Die menschliche Würde findet doch noch Anerkennung in der Natur: denn will man die Vögel von den Obstbäumen fern halten, so stellt man ein Etwas auf, das wie ein Mensch aussehen muß; und sogar die sehr entfernte Menschenähnlichkeit, wie eine Vogelscheuche sie darstellt, genügt, um Respekt einzuflößen.
Mittwoch, 30. Dezember 2020
Mittwoch, 23. Dezember 2020
Mein Lebensresultat kommt hinaus auf ein reines
Nichts, eine Stimmung, eine einzelne Farbe. Mein Resultat wird einigermaßen dem
Gemälde jenes Künstlers ähnlich, welcher den Durchgang der Juden durchs rote
Meer malen sollte, und zu dem Ende die ganze Wand rot anstrich, indem er
erklärte: die Juden waren hinüber, die Ägypter ertrunken.
Laß andre darüber klagen, dass die Zeit böse sei: ich klage darüber, dass sie jämmerlich ist, denn sie ist ohne Leidenschaft. Die Gedanken der Menschen sind dünn, zart und hinfällig, wie Spitzen, welche selbst so bemitleidenswert sind, wie die armen Spitzenweberinnen. Ihre Herzensgedanken sind zu erbärmlich, um böse und sündhaft zu sein. Für einen Wurm würde es vielleicht als Sünde gelten können, solche Gedanken zu hegen, nicht für einen Menschen, welcher nach Gottes Bilde geschaffen ist. Ihre Lüfte sind gemessen und mattherzig, ihre Leidenschaften schläfrig. Sie tun ihre Pflicht, diese Krämerseelen, erlauben sich aber doch, hierin den Juden ähnlich, die Gold- und Silbermünzen ein bißchen zu beschneiden; sie meinen, daß, auch wenn unser Herrgott noch so ordentlich Buch führe, man dennoch insgeheim ihn schon ein wenig anführen könne. Pfui über sie! Daher wendet meine Seele sich immer zum Alten Testamente und zu Shakespeare zurück. Da empfindet man doch: das sind Menschen, die da reden; da haßt man, da liebt man, bringt seinen Feind um, verflucht seine Nachkommen durch alle Geschlechter hindurch; da sündigt man.
Donnerstag, 10. Dezember 2020
Der Zauberer Virgilius ließ sich selbst in Stücke hauen und in einen Küchengrapen hineinthun, um acht Tage lang gekocht und durch diesen Prozeß verjüngt zu werden. Er stellte einen andern an, der aufpassen sollte, daß kein Unbefugter in den Grapen hineingucke. Der Aufpasser konnte indes der Versuchung nicht widerstehen, es geschah vor der Zeit: Virgilius verschwand, als Kind, mit einem Schrei. Ich habe auch zu früh in den Grapen, die Retorte des Lebens und der geschichtlichen Entwickelung geguckt, und bringe es niemals weiter, als daß ich ein Kinde bleibe.
Samstag, 5. Dezember 2020
»Niemals darf man den Mut verlieren; wenn die
Trübsale sich am furchtbarsten über einem türmen, dann erblickt man in den
Wolken eine hilfreiche Hand.« Also sprach Se. Wohlehrwürden Jesper Morten im
letzten Nachmittagsgottesdienste. Ich bin nun gewohnt, mich fleißig unter
freiem Himmel umherzutreiben; aber so etwas habe ich nie bemerkt. Vor einigen
Tagen ward ich auf einer Tour über Feld solch ein Phänomen gewahr. Eigentlich
war's wohl keiner Hand, eher einem Arme ähnlich, der sich aus dem Gewölke
hervorstreckte. Ich versank in Nachdenken. Es fiel mir ein: wäre nur Jesper
Morten jetzt zur Stelle, um zu entscheiden, ob er diese Erscheinung gemeint
habe! - Wie ich so mitten in diesen Gedanken dastehe, werde ich von einem
Wanderer angeredet, welcher, nach den Wolken emporzeigend, spricht: »Sehen Sie
die Wasserhose? in diesen Gegenden sieht man sie seltener: sie reißt zuweilen
ganze Häuser mit sich fort.« »Ih, Gott bewahre!« dachte ich, »ist das eine
Wasserhose?« Und ich nahm Reißaus, so schnell ich konnte. Was hätte der
ehrwürdige Pastor Jesper Morten an meiner Stelle getan? –
Mittwoch, 11. November 2020
Nos jugemens sont encores malades, et suyvent la depravation de nos meurs. Je voy la pluspart des esprits de mon temps faire les ingenieux à obscurcir la gloire des belles et genereuses actions anciennes, leur donnant quelque interpretation vile, et leur controuvant des occasions et des causes vaines. Grande subtilité! Qu'on me donne l'action la plus excellente et pure, je m'en vois y fournir vraysemblablement cinquante vitieuses intentions. Dieu sçait, à qui les veut estendre, quelle diversité d'images ne souffre nostre interne volonté. Ils ne font pas tant malitieusement que lourdement et grossierement les ingenieux à tout leur mesdisance.
