Posts mit dem Label Galiani werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Galiani werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 20. Januar 2024

Sie, meine liebe Dame, haben mir ein furchtbares Unrecht angetan. Ich sah, dass ein großes Paket von Ihnen ankam; ich genoss den Gedanken daran im Voraus; ich stellte mir den längsten Brief der Welt vor, und statt zu finden, dass Sie mir schrieben, fand ich, dass Sie eine Auswahl aus Voltaire abgeschrieben hatten, um sie mir zu schicken. Um mich zu rächen, werde ich vielleicht eine Auswahl aus meinem Gebetbuch abschreiben, um sie Ihnen zu schicken.



Mittwoch, 17. Januar 2024

 ... Ich habe ein Buch im Kopf, das meine Phantasie ziemlich überhitzt; ich würde es gerne machen, aber ich habe keine Zeit. Der Titel würde lauten: Moralische und politische Anweisungen einer Katze an ihre Kleinen, aus dem Katzensprachlichen ins Französische übersetzt von M. d'Egrattigny, Dolmetscher der Katzensprachen an der Bibliothek des Königs. Da ich keine andere Gesellschaft als die meiner Katze habe, träume ich ständig von diesem Werk, das sehr originell wäre. Zuerst lehrt die Katze ihre Kleinen, die Gottmenschen zu fürchten; dann lehrt sie sie die Theologie und die zwei Prinzipien, den guten Gottmenschen und den bösen Dämonenhund; dann lehrt sie sie die Moral, den Krieg mit den Ratten und den Spatzen, und dann spricht sie zu ihnen über das zukünftige Leben in der himmlischen Ratopolis, einer Stadt, deren Mauern aus Parmesankäse, die Böden aus Butter, die Säulen aus Fischen usw. bestehen und die voller Ratten ist, die zu ihrem Vergnügen bestimmt sind. Sie würde Respekt vor den kastrierten Katzen einflößen, die die prädestinierten Katzen sind, die von den Gottmenschen in diesen Zustand gerufen wurden, um in dieser und in der anderen Welt glücklich zu sein; seht, wie fett sie sind; und aus diesem Grund müssen sie keine Mäuse jagen; und schließlich würde sie die vollkommenste Resignation empfehlen, falls der Gottmensch sie in diesen Zustand der Vollkommenheit rufen sollte. Gibt es etwas Verrückteres auf der Welt als dieses Werk?...


 

       ... I have a book in mind that is quite overheating my imagination; I would like to make it, but I haven't the time. It's title would be: Moral and political instructions of a cat to his little ones, translated from cat into French by M. d'Egrattigny, interpreter of cat languages at the library of the King. Since I have no other society except for that of my cat, I am always dreaming of this work, which would be very original. At first, the cat teaches his littles ones to fear the god-men; then he teaches them theology and the two principles, the good god-man and the evil demon-dog; then it would teach them morality, war with rats and sparrows, and she would then speak to them about the future life in the celestial Ratopolis, which is a city where the walls are made of parmesan cheese, the floors of butter, the columns of fish, etc., and which is full of rats destined for their amusement. She would inculcate respect for the castrated cats, who are the predestined cats, called into this state by the god-men to be happy in this world and in the other; witness how fat they are; and it is for this reason that they don't have to chase mice; and finally, she would recommend the most perfect resignation, in case the god-man might call them into this state of perfection. Is there anything in the world more mad than this work?...    

Montag, 8. Januar 2024

 

To Madame d'Epinay, Naples, 16 January 1773 

Your health annoys more than worries me: you are at a critical age; you have been suffering for a long time and you are not dead: therefore, you won't die; therefore, you will arrive at the extreme old age when people begin to think, which is ten years short of when people begin to vegetate. Therefore, let's talk about gay things...   

Donnerstag, 27. Juli 2023

Tod und Genuss. – Es ist eine schwere Krankheit, ein Leben, das so kurz ist und nicht zweimal kommt, nicht zu geniessen. Glücklich, die an die Seelenwanderung glauben!  

