Kein Zufall ist so unglücklich, als dass kluge Leute
nicht Vorteil daraus zögen, und keiner so glücklich, als dass unüberlegte ihn
nicht zu ihrem Nachteil wenden könnten.
PART OF THE “QUID AUTEM ISTA LOQUOR” PROJECT
Der römische Kanzleistil erforderte, daß selbst dasjenige, was ein Zeuge mit seinen Augen gesehen zu haben versicherte und ein Richter nach seinem innigsten Wissen und Gewissen verordnete, mit der Formel ausgedrückt wurde: Mich deucht. Man bringt mir einen Widerwillen gegen die wahrscheinlichsten Sätze bei, wenn man mir solche als unfehlbar aufstellt. Ich habe gern solche Worte, welche die Verwegenheit unserer Behauptungen mildern und mindern: vielleicht, gewissermaßen, zum Teil, man sagt, ich glaube, und dergleichen. Hätte ich Kinder zu erziehen gehabt, ich würde ihnen alle diese Frageweise, nicht entscheidende Antworten in den Mund gelegt haben: Was will das sagen? Ich versteh' es nicht; es mag sein; ist das möglich? – wodurch sie viel mehr im sechzigsten Jahre die Sprache der Schüler geführt, als im zehnten Jahre die Lehrmeister gespielt hätten, wie sie jetzt tun. Wer sich von der Unwissenheit heilen will, muß sie eingestehen.
Le stile à Romme portoit que cela mesme qu'un tesmoin deposoit pour l'avoir veu de ses yeux, et ce qu'un juge ordonnoit de sa plus certaine science, estoit conceu en cette forme de parler: Il me semble. On me faict hayr les choses vray-semblables quand on me les plante pour infallibles. J'ayme ces mots, qui amollissent et moderent la temerité de nos propositions: A l'avanture, Aucunement, Quelque, On dict, Je pense, et semblables. Et si j'eusse eu à dresser des enfans, je leur eusse tant mis en la bouche cette façon de respondre, enquesteuse, non resolutive: Qu'est-ce à dire? Je ne l'entends pas, Il pourroit estre, Est-il vray? qu'ils eussent plustost gardé la forme d'apprentis à soixante ans que de representer les docteurs à dix ans, comme ils font. Qui veut guerir de l'ignorance, il faut la confesser.
Iris ist die Tochter des Thaumas. Bewunderung ist der Grund aller Philosophie, Nachforschung ihr Fortschritt, Unwissenheit ihr Ende. Ja, es gibt eine tapfre, edelmütige Unwissenheit, welche an Ehre und Kühnheit der Gelehrsamkeit nichts nachgibt, eine Unwissenheit, welche an sich zu erkennen nicht wenig Gelehrsamkeit erfordert als die Erkenntnis der Gelehrsamkeit.
Iris est fille de Thaumantis. L'admiration est fondement de toute philosophie, l'inquisition le progrez, l'ignorance le bout. Voire dea, il y a quelque ignorance forte et genereuse qui ne doit rien en honneur et en courage à la science, ignorance pour laquelle concevoir il n'y a pas moins de science que pour concevoir la science.
Ich sah in meiner Kindheit einen Rechtshandel über einen sonderbaren
Vorfall, welchen Corras, Parlamentsrat von Toulouse, drucken ließ. Zwei
Menschen nämlich machten Anspruch darauf, eine Person zu sein. Ich erinnere
mich noch (weiter aber erinnere ich mich auch nichts mehr), daß es mir damals
so vorkam, derjenige, welcher für strafbar erklärt wurde, habe seinen Betrug so
wunderbar, so weit über unsere Einsicht und die Einsicht dessen, welcher
Richter war, getrieben, daß ich den Ausspruch sehr gewagt fand, der ihn zum
Strange verurteilte. Laßt uns doch eine Urteilsformel einführen, welche sagt:
Der Gerichtshof sieht die Sache nicht ein. Alsdann verfahren wir freimütiger
und offenherziger als Areopagiten, welche, da man in sie drang, über eine Sache
abzuurteilen, die sie nicht zu entwickeln vermochten, den Bescheid gaben, die
Parteien sollten nach hundert Jahren wieder vorsprechen.
