Mittwoch, 29. April 2026
Mittwoch, 22. April 2026
Das
Leben besteht in der Bewegung, sagte Aristoteles, mit offenbarem Recht: und wie
demnach unser physisches Leben nur in und durch eine unaufhörliche Bewegung
besteht, so verlangt auch unser inneres, geistiges Leben fortwährend
Beschäftigung, Beschäftigung mit irgend etwas, durch Tun oder Denken; einen
Beweis hiervon gibt schon das Trommeln mit den Händen oder irgendeinem Gerät;
zu welchem unbeschäftigte und gedankenlose Menschen sogleich greifen. Unser
Dasein nämlich ist ein wesentlich restloses: daher wird die gänzliche
Untätigkeit uns bald unerträglich, indem sie die entsetzlichste Langeweile
herbeiführt. Diesen Trieb nun soll man regeln, um ihn methodisch und dadurch
besser zu befriedigen. Daher also ist Tätigkeit, etwas treiben, wo möglich
etwas machen, wenigstens aber etwas lernen – zum Glück des Menschen
unerläßlich: seine Kräfte verlangen nach ihrem Gebrauch und er möchte den
Erfolg desselben irgendwie wahrnehmen.
Die
größte Befriedigung jedoch, in dieser Hinsicht, gewährt es etwas zu machen, zu
verfertigen, sei es ein Korb, sei es ein Buch, aber daß man ein Werk unter
seinen Händen täglich wachsen und endlich seine Vollendung erreichen sehe,
beglückt unmittelbar. Dies leistet ein Kunstwerk, eine Schrift, ja selbst eine
bloße Handarbeit; freilich, je edlerer Art das Werk, desto höher der Genuß. Am
glücklichsten sind, in diesem Betracht, die Hochbegabten, welche sich der
Fähigkeit zur Hervorbringung bedeutsamer, großer und zusammenhängender Werke
bewußt sind. Denn dadurch verbreitet ein Interesse höherer Art sich über ihr
ganzes Dasein und erteilt ihm eine Würtze, welche dem der übrigen abgeht,
welches demnach, mit jenem verglichen, gar schal ist. Für sie nämlich hat das
Leben und die Welt, neben dem allen gemeinsamen, materiellen, noch ein zweites
und höheres, ein formelles Interesse, indem es den Stoff zu ihren Werken
enthält mit dessen Einsammlung sie, ihr Leben hindurch, emsig beschäftigt sind,
sobald nur die persönliche Not sie irgend atmen läßt. Auch ist ihr Intellekt
gewissermaßen ein doppelter: teils einer für die gewöhnlichen Beziehungen
(Angelegenheiten des Willens), gleich dem aller andern: teils einer für die
rein objektive Auffassung der Dinge. So leben sie zweifach, sind Zuschauer und
Schauspieler zugleich, während die übrigen letzteres allein sind. –
Inzwischen
treibe jeder etwas, nach Maßgabe seiner Fähigkeiten. Denn wie nachteilig der
Mangel an planmäßiger Tätigkeit, an irgend einer Arbeit, auf uns, wirke, merkt
man auf langen Vergnügungsreisen, als wo man, dann und wann, sich recht
unglücklich fühlt; weil man, ohne eigentliche Beschäftigung, gleichsam aus
seinem natürlichen Elemente gerissen ist. Sich zu mühen und mit dem Widerstände
zu kämpfen ist dem Menschen Bedürfnis, wie dem Maulwurf das Graben. Der
Stillstand, den die Allgenugsamkeit eines bleibenden Genusses herbeiführte,
wäre ihm unerträglich. Hindernisse überwinden ist der Vollgenuß seines Daseins;
sie mögen materieller Art sein, wie beim Handeln und Treiben oder geistiger
Art, wie beim Lernen und Forschen: der Kampf mit ihnen und der Sieg beglückt.
Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, so macht er sie sich, wie er kann; je nachdem
seine Individualität es mit sich bringt, wird er jagen oder Bilboquet spielen,
oder, vom unbewußten Zuge seiner Natur geleitet, Händel suchen, oder Intriguen
anspinnen, oder sich auf Betrügereien und allerlei Schlechtigkeiten einlassen,
um nur dem ihm unerträglichen Zustande der Ruhe ein Ende zu machen. Schwer ist
es, in der Muse ruhig zu leben.
Beim
Anblick dessen, was wir nicht besitzen, steigt gar leicht in uns der Gedanke
auf: »wie, wenn das mein wäre?« – und er macht uns die Entbehrung fühlbar.
Statt dessen sollten wir öfter fragen: »wie, wenn das nicht mein wäre?« ich
meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen so anzusehen uns bemühen,
wie es uns vorschweben würde, nachdem wir es verloren hätten; und zwar jedes,
was es auch sei: Eigentum, Gesundheit, Freude, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und
Hund: denn meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.
