Samstag, 31. August 2024

 

Warum nicht in Nyboden geboren

Warum wurde ich nicht in Nyboden geboren? warum starb ich nicht als kleines Kind? Dann hätte mein Vater mich in einen kleinen Sarg gelegt, mich selbst unter den Arm genommen, an einem Sonntag-Vormittag mich nach dem Grabe hinausgetragen, selber Erde darauf geworfen, halblaut ein paar, nur ihm selbst verständliche Worte gesprochen. Nur das glückliche Altertum konnte den Einfall haben, dass die kleinen Kinder im Elysium weinten, weil sie so frühe gestorben seien.

Mittwoch, 28. August 2024

 

Entweder - Oder

Ein ekstatischer Vortrag

Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Fange es an, wie du willst, es wird dich verdrießen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen. Dieses, meine Herren, ist der Inbegriff aller Lebensweisheit. Es sind nicht nur einzelne Augenblicke, in denen ich, wie Spinoza sagt, alles aeterno modo (aus dem Gesichtspunkt der Ewigkeit) betrachte; vielmehr bin ich beständig aeterno modo. Manche meinen dies gleichfalls zu sein, wenn sie das eine oder das andre getan haben und danach denn diese Gegensätze verbinden oder vermitteln. Das ist indes ein Mißverstand: denn die wahre Ewigkeit liegt nicht hinter einem Entweder-Oder, sondern vor demselben. Ihre Ewigkeit wird daher auch eine schmerzliche Zeitsukzession sein, da sie an einem zwiefachen Verdruß oder zwiefacher Reue werden zu zehren haben. Meine Weisheit ist demnach leicht zu verstehen; denn ich habe nur einen Grundsatz, von welchem ich auch nicht immer ausgehe. Man hat zu unterscheiden zwischen der erst nachfolgenden Dialektik eines Entweder-Oder, und der hier angedeuteten ewigen. Sage ich z.B. hier: ich gehe nicht von meinem Grundsatze aus, so ist dies nur der negative Ausdruck für meinen Grundsatz, oder das, wodurch er sich selbst in dem Gegensatze faßt zwischen einem Ausgehen davon oder einem Nichtausgehen. Für die Zuhörer, die im stande sind mir zu folgen, ungeachtet ich im Grunde keine Bewegung mache, werde ich jetzt die ewige Wahrheit entwickeln, wobei das philosophische Denken in sich selbst bleibt und keine höhere gelten läßt. Ginge ich von meinem Grundsatze aus, so würde ich nicht wieder aufhören können; denn hörte ich nicht auf, so würde es mich verdrießen; hörte ich auf, so würde es mich gleichfalls verdrießen. Jetzt hingegen, da ich niemals davon ausgehe, kann ich immer aufhören; denn mein ewiges Ausgehen ist mein ewiges Aufhören. Die Erfahrung hat bewiesen, dass es der Philosophie keineswegs so schwer ist, anzufangen. Weit entfernt: sie fängt ja an mit nichts, und kann also immer anfangen. Was dagegen der Philosophie und den Philosophen schwer fällt, ist aufzuhören. Auch dieser Schwierigkeit bin ich entgangen; denn sollte jemand glauben, daß, indem ich jetzt aufhöre, ich wirklich aufhöre, so beweist er, dass er keinen spekulativen Begriff hat. Ich höre nämlich nicht in diesem Augenblicke auf; sondern ich hörte damals auf, als ich anfing. Meine Philosophie hat daher die vorzügliche Eigenschaft, dass sie kurz ist, und dass sie unwidersprechlich ist; denn wenn jemand mir widerspricht, so dürfte ich wohl berechtigt sein, ihn für toll zu erklären. Der Philosoph ist also beständig aeterno modo (außer der Zeit) und hat nicht, wie der selige Dessauer Sintenis, nur einzelne »Stunden für die Ewigkeit gelebt.«

 

Das Unproportionierte

Das Unproportionierte in meinem Körperbau besteht darin, dass meine Vorderbeine zu klein sind. Gleich dem Hasen auf Neu-Holland habe ich ganz kleine Vorderbeine, aber unendlich lange Hinterbeine. Gewöhnlich sitze ich ganz stille; mache ich eine Bewegung vorwärts, so ist das ein ungeheurer Sprung, zum Schrecken für alle, mit denen ich durch Bande des Geschlechts und der Freundschaft verknüpft bin.

