Posts mit dem Label Kierkegaard werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kierkegaard werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 31. August 2026

 

Mein Unglück

Dies ist mein Unglück: neben mir schreitet immer ein Würgengel; und es ist nicht die Tür der Auserwählten, die ich mit Blut besprenge zum Zeichen, dass er vorübergehen müsse; nein, es ist die Tür derer, bei denen er eben eintritt. Denn erst die Liebe der Erinnerung ist es, welche beglückt.

Samstag, 29. August 2026

 

Niemals fröhlich

Niemals bin ich fröhlich gewesen; und doch hat es immer so ausgesehen, als wäre in meinem Gefolge die Freude, als tanzten rings um mich her die leichten Genien der Freude, für andre immerhin unsichtbar, nicht aber für mich, dessen Augen ja vor Freude glänzten. Wenn ich alsdann so glücklich und heiter wie ein Gott den Leuten vorbeigehe, und sie mein Glück mir mißgönnen, so lache ich; denn ich verachte die Menschen, und ich räche mich. Nie habe ich gewünscht, einem Menschen unrecht zu tun, aber immer den Anschein hervorgerufen, dass jeder in meine Nähe kommende Mensch gekränkt und beleidigt wurde. Höre ich dann, wie andre ob ihrer Treue, ihrer Rechtschaffenheit gerühmt werden, dann lache ich; denn ich verachte die Menschen und ich räche mich. Mein Gemüt ist nie gegen irgend einen Menschen verhärtet gewesen; aber jedesmal, gerade wenn ich innerlich recht ergriffen war, habe ich den Anschein gehabt, dass mein Gemüt jedem Gefühle verschlossen und fremd sei. Wenn ich dann andre ihres guten Herzens wegen preisen höre, wenn ich sehe, wie sie um ihres tiefen und reichen Gefühls willen geliebt werden, so lache ich: denn ich Verachte die Menschen und räche mich. Wenn ich sehe, wie ich selbst meiner Kälte und Herzlosigkeit wegen verwünscht, verabscheut, gehaßt werde, so lache ich; alsdann wird mein Zorn gesättigt. Wenn nämlich die guten Leute mich dahin brächten, wirklich unrecht zu haben, wirklich ein Unrecht zu begehen, ja, dann hätte ich verloren.

Donnerstag, 20. August 2026

 

Johannes!

Es war ein reicher Mann, der hatte sehr viele Schafe und Rinder; und es war ein armes kleines Mädchen, die hatte nichts denn ein einiges kleines Schäflein; es aß von ihrem Bissen und trank von ihrem Becher. Du warst der reiche Mann, reich an allen Schätzen und Ehren der Welt; ich war die Arme und hatte nichts als meine Liebe. Du nahmst sie, Du freutest Dich ihrer; da winkte Dir die Luft, und Du opfertest das Wenige, das ich hatte; von Deinem Eignen konntest Du nichts opfern. Es war ein reicher Mann, der hatte sehr viele; Schafe und Rinder; es war ein armes kleines Mädchen, die hatte nichts als ihre Liebe.

Deine Kordelia.

 

Johannes!

Ist die Hoffnung denn so gar aus? Wird Deine Liebe niemals wiedererwachen? Denn daß Du mich geliebt hast, das weiß ich, wenn ich auch nicht weiß, woher ich diese Gewißheit habe. Ich will warten, ob mir die Zeit auch lang wird, ich will warten, warten, bis Du andre nicht mehr lieben magst. Dann wird Deine Liebe zu mir wieder aus dem Grabe erstehen, dann will ich Dich lieben wie immer, Dir danken wie immer, wie einst, o Johannes, wie einst! Johannes! Diese herzlose Kälte gegen mich – ist sie Dein wahres Wesen? war Deine Liebe, Dein reiches Herz – eine innere Lüge? Bist Du nun wieder Du selber? Hab Geduld mit meiner Liebe, vergib mir, daß ich nicht aufhören kann, Dich zu lieben; ich weiß es, meine Liebe ist Dir eine Last; aber es kommt doch die Zeit, da Du zu Deiner Kordelia zurückkehrst. Deine Kordelia! hörst Du es – das flehentliche Wort –: Deine Kordelia, Deine Kordelia?

Deine Kordelia.

 

Man sieht es, Kordelia war nicht ohne Modulation, wenn ihre Stimme auch nicht den Umfang hatte, den Johannes so bewunderte. Sie kann nicht alles so klar und deutlich darstellen, aber ihre Stimmung spricht sich in jedem ihrer Briefe aus. Das ist besonders bei dem zweiten Brief der Fall; man ahnt in demselben freilich mehr, was sie eigentlich will, aber diese Unvollkommenheit macht ihn für mich so rührend.

