Mittelalter
- jene Zeit, wo die Fäuste geübter waren als die Köpfe und die Pfaffen die
Vernunft in Ketten hielten.
PART OF THE “QUID AUTEM ISTA LOQUOR” PROJECT
Was die Schreiberei unserer Philosophaster so
überaus gedankenarm und dadurch marternd langweilig macht, ist zwar im letzten
Grunde die Armut ihres Geistes, zunächst aber dieses, daß ihr Vortrag sich
durchgängig in höchst abstrakten, allgemein und überaus weiten Begriffen
bewegt, daher auch meistens nur in unbestimmten, schwankenden, verblassenen
Ausdrücken einherschreitet. Zu diesem … Gange sind sie aber genötigt, weil sie
sich hüten müssen, die Erde zu berühren, wo sie, auf das Reale, Bestimmte,
Einzelne und Klare stoßend, lauter gefährliche Klippen antreffen würden, an
denen ihre Wortdreimaster scheitern könnten. Denn statt Sinne und Verstand fest
und unverwandt zu richten auf die anschaulich vorliegende Welt, auf das
eigentlich und wahrhaft Gegebene … – kennen sie nichts als nur die höchsten
Abstraktionen wie Sein, Wesen, Werden, Absolutes, Unendliches usf., gehen schon
von diesen aus und bauen daraus Systeme, deren Gehalt zuletzt auf bloße Worte
hinausläuft, die also eigentlich nur Seifenblasen sind, eine Weile damit zu
spielen, jedoch den Boden der Realität nicht berühren können, ohne zu platzen.
Deshalb beruht der gute Stil hauptsächlich darauf, daß
man wirklich etwas zu sagen habe: bloß diese Kleinigkeit ist es, die den meisten
Schriftstellern unsrer Tage abgeht und dadurch Schuld ist an ihrem so schlechten
Vortrage. Besonders aber ist der generische Charakter der philosophischen Schriften
dieses Jahrhunderts das Schreiben, ohne eigentlich etwas zu sagen zu haben: er ist
ihnen allen gemeinsam und kann daher auf gleiche Weise am Salat, wie am Hegel, am
Herbart, wie am Schleiermacher studirt werden. Da wird, nach homoiopathischer
Methode, das schwache Minimum eines Gedankens mit 50 Seiten Wortschwall diluirt
und nun, mit grenzenlosem Zutrauen zur wahrhaft deutschen Geduld des Lesers, ganz
gelassen, Seite nach Seite, so fortgeträtscht. Vergebens hofft der zu dieser Lektüre
verurtheilte Kopf auf eigentliche, solide und substantielle Gedanken: er schmachtet,
ja, er schmachtet nach irgend einem Gedanken, wie der Reisende in der arabischen
Wüste nach Wasser, — und muß verschmachten.
Beredsamkeit ist die Fähigkeit, unsere Ansicht einer Sache, oder unsere Gesinnung hinsichtlich derselben, auch in Andern zu erregen, unser Gefühl darüber in ihnen zu entzünden und sie so in Sympathie mit uns zu versetzen; dies Alles aber dadurch, daß wir, mittelst Worten, den Strohm unserer Gedanken in ihren Kopf leiten, mit solcher Gewalt, daß er den ihrer eigenen von dem Gange, den sie bereits genommen, ablenkt und in seinen Lauf mit fortreißt. Dies Meisterstück wird um so größer seyn, je mehr der Gang ihrer Gedanken vorher von dem unserigen abwich. Hieraus wird leicht begreiflich, warum die eigene Ueberzeugung und die Leidenschaft beredt macht, und überhaupt Beredsamkeit mehr Gabe der Natur, als Werk der Kunst ist: doch wird auch hier die Kunst die Natur unterstützen.