Montag, 31. August 2026

 

Mein Unglück

Dies ist mein Unglück: neben mir schreitet immer ein Würgengel; und es ist nicht die Tür der Auserwählten, die ich mit Blut besprenge zum Zeichen, dass er vorübergehen müsse; nein, es ist die Tür derer, bei denen er eben eintritt. Denn erst die Liebe der Erinnerung ist es, welche beglückt.

Samstag, 29. August 2026

 

Niemals fröhlich

Niemals bin ich fröhlich gewesen; und doch hat es immer so ausgesehen, als wäre in meinem Gefolge die Freude, als tanzten rings um mich her die leichten Genien der Freude, für andre immerhin unsichtbar, nicht aber für mich, dessen Augen ja vor Freude glänzten. Wenn ich alsdann so glücklich und heiter wie ein Gott den Leuten vorbeigehe, und sie mein Glück mir mißgönnen, so lache ich; denn ich verachte die Menschen, und ich räche mich. Nie habe ich gewünscht, einem Menschen unrecht zu tun, aber immer den Anschein hervorgerufen, dass jeder in meine Nähe kommende Mensch gekränkt und beleidigt wurde. Höre ich dann, wie andre ob ihrer Treue, ihrer Rechtschaffenheit gerühmt werden, dann lache ich; denn ich verachte die Menschen und ich räche mich. Mein Gemüt ist nie gegen irgend einen Menschen verhärtet gewesen; aber jedesmal, gerade wenn ich innerlich recht ergriffen war, habe ich den Anschein gehabt, dass mein Gemüt jedem Gefühle verschlossen und fremd sei. Wenn ich dann andre ihres guten Herzens wegen preisen höre, wenn ich sehe, wie sie um ihres tiefen und reichen Gefühls willen geliebt werden, so lache ich: denn ich Verachte die Menschen und räche mich. Wenn ich sehe, wie ich selbst meiner Kälte und Herzlosigkeit wegen verwünscht, verabscheut, gehaßt werde, so lache ich; alsdann wird mein Zorn gesättigt. Wenn nämlich die guten Leute mich dahin brächten, wirklich unrecht zu haben, wirklich ein Unrecht zu begehen, ja, dann hätte ich verloren.

Mittwoch, 26. August 2026

Donnerstag, 20. August 2026

 

Johannes!

Es war ein reicher Mann, der hatte sehr viele Schafe und Rinder; und es war ein armes kleines Mädchen, die hatte nichts denn ein einiges kleines Schäflein; es aß von ihrem Bissen und trank von ihrem Becher. Du warst der reiche Mann, reich an allen Schätzen und Ehren der Welt; ich war die Arme und hatte nichts als meine Liebe. Du nahmst sie, Du freutest Dich ihrer; da winkte Dir die Luft, und Du opfertest das Wenige, das ich hatte; von Deinem Eignen konntest Du nichts opfern. Es war ein reicher Mann, der hatte sehr viele; Schafe und Rinder; es war ein armes kleines Mädchen, die hatte nichts als ihre Liebe.

Deine Kordelia.

 

Johannes!

Ist die Hoffnung denn so gar aus? Wird Deine Liebe niemals wiedererwachen? Denn daß Du mich geliebt hast, das weiß ich, wenn ich auch nicht weiß, woher ich diese Gewißheit habe. Ich will warten, ob mir die Zeit auch lang wird, ich will warten, warten, bis Du andre nicht mehr lieben magst. Dann wird Deine Liebe zu mir wieder aus dem Grabe erstehen, dann will ich Dich lieben wie immer, Dir danken wie immer, wie einst, o Johannes, wie einst! Johannes! Diese herzlose Kälte gegen mich – ist sie Dein wahres Wesen? war Deine Liebe, Dein reiches Herz – eine innere Lüge? Bist Du nun wieder Du selber? Hab Geduld mit meiner Liebe, vergib mir, daß ich nicht aufhören kann, Dich zu lieben; ich weiß es, meine Liebe ist Dir eine Last; aber es kommt doch die Zeit, da Du zu Deiner Kordelia zurückkehrst. Deine Kordelia! hörst Du es – das flehentliche Wort –: Deine Kordelia, Deine Kordelia?

