Ewige Nacht
Mein Leben ist wie eine ewige Nacht. Sterbe ich
einmal, so kann ich mit Achilles sagen:
»Du bist vollbracht, Nachtwache meines Daseins.«
PART OF THE “QUID AUTEM ISTA LOQUOR” PROJECT
Wie doch die menschliche Natur durchweg sich gleich
bleibt! Mit welcher angebornen Genialität kann oft ein kleines Kind uns in
lebendigem Bilde darstellen, was in den größern Lebensverhältnissen vor sich
geht. Heute amüsierte ich mich über den kleinen Ludwig. Da saß er in seinem
kleinen Stuhl; mit besonderem Behagen blickte er um sich. Da ging das
Kindermädchen Maren durch das Zimmer. »Maren!« rief er. »Ja, kleiner Ludwig,«
antwortete sie mit gewohnter Freundlichkeit und trat zu ihm. Er legte seinen
Kopf etwas auf die linke Seite, richtete auf sie seine großen Augen mit einer
gewissen Schelmerei und sagte danach ganz phlegmatisch: das sei nicht die
Maren; das sei eine andre Maren. Was tun wir Erwachsenen? Wir winken der ganzen
Welt; und ist sie uns nun freundlich entgegengekommen, dann sagen wir, das sei
nicht die Maren.
Zur
Erkenntnis der Wahrheit bin ich vielleicht gekommen, zur Seligkeit sicherlich
nicht. Was soll ich tun? »In der Welt wirken!« so antworten die Menschen.
Sollte ich der Welt also mein Herzeleid mitteilen, einen Beitrag zu dem Beweise
liefern, wie traurig und jämmerlich alles ist, vielleicht einen neuen Flecken
im Menschenleben entdecken, der bisher unbeachtet geblieben war? Ich könnte
alsdann den seltenen Lohn einernten, berühmt zu werden, gleich dem Manne, der
die Flecken im Stern Jupiter entdeckt hat. Ich ziehe es doch vor, zu schweigen.
Unsre Zeit erinnert sehr an die Auflösungsperiode
des griechischen Staates: alles ist noch so, wie es vor alters war, aber keiner
glaubt's, daß es so bleibt. Das unsichtbare Geistesband ist verschwunden, daher
die ganze Zeit zugleich komisch und tragisch ist; tragisch, weil sie untergeht,
komisch, weil sie besteht; denn immer trägt doch das Unvergängliche das
Vergängliche, der Geist den Leib, und wär's möglich, daß ein Leichnam noch eine
Weile die gewohnten Funktionen ausführte, so würde das zugleich komisch und
tragisch sein. Aber laß die Zeit nur zehren; je mehr sie von dem substantiellem
Gehalt, der in der romantischen Liebe lag, aufgezehrt hat, um so größer wird
auch das Verderben sein, und man wird mit Schrecken und Verzweiflung sehen, wie
unglücklich man sich selber gemacht hat.