Sonntag, 26. September 2021

Torquato Tasso sagt in seiner Vergleichung, die er zwischen Italien und Frankreich anstellt, er habe bemerkt, daß wir dünnere Waden haben als die Welschen von Adel, und gibt als Ursache davon an, daß wir unaufhörlich zu Pferde sitzen. Aus ebendieser Ursache zieht aber Suetonius eine ganz entgegengesetzte Folgerung. Denn er sagt dawider: Germanicus habe seine Waden dadurch völlig gemacht, daß er anhaltend geritten sei. Nichts schmiegt sich so leicht an alle Irrtümer als unser Verstand. Er ist wie der Schuh des Theramenes, der jedem Fuße paßt. Und er ist doppelt und vielfach, wie die Materie doppelt und vielfach ist. »Gib mir eine Drachme Silbers«, sagt ein kynischer Philosoph zum Antigonus. »Das ist kein Geschenk, das ein König gibt«, antwortete dieser. »Nun, so gib mir ein Talent.« »Das ist kein Geschenk für einen Kyniker.«

Torquato Tasso, en la comparaison qu'il faict de la France à l'Italie, dict avoir remarqué cela, que nous avons les jambes plus greles que les gentils-hommes Italiens, et en attribue la cause à ce que nous sommes continuellement à cheval; qui est celle-mesmes de laquelle Suetone tire une toute contraire conclusion; car il dict au rebours que Germanicus avoit grossi les siennes par continuation de ce mesme exercice. Il n'est rien si soupple et erratique que nostre entendement: c'est le soulier de Theramenez, bon à tous pieds. Et il est double et divers, et les matieres doubles et diverses. Donne moy une dragme d'argent, disoit un philosophe Cynique à Antigonus.--Ce n'est pas present de Roy, respondit-il.--Donne moy donc un talent.--Ce n'est pas present pour Cynique.

Samstag, 18. September 2021

Ogni medaglia ha il suo riverso. Voilà pourquoy Clitomachus disoit anciennement que Carneades avoit surmonté les labeurs de Hercules, pour avoir arraché des hommes le consentement, c'est à dire l'opinion et la temerité de juger. Cette fantasie de Carneades, si vigoureuse, nasquit à mon advis anciennement de l'impudence de ceux qui font profession de sçavoir, et de leur outre-cuidance desmesurée. On mit Aesope en vente avec deux autres esclaves. L'acheteur s'enquit du premier ce qu'il sçavoit faire; celuy là, pour se faire valoir, respondit monts et merveilles, qu'il sçavoit et cecy et cela; le deuxiesme en respondit de soy autant ou plus; quand ce fut à Aesope, et qu'on luy eust aussi demandé ce qu'il sçavoit faire: Rien, dict-il, car ceux cy ont tout preoccupé: ils sçavent tout.

Ogni medaglia ha il suo riverso.14 Darum sagte Clitomachus vor alters, Carneades habe die Arbeiten des Herkules übertroffen, indem er den Menschen ihren Beifall entrissen habe, das heißt die Einbildung und die Verwegenheit ihrer Urteile. Diese herzhafte Unternehmung ging Carneades, meiner Meinung nach, damals deswegen ein, weil die Leute, welche ein Gewerbe daraus machten, alles zu wissen, gar zu unverschämt waren und sich übermäßig viel herausnahmen. Man bot den Aesop neben zwei andern Sklaven aus. Der Käufer erkundigte sich bei dem ersten, was er verstände. Dieser, um sich einen Wert zu geben, versprach goldne Berge und wußte das und wußte jenes. Der zweite versprach ebensoviel und noch mehr von sich. Als die Reihe an den Aesop kam und man ihn auch fragte, was er denn könne, antwortete er: »Nichts; denn die da haben mir ja alles weggenommen, sie wissen alles.«


Ainsin est-il advenu en l'escole de la philosophie: la fierté de ceux qui attribuoyent à l'esprit humain la capacité de toutes choses causa en d'autres, par despit et par emulation, cette opinion qu'il n'est capable d'aucune chose. Les uns tiennent en l'ignorance cette mesme extremité que les autres tiennent en la science. Afin qu'on ne puisse nier que l'homme ne soit immoderé par tout, et qu'il n'a point d'arrest que celuy de la necessité, et impuissance d'aller outre.

 


So ging es in den Schulen der Philosophie. Der Stolz derjenigen, welche dem menschlichen Geist die Fähigkeit alles zu umfassen zuschreiben, veranlaßte bei andern aus Ärger und Eifer die Meinung, daß sie gar nicht fähig wären, etwas zu fassen. Dergestalt übertrieben sie ihre Unwissenheit ebensosehr als andere ihr Vielwissen, damit man nicht leugnen könne, der Mensch halte in keinem Dinge weder Ziel noch Maß und habe keine Ruhe, bis Not und Unvermögen ihn stille stehen heißen.

Freitag, 17. September 2021

Das Liebesfeuer ist, wie ich zugeben muss, eingreifender, brennender und peinigender, aber zugleich ist es mutwillig, unbeständig, flatternd und sich wandelnd, eine Art Fieberglut, die auf und abschwillt, ein Feuer, das nur Teile von uns versengt. Außerdem ist das Wesentliche bei der Liebe ein unstillbares Sehnen nach einem Ziel, das immer entweicht, sobald die Liebe in das Gebiet der Freundschaft übertritt, das heißt wenn die Herzen sich finden, verlieren sie an Feuer und Kraft. Ihre Erfüllung ist ihr Ende. Denn das Ziel, das nun erreicht ist, ist ein körperliches, und damit zieht die Gefahr der Übersättigung herauf.

Es war, wie ich bekennen muss, wahrhaftig Malheur und Mirakel zugleich, in welch zarter Jugend ich rein zufällig jenem Gott erstmals in die Arme lief.