Unsere Urteile sind ebenfalls krank und folgen dem Verderben unserer Sitten. Ich sehe die meisten Geistern meiner Zeit sich damit sehr scharfsinnig gebärden, dass sie den Ruhm der schönen und hochherzigen Taten des Altertums verdunkeln, indem sie ihnen irgendeine verächtliche Auslegung geben und ihnen nichtige Anlässe und Gründe unterschieben. Welch grosse Gedankentiefe! Man gebe mir die vortrefflichste und reinste Handlung, und ich werde euch dafür auf der Stelle mit allem Schein der Wahrheit fünfzig nichtswürdige Absichten ausfindig machen. Gott weiss, welche Vielfalt von Deutungen, wenn man sie nur zerpflücken will, unser innerer Wille gestattet. Sie spielen nicht so sehr spitzfindig als vielmehr ungeschlacht und plump die Neunmalklugen mit ihrer Lästersucht.
Samstag, 31. Oktober 2020
Sonntag, 25. Oktober 2020
Samstag, 24. Oktober 2020
Mittwoch, 14. Oktober 2020
Samstag, 10. Oktober 2020
Sonntag, 20. September 2020
In Arkadien geboren sind wir alle, d. h. wir treten in die Welt voller Ansprüche auf Glück und Genuß, und bewahren die thörichte Hoffnung solche durchzusetzen, bis das Schicksal uns unsanft packt und uns zeigt, daß nichts unser ist, sondern alles seins, da es ein unbestreitbares Recht hat nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb, sondern auf Arm, Bein, Auge und Ohr, ja auf die Nase mitten im Gesicht. Sodann kommt die Erfahrung und lehrt uns daß Glück und Genuß bloße Chimären sind, die eine Illusion uns in der Ferne zeigt, hingegen das Leiden, der Schmerz real sind, sich selbst unmittelbar kundgeben ohne der Illusion und Erwartung zu bedürfen.
Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloß und Kette der gesetzlichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist.
Mittwoch, 9. September 2020
Mein Leben in der wirklichen Welt ist ein bittersüßer Trank. Es ist nämlich, wie mein Dasein überhaupt, ein stetes Erwerben von Erkenntnis, Gewinnen von Einsicht, das hier diese wirkliche Welt und mein Verhältnis zu ihr betrifft. Der Gehalt dieser Erkenntnis ist traurig und niederschlagend. Aber die Form der Erkenntnis überhaupt, das Gewinnen an Einsicht, das Eindringen in die Wahrheit ist durchaus erfreulich und mischt fortwährend seine Süße in jene Bitterkeit, seltsamerweise.
Betrachtet das Insekt auf eurem Wege: eine kleine, unbewußte Wendung eures Fußtrittes ist über sein Leben oder Tod entscheidend. Seht die Waldschnecke, ohne alle Mittel zur Flucht, zur Wehr, zur Täuschung, zum Verbergen, eine bereite Beute für Jeden. Seht den Fisch sorglos im noch offenen Netze spielen; den Frosch durch seine Trägheit von der Flucht, die ihn retten könnte, abgehalten; den Vogel, der den über ihm schwebenden Falken nicht gewahr wird; die Schaafe, welche der Wolf aus dem Busch ins Auge faßt und mustert. Diese Alle gehn, mit wenig Vorsicht ausgerüstet, arglos unter den Gefahren umher, die jeden Augenblick ihr Daseyn bedrohen. Indem nun also die Natur ihre so unaussprechlich künstlichen Organismen nicht nur der Raublust des Stärkeren, sondern auch dem blindesten Zufall, und der Laune jedes Narren, und dem Muthwillen jedes Kindes, ohne Rückhalt Preis giebt, spricht sie aus, daß die Vernichtung dieser Individuen ihr gleichgültig sei, ihr nicht schade, gar nichts zu bedeuten habe, und daß, in jenen Fällen, die Wirkung so wenig auf sich habe, wie die Ursache. Sie sagt dies sehr deutlich aus, und sie lügt nie: nur kommentirt sie ihre Aussprüche nicht; vielmehr redet sie im lakonischen Stil der Orakel. Wenn nun die Allmutter so sorglos ihre Kinder tausend drohenden Gefahren, ohne Obhut, entgegensendet; so kann es nur seyn, weil sie weiß, daß wenn sie fallen, sie in ihren Schooß zurückfallen, wo sie geborgen sind, daher ihr Fall nur ein Scherz ist. Sie hält es mit dem Menschen nicht anders, als mit den Thieren. Ihre Aussage also erstreckt sich auch auf diesen: Leben oder Tod des Individuums sind ihr gleichgültig.