Je vy en mon
enfance un procés, que Corras, conseiller de Toulouse, fist imprimer, d'un
accident estrange: de deux hommes qui se presentoient l'un pour l'autre. Il me
souvient (et ne me souvient aussi d'autre chose) qu'il me sembla avoir rendu
l'imposture de celuy qu'il jugea coulpable si merveilleuse et excedant de si
loing nostre connoissance, et la sienne qui estoit juge, que je trouvay
beaucoup de hardiesse en l'arrest qui l'avoit condamné à estre pendu. Recevons
quelque forme d'arrest qui die: La court n'y entend rien, plus librement et
ingenuement que ne firent les Areopagites, lesquels, se trouvans pressez d'une
cause qu'ils ne pouvoient desveloper, ordonnerent que les parties en
viendroient à cent ans.
Die Hexen in meiner Nachbarschaft geraten in Lebensgefahr durch die
Lehren jedes neuen Schriftstellers, der Träume für Tatsachen ausgibt. Die
Beispiele, welche uns die Heilige Schrift von dergleichen Dingen gibt, diese
sehr gewiß und unwidersprechlichen Zeugnisse, auf unsere neueren Vorfälle
anzuwenden, von denen wir doch weder Ursachen noch Mittel sehen, dazu gehört
ein höherer Verstand als der unsrige. Es ziemt vielleicht nur diesem einzigen
allmächtigen Zeugnis, uns zu sagen: Dieses ist Zauberei und dieses, jenes aber
ist es nicht. Gott selbst müssen wir glauben, nichts ist vernünftiger, aber
nicht jemanden unter uns, der sich über seine eigene Erzählung verwundert (und
notwendigerweise darüber verwundern muß, wenn er nicht ganz von Sinnen ist), er
mag nun die Handlung eines andern oder seine eigene berichten.
Les sorcieres de mon voisinage courent hazard de leur vie, sur l'advis de chaque nouvel autheur qui vient donner corps à leurs songes. Pour accommoder les exemples que la divine parolle nous offre de telles choses, tres-certains et irrefragables exemples, et les attacher à nos evenemens modernes, puisque nous n'en voyons ny les causes ny les moyens, il y faut autre engin que le nostre. Il appartient à l'avanture à ce seul tres-puissant tesmoignage de nous dire: Cettuy-cy en est, et celle-là, et non cet autre. Dieu en doit estre creu, c'est vrayement bien raison; mais non pourtant un d'entre nous, qui s'estonne de sa propre narration (et necessairement il s'en estonne s'il n'est hors de sens), soit qu'il l'employe au faict d'autruy, soit qu'il l'employe contre soy-mesme.
Diesem entsprechend finden wir die
Päderastie durchgängig als ein Laster alter Männer. Nur solche sind es, welche
dann und wann, zum öffentlichen Skandal, darauf betroffen werden. Dem
eigentlich männlichen Alter ist sie fremd, ja, unbegreiflich. Wenn ein Mal eine
Ausnahme hievon vorkommt; so glaube ich, daß es nur in Folge einer zufälligen
und vorzeitigen Depravation der Zeugungskraft seyn kann, welche nur schlechte
Zeugungen liefern könnte, denen vorzubeugen, die Natur sie ablenkt. Daher auch
richten die in großen Städten leider nicht seltenen Kinäden ihre Winke und
Anträge stets an ältere Herren, niemals an die im Alter der Kraft stehenden,
oder gar an junge Leute. Auch bei den Griechen, wo Beispiel und Gewohnheit hin
und wieder eine Ausnahme von dieser Regel herbeigeführt haben mag, finden wir von
den Schriftstellern, zumal den Philosophen, namentlich Plato und Aristoteles,
in der Regel, den Liebhaber ausdrücklich als ältlich dargestellt.
Insbesondere ist in dieser Hinsicht
eine Stelle des Plutarch bemerkenswerth im Liber amatorius, c. 5: Ho
paidikos erôs, opse gegonôs, kai par' hôran tô biô, nothos kai skotios,
exelaunei ton gnêsion erôta kai presbyteron.
Puerorum amor, qui, quum tarde in vita et
intempestive, quasi spurius et occultus, exstitisset, germanum et natu majorem
amorem expellit.
Die Liebe zu Kindern, die, wenn sie
spät im Leben und unzeitgemäß existiert, wie unecht und verborgen, verdrängt die
aufrichtige und ältere Liebe.