Dienstag, 11. August 2026

 

Vorsicht, meine schöne Unbekannte! Vorsicht; aus einem Wagen heraustreten ist nicht so leicht, ja es kann ein entscheidender Schritt sein. Die Wagentritte sind ja so verkehrt eingerichtet, daß man alle seine Grazie fahren lassen muß, wenn man glücklich herauskommen will; die einzige Rettung ist oft ein verzweifelter Sprung in die Arme des Kutschers und des Dieners. Ja, der Kutscher und der Diener – die haben es gut. Ich glaube wirklich, ich will in einem Hause, in dem junge Mädchen sind, einen Platz als Diener suchen. Ein Diener wird leicht in die Geheimnisse eines kleinen Fräuleins eingeweiht. – Aber springen Sie doch um Gotteswillen nicht heraus, ich bitte Sie; es ist ja dunkel; ich will Sie nicht stören, ich bleibe dort unter der Straßenlaterne stehen, dann können Sie mich unmöglich sehen, und man wird doch nur dann verlegen, wenn man weiß, daß man gesehen wird – also steigen Sie aus!

 

Lassen Sie den reizenden kleinen Fuß, den ich bereits bewundert habe, sich in der Welt versuchen! Nur Mut! Verlassen Sie sich auf ihn, er wird schon festen Grund finden, und erfaßt Sie für einen Augenblick ein Grauen, weil es Ihnen ist, als suchten Sie ihn vergebens, ja, ist Ihnen noch bange, nachdem Sie ihn gefunden? o, ziehen Sie nur rasch den andern Fuß nach – wer könnte so grausam sein, Sie in dieser gefährlichen Situation schweben zu lassen, wer wäre so alles Schönheitssinnes dar, daß er für die Offenbarung des Schönen kein Auge hätte? Oder fürchten Sie sich noch vor einem Unberufenen – doch nicht vor Ihrem Diener, auch nicht vor mir –, ich habe Ihren kleinen Fuß ja schon gesehen und habe, da ich Naturforscher bin, von Cuvier gelernt, daraus sichere Schlüsse zu ziehen. Also schnell! Wie diese Angst Ihre Schönheit hebt. Aber nein, die Angst an und für sich selber ist nicht schön, sie ist's nur, wenn man im selben Augenblick die Energie bemerkt, die sie überwindet. Ah, nun endlich! Sieh, wie fest steht der kleine Fuß! – –

 

Kein Mensch hat es gesehen. Nur eine dunkle Gestalt geht in dem Augenblick an Ihnen vorüber, da Sie in die Thür des Hauses treten. Sie erröten? Erbittert, mit stolzer Verachtung sehen Sie sich um? ein flehentlicher Blick, eine Thräne in Ihren Augen? beides ist gleich schön, und beides nehme ich mit gleichem Recht an. Aber wie boshaft bin ich – welche Nummer hat das Haus? und was sehe ich? es ist ein Galanteriewaren-Geschäft. Meine schöne Unbekannte, vielleicht ist's empörend, aber ich folge Ihnen ... Sie hat es vergessen, ach ja; wenn man siebenzehn Sommer zählt, in dem Alter Einkäufe macht und alles, was man in die Hand nimmt, mit unbeschreiblicher Freude ansieht, ja dann vergißt man leicht.

Mittwoch, 25. Februar 2026

 

Noch hat sie mich nicht gesehen; ich stehe an der andern Seite des Ladentisches. An der entgegengesetzten Wand hängt ein Spiegel. Sie weiß es nicht, aber der Spiegel weiß es. O, der unglückliche Spiegel, er kann ihr Bild, aber nicht sie selber auffangen. Unglücklicher Spiegel, er kann ihr Bild nicht in sich aufnehmen und es vor der ganzen Welt verbergen, er muß es andern verraten, so jetzt mir. Welche Qual, wenn ein Mensch so gebildet wäre! Und doch wie viele Menschen gibt's, die nichts besitzen, es sei denn in dem Augenblick, da sie es andern zeigen...

 

Wie ist sie doch schön! Armer Spiegel, das muß eine Qual sein. Gut, daß du keine Eifersucht kennst. Ihre Haare sind dunkel, ihr Teint durchsichtig, wie Samt anzufassen, ich kann's mit meinen Augen fühlen. Ihre Augen – nein, die habe ich noch nicht gesehen, sie sind von den langen Wimpern ganz bedeckt. Und ihr Kopf – ein Madonnenkopf, so rein und unschuldig; er beugt sich etwas, aber nicht im Anschauen des Einen; der Ausdruck ihres Gesichtes wechselt. Was sie betrachtet, ist das Mannigfaltige, das im Glanze irdischer Pracht und Herrlichkeit vor ihr ausgebreitet liegt. Sie zieht einen Handschuh aus und zeigt dem Spiegel – aber auch mir – eine Hand so weiß und wohlgebildet, als wäre es eine Antike, ohne jeden Schmuck, auch ohne den verräterischen Ring am vierten Finger – bravo! – Sie schlägt ihr Auge auf, wie verändert das alles und bleibt doch dasselbe: die Stirn weniger hoch, das Gesicht nicht so ganz oval wie es zuvor schien, aber lebhafter.