Montag, 19. August 2024

 

Angst ums Leben

Sonderbar! mit welch zweideutiger Angst, es zu verlieren, es zu behalten, hängt der Mensch an diesem Leben. Zuweilen habe ich daran gedacht, einen entscheidenden Schritt zu tun, gegen welchen alle meine vorhergegangenen nur Kinderstreiche wären - die große Entdeckungsreise anzutreten. Sowie ein Schiff, wenn es vom Stapel läuft, mit Kanonenschüssen begrüßt wird, so würde ich mich selbst begrüßen. Und doch! Ist's der Mut, woran es mangelt? - Fiele ein Stein herunter und schlüge mich tot, das wäre doch immerhin ein Ausweg.

 

Langeweile

Was ist die Langeweile doch schrecklich - ja, schrecklich langweilig! ich weiß keinen stärkeren Ausdruck, keinen richtigeren. Wird doch nur vom Gleichen das Gleiche erkannt. Möchte es einen höheren Ausdruck geben, einen kräftigeren: dann wäre doch noch eine Bewegung darin. Ich liege hinge-streckt, untätig; das einzige, was ich sehe, ist Leere, das einzige, wovon ich lebe, ist Leere, das einzige, worin ich mich bewege, ist Leere. Nicht einmal Schmerz empfinde ich. Der Geier nagte doch beständig an Prometheus' Leber; Loke träufelte doch beständig noch Gift darauf. Das war doch eine Abwechselung, wenn auch eine einförmige. Selbst der Schmerz hat das Belebende, das ihm eigen ist, für mich verloren. Biete man mir alle Herrlichkeiten der Welt, oder alle Plagen der Welt: sie rühren mich gleich viel und gleich wenig. Ich würde mich nicht auf die andere Seite umwenden, weder um sie zu gewinnen, noch um ihnen zu entfliehen. Ich sterbe des Todes. Und was sollte mich zerstreuen können? Ja, wenn ich eine Treue zu sehen bekäme, die jede Probe bestünde, eine Begeisterung, die alles auf sich nähme, einen Glauben, der Berge versetzte; wenn ich einen Gedanken vernähme, der das Endliche verknüpfte mit dem Unendlichen! Aber der giftige Zweifel meiner Seele zerfrißt alles. Meine Seele ist wie das tote Meer, über welches kein Vogel hinfliegen kann; ist er bis in die Mitte gekommen, so sinkt er ermattet hinab in Tod und Untergang.

Sonntag, 11. August 2024

 

Dichter-Existenz

Vergeblich kämpfe ich dagegen. Mein Fuß gleitet. Mein Leben bleibt doch eine Dichter-Existenz. Kann man sich etwas Unglücklicheres denken? Ich bin dazu ausersehen; das Schicksal lacht mich aus, wenn es mir plötzlich zeigt, dass alles, womit ich gegen dasselbe anarbeite, ein neues Moment eines solchen Daseins wird. Ich bin im stande, die Hoffnung so lebendig zu schildern, dass jede hoffende Persönlichkeit sich zu meiner Schilderung bekennen wird; und dennoch ist sie ein Falsum: denn während ich sie schildere, denke ich an die Erinnerung.

 

Schwein der Lüneburger Heide

Um mich steht es ungefähr so, wie von dem Schwein der Lüneburger Heide erzählt wird. Mein Denken ist eine Leidenschaft, welcher ich folgen muß. Ich verstehe mich trefflich darauf, Trüffeln aufzuwühlen; selbst habe ich an ihnen keine Freude. Ich nehme die schwierigsten Fragen auf meine Nase; aber mehr kann ich mit ihnen nicht anfangen, als sie über meinen Kopf hinweg hinter mich werfen.

 

Leben ohne Sinn

Mein Leben ist völlig ohne Sinn. Wenn ich seine verschiedenen Epochen betrachte, so geht es mit meinem Leben, wie im Lexikon mit dem Worte »Schnur«, welches fürs erste ein Seil bedeutet, zum andern eine Schwiegertochter. Es fehlte nur, dass das Wort »Schnur« drittens ein Kamel bedeute, viertens einen Staubbesen.