Sonntag, 23. Juli 2023

Tod und Lebensfreude. -  Man hängt am Leben anderer nur soweit, wie man am eigenen hängt. Man hängt am Leben nur, soweit es Freuden bietet. Ich verstehe jetzt, warum die Bauern ruhig sterben und mit Gemütsruhe die anderen sterben sehen. Ein Mann im Gefängnis wird Todesnachrichten aus der ganzen Welt ohne Erregung aufnehmen. Das ist auch die Ursache der militärischen Tapferkeit: das harte Leben des Feldzugs. Man schlägt sich nie tapferer, als wenn man eine Nacht im Biwak zugebracht hat. Man verachtet das eigene Leben sowie das der Gefährten; man langweilt sich. 

Dienstag, 18. Juli 2023

Die Verfolgung der Freiheit. - Wollen Sie meine Prophezeiung wissen? Ich sage eine grausame Verfolgung aller selbständigen und freien Geister voraus. Und warum? Weil es notwendig ist,  dass irgend jemand unrecht bekommt. Und niemand verführt alle Parteien so leicht dazu, ihm unrecht zu geben, wie ein abseits stehender Gelehrter mit wirklich viel Geist, der niemandem Vorteil bringt und niemandem etwas zuleide tut. Er muss unrecht haben, er ist an allem schuld. Man muss ihn verfolgen. Der Hof, die Parlamente, die Regierung, die Geistlichkeit, die Jesuiten, die Jansenisten, sie alle kommen auf ihre Rechnung. Das sagt mir mein Herz. Und mein Herz sieht oft sehr schwarz, aber nur selten falsch.    

Reisen der Fürsten. - Fürsten langweilt das Reisen bald. Ihr Charakter wird ihnen zur Last, die sie bedrückt. Sind sie großmütig, so stürzen sie sich ins Unglück, geben sie weniger aus, so ist man verstimmt. Sie fühlen ihre Stellung zwischen Untergang und Verachtung, und diese Lage immer inmitten der Diebe und der Unzufriedenen ermüdet sie schließlich. Ich weiß nicht, welcher Dämon des Jahrhunderts den Fürsten einfallen lässt, sich den andern Völkern zu zeigen. Findet man sie besser als den eigenen Fürsten, so hinterlassen sie die unwürdigste Sehnsucht, findet man sie gleich oder sogar schlechter, so hinterlassen sie Niedergeschlagenheit und Verzweiflung im menschlichen Herzen. Manches ist nur im Wunsch schön. Die Liebe hat solche Schönheiten, und ich finde, auch die Tugend der Fürsten ist wie die Freude an einer Jungfernschaft. Es ist besser, sie sich vorzustellen als sie zu genießen.

Montag, 3. Juli 2023

Der Marquis ist noch nicht zurück, er hat nicht zu Hause gespeist, aber er wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, wie mir seine Leute sagen. 

Wenn unsere Leser das Beste über den Enthusiasmus in der Tugend, was vielleicht jemals darüber gesagt worden ist, lesen wollen, so empfehlen wir Ihnen den 8. Dialog der « Dialogues sur le commerce des blés par l’abbé Galiani », und wenn sie eins der besten, lehrreichsten und zugleich wichtigsten und unterhaltendsten Bücher, das seit hundert Jahren zum Vorschein gekommen ist, lesen wollen, das ganze Buch, welches, im Vorbeigehen gesagt, nicht so viel Eindruck in der Welt gemacht hat, als ein so außerordentliches Buch hätte machen sollen; und dies ohne Zweifel bloß deswegen, weil sehr wenige Leute Verstand und Witz genug haben, es zu verstehen.     

Freitag, 23. Dezember 2022

Galiani war gewiss der reizendste Harlekin, den Italien hervorgebracht hat, aber auf den Schultern dieses Harlekins ruht der Kopf eines Machiavell. Er ist Epikureer, aber mit einem melancholischen Gemüt, da er alles von der lächerlichen Seite sieht. Er konnte über jegliche Frage der Moral und Politik eine lustige Geschichte erzählen, und diese Geschichten trafen immer das Richtige und waren mit unvorhergesehen geistreichen Anspielungen gewürzt. Man denke sich dabei in seiner Art zu erzählen und in seinem Gebärenspiel die naivste Zierlichkeit, und man begreift, welch ein Vergnügen uns der Gegensatz zwischen dem tiefen Sinn der Erzählung und der tändelnden Manier des Erzählers bereiten musste.