 

Sie spricht mit dem Kommis, sie ist munter und spricht gern. Sie hat schon zwei, drei Waren gewählt, nimmt eine vierte, hält sie in ihrer Hand, sieht sie an, fragt nach dem Preise und legt sie unter ihren Handschuh. Gewiß ist's für... den Geliebten – aber sie ist ja nicht verlobt. Ach, wie viele sind nicht verlobt und haben doch einen Geliebten, wie viele sind verlobt und haben doch keinen Geliebten... Nun will sie bezahlen, aber sie hat ihr Portemonnaie vergessen..., sie nennt vermutlich ihre Adresse; ich will sie nicht hören, ich treffe sie im Leben wohl noch wieder, und – – beim Himmel, sie wird sich der Situation erinnern. Nur nicht ungeduldig! Es muß alles in langsamen Zügen genossen werden.

Dienstag, 10. Februar 2026

 

Das mag ich leiden: abends allein in der Östergade. Ja, ich sehe den Diener, der Ihnen folgt; nein, so schlecht denke ich nicht von Ihnen, daß ich glauben könnte, Sie möchten ganz allein gehen. Aber warum so rasch? Nicht wahr? man hat doch etwas Angst und das Herz klopft, nicht weil die Sehnsucht nach Hause so groß ist, sondern in der ungeduldigen Furcht, die mit ihrer süßen Unruhe den ganzen Leib durchschauert, daher der schnelle Takt der Füße. – Aber es ist doch prächtig, unbezahlbar, so allein zu gehen – den Diener hinter sich her... Unverdrossen geht sie vorwärts. Hüten Sie sich; da kommt ein Mensch, lassen Sie den Schleier nieder, damit sein profaner Blick Sie nicht beleidigt. – Sie bemerken es nicht, aber ich sehe es, daß er die Situation überschaut. –

 

Ja, da sehen Sie es nun, was für Folgen es haben kann, wenn man allein mit dem Diener geht. Der Diener ist gefallen. Das ist im Grunde lächerlich, aber was wollen Sie nun machen? Umkehren und ihm wieder auf die Beine helfen, nein, das ist unmöglich, und mit einem Diener gehen, dessen Rock so schmutzig geworden ist? Wie unangenehm. Und ganz allein gehen? Das ist bedenklich. Hüten Sie sich, das Scheusal nähert sich... Sie antworten mir nicht, sehen mich nur an. Fürchten Sie sich vor mir? Ich mache gar keinen Eindruck auf Sie, ich sehe wie ein gutmütiger Mensch aus einer ganz andern Welt aus. Meine Verlegenheit, in der ich Sie nicht anzusehen wage, macht Sie sicher; Sie könnten fast versucht sein, sich über mich lustig zu machen. Tausend gegen eins, in diesem Augenblick hätten Sie die Kourage, mich unter den Arm zu nehmen, wenn es Ihnen selber einfiele ...

 

Also in der Stormgade wohnen Sie. Sie verneigen sich kalt und flüchtig vor mir. Habe ich das verdient, da ich Ihnen aus der unangenehmen Situation heraushalf? Es verdrießt Sie, Sie kehren zurück, danken mir für meine Freundlichkeit, reichen mir die Hand – warum werden Sie plötzlich so bleich? Ist meine Stimme nicht unverändert, meine Haltung dieselbe, mein Blick ebenso ruhig und unbefangen? Aber dieser Druck der Hand? Kann denn der etwas bedeuten? Ja, viel, mein kleines Fräulein, sehr viel; innerhalb der nächsten vierzehn Tage werde ich Ihnen alles erklären, aber so lange wird der Widerspruch Sie quälen: ich bin ein gutmütiger Mensch, der als ein Ritter ohne Furcht und Tadel einem jungen Mädchen zu Hilfe kommt, und doch – kann ich Ihre Hand in einer nichts weniger als gutmütigen Weise drücken. –

Samstag, 30. August 2025

Man frage mich, was man will! Nur frage man mich nicht nach Gründen. Einem jungen Mädchen vergibt man es, daß sie keine Gründe anzugeben weiß. »Sie lebt in Gefühlen«, heißt es. Anders mit mir. Im allgemeinen habe ich so viele und meistens einander widersprechende Gründe, daß es aus diesem Grunde mir unmöglich ist, Gründe anzugeben. Auch was Ursache und Wirkung betrifft, so will es mir scheinen, daß die eine mit der andern nicht zusammenhängt. Bald geht aus ungeheuren und gewaltigen Ursachen eine sehr geringfügige, eine unansehnlich kleine Wirkung hervor, zuweilen gar keine; bald erzeugt eine winzig kleine Ursache eine kolossale Wirkung.      