Hingegen infolge der anempfohlenen Betrachtungsweise derselben wird erstlich
ihr Besitz uns unmittelbar mehr, als zuvor, beglücken, und zweitens werden wir
auf alle Weise dem Verlust vorbeugen, also das Eigentum nicht in Gefahr
bringen, die Freunde nicht erzürnen, die Treue des Weibes nicht der Versuchung
aussetzen, die Gesundheit der Kinder bewachen usw. Oft suchen wir das Trübe der
Gegenwart aufzuhellen durch Spekulation auf günstige Möglichkeiten und ersinnen
vielerlei chimärische Hoffnungen, von denen jede mit einer Enttäuschung
schwanger ist, die nicht ausbleibt, wenn jene an der harten Wirklichkeit
zerschellt. Besser wäre es, die vielen schlimmen Möglichkeiten zum Gegenstand
unserer Spekulation zu machen, als welches teils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr,
teils angenehme Überraschungen, wenn sie sich nicht verwirklichen, veranlassen
würde. Sind wir doch nach etwas ausgestandener Angst, stets merklich heiter.
Ja, es ist sogar gut, große Unglücksfälle, die uns möglicherweise treffen
könnten, uns bisweilen zu vergegenwärtigen; um nämlich die uns nachher wirklich
treffenden viel kleineren leichter zu ertragen, indem wir dann durch den
Rückblick auf jene großen, nicht eingetroffenen, uns trösten. Über diese Regel
ist jedoch die ihr vorhergegangene nicht zu vernachlässigen.
Montag, 13. April 2026
Samstag, 4. April 2026
Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Begebenheiten ganz vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Beziehung auf einander, im grellsten Kontrast und ohne irgend etwas Gemeinsames, als eben daß sie unsere Angelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; so muß unser Denken und Sorgen um sie eben so abrupt sein, damit es ihnen entspreche. – Sonach müssen wir, wenn wir eines vornehmen, von allem andern abstrahieren und uns der Sache entschlagen, um jedes zu seiner Zeit zu besorgen; zu genießen, zu erdulden, ganz unbekümmert um das Übrige: wir müssen also gleichsam Schiebfächer unserer Gedanken haben, von denen wir eines öffnen, derweilen alle anderen geschlossen bleiben. Dadurch erlangen wir, daß nicht eine schwer lastende Sorge jeden kleinen Genuß der Gegenwart verkümmere und uns alle Ruhe raube; daß nicht eine Überlegung die andere verdränge; daß nicht die Sorge für eine wichtige Angelegenheit die Vernachlässigung vieler geringen herbeiführe usw. Zumal aber soll, wer hoher und edler Betrachtungen fähig ist, seinen Geist durch persönliche Angelegenheiten und niedrige Sorgen nie so ganz einnehmen und erfüllen lassen, daß sie jenen den Zugang versperren: denn das wäre recht eigentlich: um des Lebens Kleinigkeit des Lebens Ziel verfehlen. –
Freilich
ist zu dieser Lenkung und Ablenkung unserer selbst, wie zu so viel anderem,
Selbstzwang erfordert: zu diesem aber sollte uns die Überlegung stärken, daß
jeder Mensch gar vielen und großen Zwang von außen zu erdulden hat, ohne
welchen es in keinem Leben abgeht; daß jedoch ein kleiner, an der rechten
Stelle angebrachter Selbstzwang nachmals vielem Zwange von außen vorbeugt; wie
ein kleiner Abschnitt des Kreises zunächst dem Centro einem oft hundertmal
größern an der Peripheri entspricht. Durch nichts entziehn wir uns so sehr dem
Zwange von außen, wie durch Selbstzwang: das besagt Senekas Ausspruch: Willst
du alle Dinge der Gewalt unterwerfen, so unterwirf dich deiner Vernunft. Auch
haben wir den Selbstzwang noch immer in der Gewalt, und können, im äußersten
Fall, wo er unsere empfindlichste Stelle trifft, etwas nachlassen: hingegen der
Zwang von außen ist ohne Rücksicht, ohne Schonung und unbarmherzig. Daher ist
es weise, diesem durch jenen zuvorzukommen.
Unsern
Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume halten, unsern Zorn
bändigen, stets eingedenk, daß dem einzelnen nur ein unendlich kleiner Teil
alles Wünschenswerten erreichbar ist, hingegen viele Übel jeden treffen müssen,
also, mit einem Worte: Sich enthalten und sich zurückhalten – ist eine Regel,
ohne deren Beobachtung weder Reichtum noch Macht verhindern können, daß wir uns
armselig fühlen. Dahin zielt Horaz: Stets überlege dir und suche den Rat der
Weisen, wie du dein Leben in Ruhe zubringen kannst, damit dich nicht ständig
rastlose Habsucht plagt und foltert, noch die Angst, noch die Hoffnung auf
Besitz unwichtiger Dinge.
Montag, 30. März 2026
Der
Feierabend eines Schriftstellers, der gute Werke veröffentlicht hat, wird vom
Publikum mehr geachtet als die betriebsame Fruchtbarkeit eines Autors, der nur
die mittelmäßigen Werke vermehrt. Das Schweigen eines Menschen, der bekannt ist
dadurch, dass er etwas zu sagen hat, macht mehr Eindruck als das Geschwätz des Redseligen.

