Sonntag, 26. Juli 2020


Lebensalter

Seltsam genug, immer ist es dasselbe, was durch alle Lebensalter hindurch einen beschäftigt; und immer kommt man gleich weit, oder vielmehr, man geht zurück. Als ich fünfzehn Jahre alt war, schrieb ich auf dem Gymnasium mit vieler Salbung über die Beweise für Gottes Dasein und die Unsterblichkeit der Seele, über den Begriff des Glaubens, über die Bedeutung des Wunders. Für das examen artium (vor meiner Immatrikulation) verfaßte ich eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele, wofür mir das Zeugnis prae caeteris (nämlich laudabilis) zu teil wurde. Später gewann ich durch eine Abhandlung über diese Materie den Preis. Wer sollte glauben, dass ich, nach einem so soliden und vielversprechenden Anfange, jetzt, in meinem 25. Jahre, dahin gekommen bin, dass ich nicht einen einzigen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele zu führen weiß. Lebhaft erinnere ich mich aus meinen Schuljahren, wie ein von mir geschriebener Aufsatz über denselben Gegenstand von dem Lehrer außerordentlich gerühmt und vorgelesen wurde, und zwar ebensosehr der Vortrefflichkeit des Inhalts wie der Sprache wegen. Ach! ach! ach! Diesen Aufsatz habe ich schon längst fortgeworfen. Welch ein Unglück! Vielleicht würde meine zweifelnde Seele durch denselben zur Festigkeit gebracht worden sein, sowohl durch die vortreffliche Sprache als den Inhalt. Daher ist es eben mein wohlgemeinter Rat an Eltern, Vorgesetzte und Lehrer, den ihnen anvertrauten Jungen einzuschärfen, die im fünfzehnten Jahre abgefaßten Aufsätze ja aufzubewahren. Diesen Rat zu erteilen, ist das Einzige, was ich zum Besten der Menschheit zu tun vermag.


Kette

Was ist's, was mich fesselt? - Woraus war die Kette geschmiedet, mit welcher der Fenriswolf gefesselt wurde? Sie war zusammengeschweißt aus dem Geräusch, das die Füße des Katers machen, wenn er über den Erdboden streicht, aus den Bärten der Weiber, den Wurzeln der Felsen, der Streu des Bären, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. So bin auch ich mit einer Kette gefesselt, die aus düsteren Einbildungen, schreckhaften Träumen, unruhigen Gedanken, bangen Ahnungen, unerklärlichen Beängstigungen geschmiedet ist. Diese Kette ist von sehr großer Geschmeidigkeit, weich wie Seide, der stärksten Anspannung nachgebend und gar nicht zu zerreißen.

Sonntag, 19. Juli 2020


Lachen

Sowie es, der Sage nach, dem (Pythagoräer) Parmoniskus ging, welcher in der throphonischen Höhle die Fähigkeit zu lachen verlor, aber auf Delos sie wiederbekam beim Anblick eines unförmlichen Klotzes, welcher als Bildnis der Göttin Leto ausgestellt wurde, gerade so ist es mir ergangen. Als ich sehr jung war, da verlernte ich in der throphonischen Höhle das Lachen; als ich die Augen aufschlug und die Wirklichkeit betrachtete, da fing ich an, zu lachen, und habe seit dieser Zeit hiermit nicht aufgehört. Ich habe gesehen, dass die Bedeutung des Lebens darin besteht, ein Brot, eine Verfolgung zu bekommen, das höchste Ziel darin, Justizrat zu werden; dass das heiße Verlangen der Liebe darauf hinausgeht eine gute Partie zu machen; dass der stetige Genuß der Freundschaft so viel heißt, als einander in Geldverlegenheiten auszuhelfen; dass die Weisheit nichts weiter ist, als was eben die meisten dafür gelten lassen; dass Begeisterung so viel heißt, als eine Standrede zu halten; dass der Mut sich darin bewährt, es darauf zu wagen, dass man in 10 Rbd. Mulkt verurteilt werde; dass Herzlichkeit bedeutet, nach einem Diner zu einander: «Wohl bekomm's! gesegnete Mahlzeit!» zu sagen; die Frömmigkeit darin, einmal im Jahre zum Abendmahl zu gehen. Das habe ich gesehen, und ich lache.


Echo

Ich habe nur einen Freund; das ist das Echo. Und warum ist es mein Freund? Weil ich meinen Kummer liebe, und diesen nimmt es mir nicht fort. Ich habe nur einen Vertrauten, das ist die Stille der Nacht; und warum ist sie meine Vertraute? Weil sie schweigt.


Erinnerung

Für mich ist nichts gefährlicher, als - mich zu erinnern. Habe ich mich irgend eines früheren Verhältnisses erinnert, so hat das Verhältnis selbst aufgehört. Man sagt, dass Trennung dazu helfe, die Liebe aufzufrischen. Das ist durchaus wahr; aber diese wird dadurch auf rein poetische Art aufgefrischt. In der Erinnerung zu leben, ist das am meisten vollendete Leben, das sich denken läßt. Die Erinnerung befriedigt reichlicher, als alte Wirklichkeit, und sie hat eine Sicherheit, wie sie keiner Wirklichkeit eigen ist. Ein in der Erinnerung fortlebendes Verhältnis ist schon in die Ewigkeit übergegangen und hat kein zeitliches Interesse mehr.

Donnerstag, 2. Juli 2020


Wirklichkeit

Was die Philosophen von der Wirklichkeit sagen, ist oft geradeso täuschend, wie wenn man bei einem Trödler auf einem Schilde liest: «Hier wird gerollt.» Käme man nun mit seiner Wäsche, um sie gerollt zu bekommen, so wäre man angeführt: denn das Schild steht da bloß zum Verkaufe.


Gedächtnis

Müßte irgend ein Mensch ein Tagebuch führen, so müßte ich es, und zwar, um meinem Gedächtnis etwas zu Hilfe zu kommen. Nach Verlauf von einiger Zeit geht es mir öfter so, dass ich völlig vergessen habe, welche Gründe mich zu diesem oder jenem vermochten, und das gar nicht nur in betreff geringfügiger Dinge, sondern der allerentscheidendsten Schritte. Fällt mir dann der Beweggrund ein, so kann er mitunter so sonderbarer Art sein, dass ich nicht einmal selbst es glauben mag, dieses sei der Grund gewesen. Ein solcher Zweifel würde beseitigt, wenn ich irgend etwas Geschriebenes hätte, mich daran zu halten. Ein Grund ist überhaupt ein sonderbares Ding. Sehe ich ihn mit meiner vollen Leidenschaft an, so wächst er empor zu einer ungeheuren Notwendigkeit, welche Himmel und Erde in Bewegung setzen kann; bin ich ohne Leidenschaft, dann blicke ich höhnisch lächelnd auf ihn herab. - Ich habe nun schon längere Zeit darüber spekuliert, welcher Grund mich eigentlich bewegen hat, meine Adjunktur (d.h. das Lehreramt an einer gelehrten Schule) niederzulegen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so kommt es mir vor, dass eine derartige Anstellung just etwas für mich war. Heute ist mir ein Licht aufgegangen: der Beweggrund war eben dieser, dass ich mich für diesen Posten ganz besonders geschickt halten durfte. Wäre ich damals in meinem Amte geblieben, so hätte ich alles einzusetzen und alles zu verlieren gehabt, nichts zu gewinnen. Deshalb sah ich es als das Richtigste an, meinen Posten aufzugeben und bei einer umherziehenden Schauspielergesellschaft ein Engagement zu suchen, aus dem Grunde, weil ich kein Talent hatte und also alles zu gewinnen.