Mittwoch, 30. August 2023

 

Ewige Nacht

Mein Leben ist wie eine ewige Nacht. Sterbe ich einmal, so kann ich mit Achilles sagen:

»Du bist vollbracht, Nachtwache meines Daseins.«

Donnerstag, 17. August 2023

 

Wie doch die menschliche Natur durchweg sich gleich bleibt! Mit welcher angebornen Genialität kann oft ein kleines Kind uns in lebendigem Bilde darstellen, was in den größern Lebensverhältnissen vor sich geht. Heute amüsierte ich mich über den kleinen Ludwig. Da saß er in seinem kleinen Stuhl; mit besonderem Behagen blickte er um sich. Da ging das Kindermädchen Maren durch das Zimmer. »Maren!« rief er. »Ja, kleiner Ludwig,« antwortete sie mit gewohnter Freundlichkeit und trat zu ihm. Er legte seinen Kopf etwas auf die linke Seite, richtete auf sie seine großen Augen mit einer gewissen Schelmerei und sagte danach ganz phlegmatisch: das sei nicht die Maren; das sei eine andre Maren. Was tun wir Erwachsenen? Wir winken der ganzen Welt; und ist sie uns nun freundlich entgegengekommen, dann sagen wir, das sei nicht die Maren.

Dienstag, 15. August 2023

 

Zur Erkenntnis der Wahrheit bin ich vielleicht gekommen, zur Seligkeit sicherlich nicht. Was soll ich tun? »In der Welt wirken!« so antworten die Menschen. Sollte ich der Welt also mein Herzeleid mitteilen, einen Beitrag zu dem Beweise liefern, wie traurig und jämmerlich alles ist, vielleicht einen neuen Flecken im Menschenleben entdecken, der bisher unbeachtet geblieben war? Ich könnte alsdann den seltenen Lohn einernten, berühmt zu werden, gleich dem Manne, der die Flecken im Stern Jupiter entdeckt hat. Ich ziehe es doch vor, zu schweigen.

Freitag, 4. August 2023

Unsre Zeit erinnert sehr an die Auflösungsperiode des griechischen Staates: alles ist noch so, wie es vor alters war, aber keiner glaubt's, daß es so bleibt. Das unsichtbare Geistesband ist verschwunden, daher die ganze Zeit zugleich komisch und tragisch ist; tragisch, weil sie untergeht, komisch, weil sie besteht; denn immer trägt doch das Unvergängliche das Vergängliche, der Geist den Leib, und wär's möglich, daß ein Leichnam noch eine Weile die gewohnten Funktionen ausführte, so würde das zugleich komisch und tragisch sein. Aber laß die Zeit nur zehren; je mehr sie von dem substantiellem Gehalt, der in der romantischen Liebe lag, aufgezehrt hat, um so größer wird auch das Verderben sein, und man wird mit Schrecken und Verzweiflung sehen, wie unglücklich man sich selber gemacht hat.