Wenn der Abbé seine Geschichte erzählt hatte, berichtet man, zog er sich plötzlich still und traurig werdend, in eine Ecke des Zimmers zurück, wie wenn eine Stimme sich erschöpft hat und eine andere an ihre Stelle tritt. Dieser Rhythmus der Melancholie und Heiterkeit, der freilich in der objektiven Lage der französischen Aufklärung tief begründet ist, ist doch zugleich subjektiv bedingt in dem Leben des komischen kleinen Abbé.

Montag, 19. Dezember 2022

Dieses kleine, Fuß des Vesuvs geborene Wesen ist ein wahres Phänomen. Er verbindet mit einem klaren durchdringenden Blick ein umfassendes und gründliches Wissen, mit dem Scharfsinn des Genies die Heiterkeit und Lustigkeit eines Menschen, der nur amüsieren und gefallen will. Er ist Platon mit dem Feuer und den Gebärden eines Harlekins.

Dienstag, 13. Dezember 2022

Kunst der Darstellung. - Kleine Themen muss man ernst nehmen, ihnen ein Relief geben und eine Wichtigkeit, die sie an sich nicht haben. Ernste muss man leicht behandeln, sonst erdrückt uns ihr Gewicht.   

 

Den Vergnügen der Venus, die das Thema vieler seiner Dichtungen bildeten, war Horaz eigentümlich ergeben. Immer oder fast immer hat er unter erfundenen poetischen Namen die Mädchen verborgen, in die er sich verliebte; so ist es außerordentlich schwer, die Epochen und die Geschichte seiner Liebschaften zu erzählen, zumal da er manchmal unter verschiedenem Namen dieselbe Person meint. Die Namen der Mädchen, die er geliebt hat und die man in seinen Dichtungen findet, sind die folgenden: Pyrrha, Pholoe, Lydia, Leuconoe, Tyndaris, Glycera, Lalage, Chloe, Myrtale, Barina, Lide, Neera, Cinara, Phidile, Lyke, Canidia, eine reiche alte namens Inachia, Phryne, den Jüngling Liciro aus Ligurien.

Dienstag, 30. August 2022

Das Ende der Heiterkeit. - Ihr schreibt den Verlust der Heiterkeit dem Verfall der Sitten zu, ich möchte ihn eher der erstaunlichen Vermehrung unserer Kenntnisse zuschreiben. Wir sind durch unsere Aufklärung eher arm als reich geworden, wir wissen, dass eine Unmenge Dinge,  die unsere Väter für wahr ansahen, falsch sind, und wir wissen sehr wenig wahre, die sie nicht wussten. Diese Leere ist in unserer Seele und in unserer Phantasie geblieben, sie ist, glaube ich, der wahre Grund unserer Traurigkeit. 

Untergang der Reiche. - Sie sprechen vom Untergang der Reiche. Was wollen Sie damit sagen? Die Reiche sind weder oben noch unten noch können sie stürzen. Sie verändern ihre Physiognomie, aber man spricht immer von Einsturz und Untergang, und diese Worte fördern das Spiel der Täuschung und des Irrtums. Wenn man von Phasen der Reiche spräche, so wäre das richtiger. Das Menschengeschlecht gleicht dem Mond, aber es zeigt uns bald diese, bald jene Seite, weil wir nicht immer so stehen, dass wir es ganz überblicken können. Es gibt Reiche, die nur schön sind in der Phase des Untergangs wie das französische, andere, die nur im Zustand der Fäulnis gut sind wie das der Türken. Manche glänzen nur im ersten Viertel wie das der Jesuiten; ein einziges war schön bei Vollmond: das des Papstes.  