Sogar unter den Göttern finden wir nur
die ältlichen, den Zeus und den Herakles, mit männlichen Geliebten versehn, nicht
den Mars, Apollo, Bakchus, Merkur. – Inzwischen kann im Orient der in Folge der
Polygamie entstehende Mangel an Weibern hin und wieder gezwungene Ausnahmen zu
dieser Regel veranlassen: eben so in noch neuen und daher weiberlosen Kolonien,
wie Kalifornien u.s.w. – Dem entsprechend nun ferner, daß das unreife Sperma,
eben so wohl wie das durch Alter depravirte, nur schwache, schlechte und
unglückliche Zeugungen liefern kann, ist, wie im Alter, so auch in der Jugend
eine erotische Neigung solcher Art zwischen Jünglingen oft vorhanden, führt
aber wohl nur höchst selten zum wirklichen Laster, indem ihr, außer den oben
genannten Motiven, die Unschuld, Reinheit, Gewissenhaftigkeit und Verschämtheit
des jugendlichen Alters entgegensteht.
Aus dieser Darstellung ergiebt sich,
daß, während das in Betracht genommene Laster den Zwecken der Natur, und zwar
im Allerwichtigsten und ihr Angelegensten, gerade entgegenzuarbeiten scheint,
es in Wahrheit eben diesen Zwecken, wiewohl nur mittelbar, dienen muß, als
Abwendungsmittel größerer Uebel. Es ist nämlich ein Phänomen der absterbenden
und dann wieder der unreifen Zeugungskraft, welche der Species Gefahr drohen:
und wiewohl sie alle Beide aus moralischen Gründen pausiren sollten; so war
hierauf doch nicht zu rechnen; da überhaupt die Natur das eigentlich Moralische
bei ihrem Treiben nicht in Anschlag bringt. Demnach griff die, in Folge ihrer
eigenen Gesetze, in die Enge getriebene Natur, mittelst Verkehrung des
Instinkts, zu einem Nothbehelf, einem Stratagem, ja, man möchte sagen, sie
bauete sich eine Eselsbrücke, um, wie oben dargelegt, von zweien Uebeln dem
größern zu entgehn. Sie hat nämlich den wichtigen Zweck im Auge, unglücklichen
Zeugungen vorzubeugen, welche allmälig die ganze Species depraviren könnten,
und da ist sie, wie wir gesehn haben, nicht skrupulös
in der Wahl der Mittel. Der Geist, in welchem sie hier verfährt, ist der selbe,
in welchem sie, wie oben, Kapitel 27, angeführt, die Wespen antreibt, ihre
Jungen zu erstechen: denn in beiden Fällen greift sie zum Schlimmen, um
Schlimmerem zu entgehn: sie führt den Geschlechtstrieb irre, um seine
verderblichsten Folgen zu vereiteln.
Meine Absicht bei dieser Darstellung
ist zunächst die Lösung des oben dargelegten auffallenden Problems gewesen;
sodann aber auch die Bestätigung meiner, im vorstehenden Kapitel ausgeführten
Lehre, daß bei aller Geschlechtsliebe der Instinkt die Zügel führt und
Illusionen schafft, weil der Natur das Interesse der Gattung allen andern
vorgeht, und daß Dies sogar bei der hier in Rede stehenden, widerwärtigen
Verirrung und Ausartung des Geschlechtstriebes gültig bleibt; indem auch hier,
als letzter Grund, die Zwecke der Gattung sich ergeben, wiewohl sie, in diesem
Fall, bloß negativer Art sind, indem die Natur dabei prophylaktisch verfährt.
Diese Betrachtung wirft daher auf meine
gesammte Metaphysik der Geschlechtsliebe Licht zurück. Ueberhaupt aber ist
durch diese Darstellung eine bisher verborgene Wahrheit zu Tage gebracht,
welche, bei aller ihrer Seltsamkeit, doch neues Licht auf das innere Wesen, den
Geist und das Treiben der Natur wirft. Demgemäß hat es sich dabei nicht um
moralische Verwarnung gegen das Laster, sondern um das Verständniß des Wesens
der Sache gehandelt. Uebrigens ist der wahre, letzte, tief metaphysische Grund
der Verwerflichkeit der Päderastie dieser, daß, während der Wille zum Leben
sich darin bejaht, die Folge solcher Bejahung, welche den Weg zur Erlösung
offen hält, also die Erneuerung des Lebens, gänzlich abgeschnitten ist. –
Endlich habe ich auch, durch Darlegung dieser paradoxen Gedanken, den durch das
immer weitere Bekanntwerden meiner von ihnen so sorgfältig verhehlten
Philosophie jetzt sehr deconcertirten Philosophieprofessoren eine kleine
Wohlthat zufließen lassen wollen, indem ich ihnen Gelegenheit eröffnete zu der
Verläumdung, daß ich die Päderastie in Schutz genommen und anempfohlen hätte.