Deine Kordelia.

 

Man sieht es, Kordelia war nicht ohne Modulation, wenn ihre Stimme auch nicht den Umfang hatte, den Johannes so bewunderte. Sie kann nicht alles so klar und deutlich darstellen, aber ihre Stimmung spricht sich in jedem ihrer Briefe aus. Das ist besonders bei dem zweiten Brief der Fall; man ahnt in demselben freilich mehr, was sie eigentlich will, aber diese Unvollkommenheit macht ihn für mich so rührend.

Montag, 17. August 2026

Dienstag, 11. August 2026

 

Vorsicht, meine schöne Unbekannte! Vorsicht; aus einem Wagen heraustreten ist nicht so leicht, ja es kann ein entscheidender Schritt sein. Die Wagentritte sind ja so verkehrt eingerichtet, daß man alle seine Grazie fahren lassen muß, wenn man glücklich herauskommen will; die einzige Rettung ist oft ein verzweifelter Sprung in die Arme des Kutschers und des Dieners. Ja, der Kutscher und der Diener – die haben es gut. Ich glaube wirklich, ich will in einem Hause, in dem junge Mädchen sind, einen Platz als Diener suchen. Ein Diener wird leicht in die Geheimnisse eines kleinen Fräuleins eingeweiht. – Aber springen Sie doch um Gotteswillen nicht heraus, ich bitte Sie; es ist ja dunkel; ich will Sie nicht stören, ich bleibe dort unter der Straßenlaterne stehen, dann können Sie mich unmöglich sehen, und man wird doch nur dann verlegen, wenn man weiß, daß man gesehen wird – also steigen Sie aus!

 

Lassen Sie den reizenden kleinen Fuß, den ich bereits bewundert habe, sich in der Welt versuchen! Nur Mut! Verlassen Sie sich auf ihn, er wird schon festen Grund finden, und erfaßt Sie für einen Augenblick ein Grauen, weil es Ihnen ist, als suchten Sie ihn vergebens, ja, ist Ihnen noch bange, nachdem Sie ihn gefunden? o, ziehen Sie nur rasch den andern Fuß nach – wer könnte so grausam sein, Sie in dieser gefährlichen Situation schweben zu lassen, wer wäre so alles Schönheitssinnes dar, daß er für die Offenbarung des Schönen kein Auge hätte? Oder fürchten Sie sich noch vor einem Unberufenen – doch nicht vor Ihrem Diener, auch nicht vor mir –, ich habe Ihren kleinen Fuß ja schon gesehen und habe, da ich Naturforscher bin, von Cuvier gelernt, daraus sichere Schlüsse zu ziehen. Also schnell! Wie diese Angst Ihre Schönheit hebt. Aber nein, die Angst an und für sich selber ist nicht schön, sie ist's nur, wenn man im selben Augenblick die Energie bemerkt, die sie überwindet. Ah, nun endlich! Sieh, wie fest steht der kleine Fuß! – –

 

Kein Mensch hat es gesehen. Nur eine dunkle Gestalt geht in dem Augenblick an Ihnen vorüber, da Sie in die Thür des Hauses treten. Sie erröten? Erbittert, mit stolzer Verachtung sehen Sie sich um? ein flehentlicher Blick, eine Thräne in Ihren Augen? beides ist gleich schön, und beides nehme ich mit gleichem Recht an. Aber wie boshaft bin ich – welche Nummer hat das Haus? und was sehe ich? es ist ein Galanteriewaren-Geschäft. Meine schöne Unbekannte, vielleicht ist's empörend, aber ich folge Ihnen ... Sie hat es vergessen, ach ja; wenn man siebenzehn Sommer zählt, in dem Alter Einkäufe macht und alles, was man in die Hand nimmt, mit unbeschreiblicher Freude ansieht, ja dann vergißt man leicht.