Freitag, 23. April 2021

Je n'ay point cette erreur commune de juger d'un autre selon que je suis. J'en croy aysément des choses diverses à moy. Pour me sentir engagé à une forme, je n'y oblige pas le monde, comme chascun fait; et croy, et conçois mille contraires façons de vie; et, au rebours du commun, reçoy plus facilement la difference que la ressemblance en nous. Je descharge tant qu'on veut un autre estre de mes conditions et principes, et le considere simplement en luy-mesme, sans relation, l'estoffant sur son propre modelle. Pour n'estre continent, je ne laisse d'advouer sincerement la continence des Feuillans et des Capuchins, et de bien trouver l'air de leur train: je m'insinue, par imagination, fort bien en leur place. Et si les ayme et les honore d'autant plus qu'ils sont autres que moy. Je desire singulierement qu'on nous juge chascun à part soy, et qu'on ne me tire en consequence des communs exemples. 
Ich habe nicht diesen gewöhnlichen Fehler, über andere nach mir selbst zu urteilen. Ich halte ihnen gerne Dinge zugute, die mir selbst fremd sind. Wenn ich mich selbst zu einem Verhalten verpflichtet fühle, so nötige ich es deshalb nicht der Welt auf, wie es jedermann tut; und anerkenne und begreife tausend sich widersprechende Lebensweisen; und im Gegensatz zum allgemeinen Brauch lasse ich leichter die Verschiedenheit als die Ähnlichkeit unter uns gelten. Ich erlasse, so viel man verlangt, einem anderen Wesen meine eigenen Lebensregeln und Grundsätze und betrachte es nur in sich selbst, ohne Beziehung auf anderes, und statte es nach seinem eigenen Bilde aus. Dass ich nicht enthaltsam bin, hindert mich nicht, die Enthaltsamkeit der Barfüsser und Kapuziner aufrichtig anzuerkennen und die art ihres Wandelns hoch zu schätzen: ich versetze mich in der Vorstellung sehr leicht an ihre Stelle. Und doch liebe und ehre ich sie um so mehr, als sie anders sind als ich. Ich wünsche inständig, dass man jeden von uns gesondert richte und mich nicht über den gemeinen Leisten schlage.  

Samstag, 10. April 2021

Die Unerschütterlichkeit des Weisen ist nichts anderes als die Kunst, Stürme in ihrem Herzen zu verschliessen.

La constance des sages n'est que l'art de renfermer leur agitation dans le coeur.

The constancy of sages is only the art of confining their agitation in their hearts.

Im menschlichen Herzen liegt eine unzerstörbare Brut von Leidenschaften, und das Ende der einen ist fast immer der Anfang einer anderen.  

Il y a dans le coeur humain une génération perpétuelle de passions, en sorte que la ruine de l'une est presque toujours l'établissement d'une autre.

There is a perpetual generation of passions in the human heart, in such a way that the ruin of one is nearly always the establishment of another.

Sonntag, 4. April 2021

Ma foiblesse n'altere aucunement les opinions que je dois avoir de la force et vigueur de ceux qui le meritent. Sunt qui nihil laudent, nisi quod se imitari posse confidunt. Rampant au limon de la terre, je ne laisse pas de remerquer, jusques dans les nues, la hauteur inimitable d'aucunes ames heroïques. C'est beaucoup pour moy d'avoir le jugement reglé, si les effects ne le peuvent estre, et maintenir au moins cette maistresse partie exempte de corruption. C'est quelque chose d'avoir la volonté bonne, quand les jambes me faillent.

Meine Schwäche entstellt keineswegs die Meinung, die ich von der Stärke und Kraft derer hegen muss, die es verdienen. Sunt qui nihil laudent, nisi quod se imitari posse confidunt. Manche loben immer nur das, was sie sich zutrauen, selbst nachahmen zu können. Der ich im Kot der Erde krieche, nehme ich doch nicht minder bis in die Wolken die unnachahmliche Hoheit einiger heldenhaften Seelen wahr. Mir ist es schon viel, in meinen Urteilen beherrscht zu sein, wenn ich es in meinen Handlungen nicht sein kann, und wenigstens diese vornehmste Gabe frei von Verderbnis zu bewahren. Es ist etwas, den Willen aufrecht zu erhalten, wenn mir die Beine versagen.

Ce siècle auquel nous vivons, au moins pour nostre climat, est si plombé que, je ne dis pas l'execution, mais l'imagination mesme de la vertu en est à dire; et semble que ce ne soit autre chose qu'un jargon de colliege: virtutem verba putant, ut Lucum ligna. Quam vereri deberent, etiamsi percipere non possent.
C'est un affiquet à pendre en un cabinet, ou au bout de la langue, comme au bout de l'oreille, pour parement.

Das Jahrhundert, in dem wir leben, zumindest in unseren Breiten, ist so heruntergekommen, dass es, ich sage nicht: an der Übung, sondern sogar an der Vorstellung der Tugend gebricht; und es scheint, als sei sie nichts weiter als ein Schulgeschwätz:

                virtutem verba putant, ut
           Lucum ligna;
quam vereri deberent, etiam si percipere non possent.

Die Tugend ist ihnen ein Wort und der heilige Hain ein Gehölz.
  -  die sie ehren sollten, auch wenn sie sie nicht zu fassen vermögen. 

Es ist eine Zierat, die man in ein Stübchen hängt oder an die Zungenspitze, wie ein Anhängsel an das Ohrläppchen.