Quand un homme aimable ambitionne le petit avantage de plaire à autres
qu'à ses amis comme le font tant d'hommes, surtout de gens de lettres, pour qui
plaire est comme un métier, il est clair qu'ils ne peuvent y être portés que
par un motif d'intérêt ou de vanité. Il faut qu'ls choisissent entre le rôle
d'une courtisane et celui d'une coquette, ou si l'on veut d'un comédien.
L'homme qui se rend aimable pour une société, parce qu'il s'u plaît, est le
seul qui joue le rôle d'un honnête homme.
When a pleasant man has the ambition to gain the petty advantage of
pleasing people other than his friends, as so many men do, especially men of
letters for whom pleasing others is almost a profession, it is clear that they
can only be driven by self-interest or vanity. Such a person has to choose
between the role of a courtisan and that of a coquette, or if one likes, an
actor. A man who makes himself pleasant for a group of people because he enjoys
himself with them is the only person who plays the role of an honest man.
Wenn ein liebenswürdiger Mann aus Ehrgeiz den geringen Vorteil sucht, andern als seinen Freunden zu gefallen, wie es so viele Literaten tun, für die das Gefallen fast ein Gewerbe ist, so stecken sicher berechnende oder eitle Motive dahinter. Er muss wählen zwischen der Rolle einer Kurtisane und der einer Kokette, oder, wenn man so will, der des Komödianten. Nur wer sich bemüht, aus Neigung für eine bestimmte Gesellschaft liebenswürdig zu sein, kann als redlicher Mann gelten.
Wie doch die menschliche Natur durchweg sich gleich
bleibt! Mit welcher angebornen Genialität kann oft ein kleines Kind uns in
lebendigem Bilde darstellen, was in den größern Lebensverhältnissen vor sich
geht. Heute amüsierte ich mich über den kleinen Ludwig. Da saß er in seinem
kleinen Stuhl; mit besonderem Behagen blickte er um sich. Da ging das
Kindermädchen Maren durch das Zimmer. »Maren!« rief er. »Ja, kleiner Ludwig,«
antwortete sie mit gewohnter Freundlichkeit und trat zu ihm. Er legte seinen
Kopf etwas auf die linke Seite, richtete auf sie seine großen Augen mit einer
gewissen Schelmerei und sagte danach ganz phlegmatisch: das sei nicht die
Maren; das sei eine andre Maren. Was tun wir Erwachsenen? Wir winken der ganzen
Welt; und ist sie uns nun freundlich entgegengekommen, dann sagen wir, das sei
nicht die Maren.
Zur
Erkenntnis der Wahrheit bin ich vielleicht gekommen, zur Seligkeit sicherlich
nicht. Was soll ich tun? »In der Welt wirken!« so antworten die Menschen.
Sollte ich der Welt also mein Herzeleid mitteilen, einen Beitrag zu dem Beweise
liefern, wie traurig und jämmerlich alles ist, vielleicht einen neuen Flecken
im Menschenleben entdecken, der bisher unbeachtet geblieben war? Ich könnte
alsdann den seltenen Lohn einernten, berühmt zu werden, gleich dem Manne, der
die Flecken im Stern Jupiter entdeckt hat. Ich ziehe es doch vor, zu schweigen.
Unsre Zeit erinnert sehr an die Auflösungsperiode
des griechischen Staates: alles ist noch so, wie es vor alters war, aber keiner
glaubt's, daß es so bleibt. Das unsichtbare Geistesband ist verschwunden, daher
die ganze Zeit zugleich komisch und tragisch ist; tragisch, weil sie untergeht,
komisch, weil sie besteht; denn immer trägt doch das Unvergängliche das
Vergängliche, der Geist den Leib, und wär's möglich, daß ein Leichnam noch eine
Weile die gewohnten Funktionen ausführte, so würde das zugleich komisch und
tragisch sein. Aber laß die Zeit nur zehren; je mehr sie von dem substantiellem
Gehalt, der in der romantischen Liebe lag, aufgezehrt hat, um so größer wird
auch das Verderben sein, und man wird mit Schrecken und Verzweiflung sehen, wie
unglücklich man sich selber gemacht hat.