Donnerstag, 28. August 2025

 

Ja, der Winter hat auch seine Vorzüge, Ein brillant erleuchteter Saal kann für ein junges Mädchen in Balltoilette eine sehr passende Umgebung sein; aber teils zeigt sie sich hier selten ganz vorteilhaft, teils erinnert da alles zu sehr an des Dichters Wort:

»Ach, die Rosen welken bald«

Dienstag, 19. August 2025

 

Zu gewissen Zeiten möchte ich allerdings einen Ballsaal mit seinem kostbaren Luxus und dem unbezahlbaren Überfluß von Tugend und Schönheit, mit feinem mannigfachen Spiel so vieler Kräfte nicht entbehren; aber ich genieße da nicht so sehr, sondern schwelge mehr nur in der Möglichkeit des Genusses. Da fesselt nicht eine einzelne Schönheit, sondern die Totalität; ein Traumbild schwebt an einem vorüber, in welchem all jene weiblichen Wesen sich durcheinander konfigurieren, und alle diese Bewegungen suchen etwas, sie suchen Ruhe in einem einzigen Bilde, das nicht gesehen wird.

Sonntag, 10. August 2025

 

Es war auf dem Wege, der zwischen dem nördlichen und östlichen Thore liegt. Die Uhr war ungefähr halb sieben. Die Sonne hatte ihre Kraft verloren, nur die Erinnerung an dieselbe leuchtete aus dem milden Abendrot, das die Landschaft purpurn färbte. Die Natur atmete freier. Der See war klar wie ein Spiegel, der Himmel rein, nur hier und da eine leichte Wolke. Kein Blatt rührte sich. – –

 

Sie war es. Mein Auge hat mich nicht betrogen, aber obgleich ich mich so lange auf diese Stunde vorbereitet hatte, konnte ich doch einer gewissen Unruhe nicht Herr werden. Sie war allein, offenbar nicht mit sich selber, sondern mit ihren eignen Gedanken beschäftigt. Sie dachte nicht, aber die Gedanken hatten ein Bild der Sehnsucht vor ihre Seele gezaubert, ahnungsvoll und unerklärlich wie die Seufzer eines jungen Mädchens. Sie war beschäftigt, nicht mit sich selber, sondern in sich selber; und diese innere Arbeit ihrer Seele war ein unendlicher Friede, eine tiefe Ruhe in sich selber. Das ist der Reichtum eines jungen Mädchens, und wenn man diesen Reichtum in sich aufnimmt, wird man selber reich. Sie ist reich, obgleich sie selber nicht weiß, daß sie etwas besitzt; sie ist reich, sie ist ein Schatz. Ein stiller Friede ruhte auf ihr und ein Schatten leiser Wehmut verklärte ihr Gesicht. Sie war leicht wie Psyche, von der es heißt, daß die Genien sie forttrugen, ja noch leichter war sie; denn sie trug sich selber. Mögen die Lehrer der Kirche über die Himmelfahrt der Madonna streiten, mir ist's nicht unbegreiflich, denn sie gehörte der Welt nicht mehr an; aber die Leichtigkeit eines jungen Mädchens ist unbegreiflich. –

Freitag, 1. August 2025

 

Sie bemerkte nichts und glaubte deshalb auch unbemerkt zu sein. Ich ging in einiger Entfernung und verschlang ihr Bild. Langsam ging sie vorwärts, keine eilende Hast störte ihren Frieden oder die Ruhe der Umgebung. Am See saß ein Knabe und fischte; sie blieb stehen, betrachtete den Spiegel des Wassers und den Kork an der Angelschnur. Sie war nicht rasch gegangen, schien aber doch warm geworden zu sein, und löste ein kleines Tuch, das sie unter dem Shawl um den Hals gebunden hatte. Der Knabe war offenbar nicht gerade davon erbaut, daß er beobachtet wurde, und schaute sich mit einem ziemlich phlegmatischen Blick nach ihr um. Der kleine Bursche sah in der That komisch aus, und ich kann's ihr nicht verdenken, daß sie über ihn lachen mußte. Wie kindlich lachte sie! Wäre sie mit dem Knaben allein gewesen, so hätte sie sich – glaube ich – nicht gefürchtet, den Kampf mit ihm aufzunehmen. Ihr Auge war groß und glänzend; wenn man in dasselbe hineinschaute, hatte es einen dunkeln Glanz, der keine unendlichen Tiefen ahnen ließ; es war rein und unschuldig, mild und ruhig, voller Schelmerei, als sie lächelte.