonus. »Das ist kein Geschenk, das ein König gibt«,
antwortete dieser. »Nun, so gib mir ein Talent.« »Das ist kein Geschenk für
einen Kyniker.«
Sonntag, 26. September 2021
Torquato Tasso, en la comparaison qu'il faict de la France à l'Italie, dict avoir remarqué cela, que nous avons les jambes plus greles que les gentils-hommes Italiens, et en attribue la cause à ce que nous sommes continuellement à cheval; qui est celle-mesmes de laquelle Suetone tire une toute contraire conclusion; car il dict au rebours que Germanicus avoit grossi les siennes par continuation de ce mesme exercice. Il n'est rien si soupple et erratique que nostre entendement: c'est le soulier de Theramenez, bon à tous pieds. Et il est double et divers, et les matieres doubles et diverses. Donne moy une dragme d'argent, disoit un philosophe Cynique à Antigonus.--Ce n'est pas present de Roy, respondit-il.--Donne moy donc un talent.--Ce n'est pas present pour Cynique.
Samstag, 18. September 2021
Ogni medaglia ha
il suo riverso. Voilà
pourquoy Clitomachus disoit anciennement que Carneades avoit surmonté les
labeurs de Hercules, pour avoir arraché des hommes le consentement, c'est à
dire l'opinion et la temerité de juger. Cette fantasie de Carneades, si
vigoureuse, nasquit à mon advis anciennement de l'impudence de ceux qui font
profession de sçavoir, et de leur outre-cuidance desmesurée. On mit Aesope en
vente avec deux autres esclaves. L'acheteur s'enquit du premier ce qu'il
sçavoit faire; celuy là, pour se faire valoir, respondit monts et merveilles,
qu'il sçavoit et cecy et cela; le deuxiesme en respondit de soy autant ou plus;
quand ce fut à Aesope, et qu'on luy eust aussi demandé ce qu'il sçavoit faire:
Rien, dict-il, car ceux cy ont tout preoccupé: ils sçavent tout.
Ogni medaglia ha
il suo riverso.14 Darum sagte Clitomachus vor
alters, Carneades habe die Arbeiten des Herkules übertroffen, indem er den
Menschen ihren Beifall entrissen habe, das heißt die Einbildung und die
Verwegenheit ihrer Urteile. Diese herzhafte Unternehmung ging Carneades, meiner
Meinung nach, damals deswegen ein, weil die Leute, welche ein Gewerbe daraus
machten, alles zu wissen, gar zu unverschämt waren und sich übermäßig viel
herausnahmen. Man bot den Aesop neben zwei andern Sklaven aus. Der Käufer erkundigte
sich bei dem ersten, was er verstände. Dieser, um sich einen Wert zu geben,
versprach goldne Berge und wußte das und wußte jenes. Der zweite versprach
ebensoviel und noch mehr von sich. Als die Reihe an den Aesop kam und man ihn
auch fragte, was er denn könne, antwortete er: »Nichts; denn die da haben mir
ja alles weggenommen, sie wissen alles.«
Ainsin est-il
advenu en l'escole de la philosophie: la fierté de ceux qui attribuoyent à
l'esprit humain la capacité de toutes choses causa en d'autres, par despit et
par emulation, cette opinion qu'il n'est capable d'aucune chose. Les uns
tiennent en l'ignorance cette mesme extremité que les autres tiennent en la
science. Afin qu'on ne puisse nier que l'homme ne soit immoderé par tout, et
qu'il n'a point d'arrest que celuy de la necessité, et impuissance d'aller
outre.
So ging es in den Schulen der Philosophie. Der Stolz derjenigen, welche
dem menschlichen Geist die Fähigkeit alles zu umfassen zuschreiben, veranlaßte
bei andern aus Ärger und Eifer die Meinung, daß sie gar nicht fähig wären,
etwas zu fassen. Dergestalt übertrieben sie ihre Unwissenheit ebensosehr als
andere ihr Vielwissen, damit man nicht leugnen könne, der Mensch halte in
keinem Dinge weder Ziel noch Maß und habe keine Ruhe, bis Not und Unvermögen
ihn stille stehen heißen.
Freitag, 17. September 2021
Das Liebesfeuer ist, wie ich zugeben muss, eingreifender, brennender und peinigender, aber zugleich ist es mutwillig, unbeständig, flatternd und sich wandelnd, eine Art Fieberglut, die auf und abschwillt, ein Feuer, das nur Teile von uns versengt. Außerdem ist das Wesentliche bei der Liebe ein unstillbares Sehnen nach einem Ziel, das immer entweicht, sobald die Liebe in das Gebiet der Freundschaft übertritt, das heißt wenn die Herzen sich finden, verlieren sie an Feuer und Kraft. Ihre Erfüllung ist ihr Ende. Denn das Ziel, das nun erreicht ist, ist ein körperliches, und damit zieht die Gefahr der Übersättigung herauf.