Tod und Lebensfreude. - Man hängt am Leben anderer nur soweit, wie man am eigenen hängt. Man hängt am Leben nur, soweit es Freuden bietet. Ich verstehe jetzt, warum die Bauern ruhig sterben und mit Gemütsruhe die anderen sterben sehen. Ein Mann im Gefängnis wird Todesnachrichten aus der ganzen Welt ohne Erregung aufnehmen. Das ist auch die Ursache der militärischen Tapferkeit: das harte Leben des Feldzugs. Man schlägt sich nie tapferer, als wenn man eine Nacht im Biwak zugebracht hat. Man verachtet das eigene Leben sowie das der Gefährten; man langweilt sich.
Die Verfolgung der Freiheit. - Wollen Sie meine Prophezeiung wissen? Ich sage eine grausame Verfolgung aller selbständigen und freien Geister voraus. Und warum? Weil es notwendig ist, dass irgend jemand unrecht bekommt. Und niemand verführt alle Parteien so leicht dazu, ihm unrecht zu geben, wie ein abseits stehender Gelehrter mit wirklich viel Geist, der niemandem Vorteil bringt und niemandem etwas zuleide tut. Er muss unrecht haben, er ist an allem schuld. Man muss ihn verfolgen. Der Hof, die Parlamente, die Regierung, die Geistlichkeit, die Jesuiten, die Jansenisten, sie alle kommen auf ihre Rechnung. Das sagt mir mein Herz. Und mein Herz sieht oft sehr schwarz, aber nur selten falsch.
Reisen der Fürsten. - Fürsten langweilt das Reisen bald. Ihr Charakter wird ihnen zur Last, die sie bedrückt. Sind sie großmütig, so stürzen sie sich ins Unglück, geben sie weniger aus, so ist man verstimmt. Sie fühlen ihre Stellung zwischen Untergang und Verachtung, und diese Lage immer inmitten der Diebe und der Unzufriedenen ermüdet sie schließlich. Ich weiß nicht, welcher Dämon des Jahrhunderts den Fürsten einfallen lässt, sich den andern Völkern zu zeigen. Findet man sie besser als den eigenen Fürsten, so hinterlassen sie die unwürdigste Sehnsucht, findet man sie gleich oder sogar schlechter, so hinterlassen sie Niedergeschlagenheit und Verzweiflung im menschlichen Herzen. Manches ist nur im Wunsch schön. Die Liebe hat solche Schönheiten, und ich finde, auch die Tugend der Fürsten ist wie die Freude an einer Jungfernschaft. Es ist besser, sie sich vorzustellen als sie zu genießen.
Wenn unsere Leser das Beste über den Enthusiasmus in der Tugend, was vielleicht jemals darüber gesagt worden ist, lesen wollen, so empfehlen wir Ihnen den 8. Dialog der « Dialogues sur le commerce des blés par l’abbé Galiani », und wenn sie eins der besten, lehrreichsten und zugleich wichtigsten und unterhaltendsten Bücher, das seit hundert Jahren zum Vorschein gekommen ist, lesen wollen, das ganze Buch, welches, im Vorbeigehen gesagt, nicht so viel Eindruck in der Welt gemacht hat, als ein so außerordentliches Buch hätte machen sollen; und dies ohne Zweifel bloß deswegen, weil sehr wenige Leute Verstand und Witz genug haben, es zu verstehen.
Hatred for people's favorites is only love of people's
favor. Spite for not being a person's favorite oneself is consoled and softened
by the scorn that a person shows to the person who is the favorite; and we
refuse to think well of that person because we can't take away from him the
qualities that make everyone else do so.
Die Verachtung des Reichtums war bei den Philosophen ein
geheimer Trieb, ihre Verdienste an dem ungerechten Schicksal durch
Geringschätzung eben der Güter, die es ihnen versagte, zu rächen. Es war die
Kunst, sich vor den Demütigungen der Armut zu schützen. Ein Umweg zu der
Achtung, die sie nicht durch Reichtum gewinnen konnten.