Montag, 27. Juni 2022

Die Erziehung. - Mein Traktat über die Erziehung ist fertig. Ich beweise darin, dass die Erziehung für den Menschen wie für die Tiere die gleiche ist. Sie läuft auf zweierlei hinaus: Ungerechtigkeiten ertragen lernen, Langeweile ertragen lernen. Was lässt man ein Pferd in der Reitschule tun? Es geht von Natur im Pass, Trab, Galopp, Schritt. Aber es tut das, wie es ihm gut dünkt und wie es Lust hat- Man lehrt es nun, diese Gangarten gegen seinen Willen anzunehmen, gegen seine Vernunft - da liegt die Ungerechtigkeit - und sie 2 Stunden lang fortzusetzen - da liegt die Langeweile. Lässt man daher ein Kind Latein, Griechisch, Französisch lernen, so ist man nicht am sachlichen Gewinn des Unterrichts interessiert, sondern das Kind muss sich eben daran gewöhnen, den Willen anderer zu tun und sich zu langweilen und durch ein Wesen seinesgleichen gestraft zu werden und zu leiden. Wenn es hieran gewöhnt ist, so ist es dressiert, ist sozial, geht in die Welt, achtet Beamte, Minister, Könige und beklagt sich nicht über sie. Der Mensch übt seine Amtspflichten aus, er geht in sein Büro oder zur Audienz oder auf den Wachtposten oder ins Oeuil-de-Boeuf und gähnt und bleibt dort und verdient sich sein Brot. Tut er das nicht, so taugt er nichts in der Gesellschaft. Also die Erziehung ist nur die Beschneidung der natürlichen Talente, um an ihre Stelle die sozialen Pflichten zu setzen. Tut sie das nicht, so habt ihr den Dichter, den Improvisator, den Verwegenen, den Maler, den Witzbold, das Original, das andere unterhält und Hungers stirbt, weil es sich in keine der Nischen der sozialen Rangordnung einfügen kann.  

Mittwoch, 22. Juni 2022

Europa und Amerika. Die Zeit des gänzlichen Niedergangs Europas und der Auswanderung nach Amerika ist gekommen. Alles gerät in Fäulnis hier: Religion, Gesetze, Künste, Wissenschaften, und alles wird neu aufgebaut werden in Amerika.   

Erlaubt es mir, ärgerlich zu sein über die Begeisterung der Franzosen über Ludwig XVI. Ich kenne euch, ich weiss, wie leicht es euch fällt, wegen des Übermasses von Wünschen und Hoffnungen einer Sache überdrüssig zu werden. Übrigens, je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher sehe ich, dass es die schwierigste Sache von der Welt ist, Frankreich in seiner gegenwärtigen Lage gut zu regieren. Ihr seid genau in dem Zustand, in dem Titus Livius die Römer schildert, die weder ihre Übel noch ihre Heilmittel ertragen können. Die Laster haben Wurzel gefasst und sind mit den Sitten zusammengewachsen. Schafft ihr die jungen Damen ab, dann wird der Luxus schwinden, schwinden werden die Luxuskünste, und der Vorrang Frankreichs auf diesem Gebiet, das die Grundlage seines Handels, seines Reichtums, ja selbst seines Ansehens bildet, ist dahin. Ihr habt ungeheure Laster, in der Tat, aber sie sind so, dass ganz Europa sie haben und seinen Lehrmeistern den Unterricht teuer bezahlen möchte. Sind die jungen Damen fort, so wird man die Philosophen angreifen. Sie gehören zusammen, sie sind ein anderer Luxus, aber sie verleihen eurer Nation den augenblicklichen Glanz. Ihr werdet nichts mehr sein, wenn ihr nicht Lehrmeister des Lasters seid.

So steht es heute mit Europa und bei euch. Es ist sehr sonderbar, aber es ist wahr. Lasst uns nichts prophezeien, es ist das Sicherste und am wenigsten Traurige von allem, was man tun kann. Halten wir uns an die Tatsachen, teilen wir sie ohne Kommentar mit, es heisst fast schweigen, wenn man nur die puren Fakten mitteilt.