Montag, 31. August 2020
Mittwoch, 26. August 2020
Freitag, 21. August 2020
Donnerstag, 20. August 2020
Mittwoch, 19. August 2020
Samstag, 15. August 2020
Sonntag, 2. August 2020
Sonntag, 26. Juli 2020
Sonntag, 19. Juli 2020
Donnerstag, 2. Juli 2020
Sonntag, 28. Juni 2020
Donnerstag, 18. Juni 2020
Mittwoch, 10. Juni 2020
Samstag, 6. Juni 2020
Und der Meister des Chores, nachdem er in seiner Schilderung die Namen der grössten Römer aufgeführt hat, beschliesst in dieser Weise:
Donnerstag, 28. Mai 2020
Dienstag, 19. Mai 2020
Sonntag, 17. Mai 2020
Montag, 11. Mai 2020
Mittwoch, 8. April 2020
10. Neid ist dem Menschen natürlich: dennoch ist er ein Laster und Unglück zugleich. Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich fühlen; ihre beständige Aufmerksamkeit auf fremdes Tun und Lassen, wie sehr sie sich langweilen. Wir sollen daher ihn als den Feind unseres Glückes betrachten und als einen bösen Dämon zu ersticken suchen. Hierzu leitet uns Seneka an mit den schönen Worten: Unser Zustand ist uns dienlich, wenn wir ihn mit keinem andern vergleichen: wer es aber nicht erleiden kann, daß ein anderer glücklicher ist, wird niemals glücklich sein – und wiederum: Wenn du siehst, wie vielen es besser geht als dir, denke auch an die, denen es schlechter geht: also wir sollen öfter die betrachten, welche schlimmer daran sind, als wir, denn die, welche besser daran zu sein scheinen. Sogar wird, bei eingetretenen, wirklichen Übeln, uns den wirksamsten, wiewohl aus derselben Quelle mit dem Neide fließenden Trost die Betrachtung größerer Leiden, als die unsrigen sind, gewähren, und nächstdem der Umgang mit solchen, die mit uns im selben Falle sich befinden, mit den Genossen des Unglücks.
Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der passiven ist zu erwägen, daß kein Haß so unversöhnlich ist, wie der Neid; daher wir nicht unablässig und eifrig bemüht sein sollten, ihn zu erregen, vielmehr besser täten, diesen Genuß, wie manchen andern, der gefährlichen Folgen wegen, uns zu versagen.
Es gibt drei Aristokratien: 1. die der Geburt und des Ranges; 2. die Geldaristokratie; 3. die geistige Aristokratie. Letztere ist eigentlich die vornehmste, wird auch dafür anerkannt, wenn man ihr nur Zeit läßt: hat doch schon Friedrich der Große gesagt: Geniale Menschen stehen so hoch wie Monarchen, und zwar zu seinem Hofmarschall, der Anstoß daran nahm, daß, während Minister und Generäle an der Marschallstafel aßen, Voltaire an einer Tafel Platz nehmen sollte, an welcher bloß regierende Herren und ihre Prinzen saßen. – Jede dieser Aristokratien ist umgeben von einem Heer ihrer Neider, welche gegen jeden ihr Angehörigen heimlich erbittert und, wenn sie ihn nicht zu fürchten haben, bemüht sind, ihm auf mannigfaltige Weise zu verstehen zu geben, »du bist nichts mehr, als wir!« Aber gerade diese Bemühungen verraten ihre Überzeugung vom Gegenteil.
Das von den Beneideten dagegen anzuwendende Verfahren besteht im Fernhalten aller dieser Schar Angehörigen und im möglichsten Vermeiden jeder Berührung mit ihnen, so daß sie durch eine weite Kluft abgetrennt bleiben; wo aber dies nicht angeht, im höchst gelassenen Ertragen ihrer Bemühungen, deren Quelle sie ja neutralisiert: – auch sehen wir dasselbe durchgängig angewandt. Hingegen werden die der einen Aristokratie Angehörigen sich mit denen einer der beiden andern meistens gut und ohne Neid vertragen; weil jeder seinen Vorzug gegen den der andern in die Waage legt.
Freitag, 3. April 2020
11. Man überlege ein Vorhaben reiflich und wiederholt, ehe man dasselbe ins Werk setzt, und selbst nachdem man alles auf das Gründlichste durchdacht hat, räume man noch der Unzulänglichkeit aller menschlichen Erkenntnis etwas ein, infolge welcher es immer noch Umstände geben kann, die zu erforschen oder vorherzusehen unmöglich ist und welche die ganze Berechnung unrichtig machen könnten. Dieses Bedenken wird stets ein Gewicht auf die negative Schale legen und uns anraten, in wichtigen Dingen, ohne Not, nichts zu ruhen: quieta non movere, das Ruhende nicht bewegen.
Ist man aber einmal zum Entschluß gekommen und hat Hand ans Werk gelegt, so daß jetzt alles seinen Verlauf zu nehmen hat und nur noch den Ausgang abzuwarten steht; dann ängstige man sich nicht durch stets erneuerte Überlegung des bereits Vollzogenen und durch wiederholtes Bedenken der möglichen Gefahr; vielmehr entschlage man der Sache sich jetzt gänzlich, halte das ganze Gedankenfach derselben verschlossen, sich mit der Überzeugung beruhigend, daß man alles zu seiner Zeit reiflich erwogen habe. Diesen Rat erteilt auch das italienische Sprichwort legala bene, e poi lascia la andare, welches Goethe übersetzte »Du, sattle gut und reite getrost« – wie denn beiläufig gesagt, ein großer Teil seiner unter der Rubrik »Sprichwörtlich« gegebenen Gnomen übersetzte italienische Sprichwörter sind.
Kommt dennoch ein schlimmer Ausgang, so ist es weil alle menschlichen Angelegenheiten dem Zufall und dem Irrtum unterliegen. Daß Sokrates, der Weiseste der Menschen, um nur in seinen eigenen, persönlichen Angelegenheiten das Richtige zu treffen oder wenigstens Fehltritte zu vermeiden, eines warnenden Dämonions bedurfte, beweist, daß hierzu kein menschlicher Verstand ausreicht. Daher ist jener, angeblich von einem Papste herrührende Ausspruch, daß von jedem Unglück, das uns trifft, wir selbst, wenigstens in irgend etwas, die Schuld tragen, nicht unbedingt und in allen Fällen wahr: wiewohl bei weitem in den meisten. Sogar scheint das Gefühl hiervon viel Anteil daran zu haben, daß die Leute ihr Unglück möglichst zu verbergen suchen und, so weit es gelingen will, eine zufriedene Miene aufsetzen. Sie besorgen, daß man vom Leiden auf die Schuld schließen werde.
Freitag, 27. März 2020
A woman who thinks well of herself more because of the qualities of her soul or esprit than her beauty is superior to her sex. One who thinks well of herself more because of her beauty than her esprit or the qualities of her soul belongs to her sex. But one who thinks well of herself more because of her birth or rank than because of her beauty doesn't belong to her sex and is below it.
Donnerstag, 19. März 2020
Mittwoch, 4. März 2020
Samstag, 29. Februar 2020
Montag, 24. Februar 2020
Gute Nacht
Wenn ich morgens aufstehe, gehe ich sogleich wieder zu Bette. Ich befinde mich am besten des Abends, in dem Augenblicke, wenn ich das Licht ausblase, die Decke mir über den Kopf ziehe. Noch einmal richte ich mich empor, sehe mich mit einer unbeschreiblichen Zufriedenheit im Zimmer um, und so, gute Nacht, unter die Decke!
Donnerstag, 13. Februar 2020
Sonntag, 26. Januar 2020
Freitag, 10. Januar 2020
Freitag, 3. Januar 2020
Une femme coquette ne se rend point sur la passion de plaire, et sur l'opinion qu'elle a de sa beauté: elle regarde le temps et les années comme quelque chose seulement qui ride et qui enlaidit les autres femmes; elle oublie du moins que l'âge est écrit sur le visage. La même parure qui a autrefois embelli sa jeunesse, défigure enfin sa personne, éclaire les défauts de sa vieillesse. La mignardise et l'affectation l'accompagnent dans la douleur et dans la fièvre: elle meurt parée et en rubans de couleur.
A coquettish woman never gives up her passion to please men, nor the opinion that she has of her beauty: she regards time and years as things that only wrinkle other women and only make them ugly; she forgets that a persons age is written on his or her face. The same ornament that once embellished her youth finally disfigures her and makes the defects of her age more noticeable. She has a pink color and affectation even in sickness and with fever: she dies covered in make-up and colored ribbons.