Le mépris des richesses étoit, dans les philosophes,
un desir caché de venger leur mérite de l'injustice de la fortune, par le
mépris des mêmes biens dont elle les privoit; c'étoit un secret pour se
garantir de l'avilissement de la pauvreté; c'étoit un chemin détourné pour
aller à la considération qu'ils ne pouvoient avoir par les richesses.
Scorn for wealth in philosophers was a hidden desire
to avenge their merit for the injustice of chance by scorning the same good
things which they were deprived of; it was a secret way to save themselves from
seeming base because of being poor; it was a detour to the consideration that
they didn't have through wealth.
Ich bin schwerfällig, halte mich ein wenig an das Handgreifliche und
Wahrscheinliche und suche den alten Vorwurf zu vermeiden:
Majorem fidem homines adhibent iis, quae non intelligunt. Cupidine humani ingenii libentius obscura creduntur.
Die Menschen schenken dem am meisten Glauben, was sie nicht begreifen.
So verblendet ist der Menschen Sinnesart, daß alles Dunkle um so eher
von ihnen geglaubt wird.
Videantur sane, non affirmentur modo.
Man betrachte sie, wie man will, nur bestätige man sie nicht.
Je suis lourd,
et me tiens un peu au massif et au vray-semblable, evitant les reproches
anciens:
Majorem fidem homines adhibent iis quae non intelligunt. Cupidine humani ingenii libentius obscura creduntur.
Je vois bien qu'on se courrouce, et me deffend on d'en doubter, sur peine d'injures execrables. Nouvelle façon de persuader. Pour Dieu mercy, ma creance ne se manie pas à coups de poing. Qu'ils gourmandent ceux qui accusent de fauceté leur opinion; je ne l'accuse que de difficulté et de hardiesse, et condamne l'affirmation opposite, egalement avec eux sinon si imperieusement.
Videantur sanè, ne affirmentur modo.
Aber in den wesentlichen Folgerungen, welche sie daraus ziehen, haben
jene den Vorteil für sich. Menschen zu töten, dazu gehört eine lichtvolle,
reine Einsicht, und unser Leben ist eine zu wesentliche wirkliche Sache, um es
wegen solcher übernatürlichen phantastischen Begebenheiten zu verkürzen. Von
Vergiftungen mit schädlichen Dingen spreche ich hier nicht; die sind
Menschenmord, und zwar von der schändlichsten Gattung. Gleichwohl sagt man,
müsse man selbst dabei sich nicht allemal auf das eigene Geständnis dieser Art
Menschen verlassen; denn man hat mehr als einmal erlebt, daß sie sich
anklagten, Personen ums Leben gebracht zu haben, welche man gesund und lebendig
fand.
Qui establit
son discours par braverie et commandement montre que la raison y est foible.
Pour une altercation verbale et scolastique, qu'ils ayent autant d'apparence
que leurs contradicteurs; mais en la consequence effectuelle qu'ils en tirent,
ceux-cy ont bien de l'avantage. A tuer les gens, il faut une clarté lumineuse
et nette; et est nostre vie trop réele et essentielle pour garantir ces
accidens supernaturels et fantastiques. Quant aux drogues et poisons, je les
mets hors de mon compte: ce sont homicides, et de la pire espece. Toutesfois,
en cela mesme on dict qu'il ne faut pas tousjours s'arrester à la propre
confession de ces gens icy, car on leur a veu par fois s'accuser d'avoir tué
des personnes qu'on trouvoit saines et vivantes.
Was andere seltsame Beschuldigungen betrifft, darauf möchte ich gern
sagen, es sei genug, daß man einem Menschen von noch so unbescholtenem
Charakter in menschlichen Dingen Glauben beimesse. In übernatürlichen Dingen
aber kann er nur dann Glauben verlangen, wenn er dazu mit einer übernatürlichen
Vollmacht ausgerüstet ist. Dieses Vorrecht, wovon es Gott gefallen hat, solches
einigen unserer Zeugnisse beizulegen, muß nicht herabgewürdigt oder
leichtsinnigerweise eingeräumt werden. Mir gellen die Ohren von Tausenden
dergleichen Sagen: Drei Personen haben ihn an dem und dem Tage im Morgenland
gesehen, drei andre am folgenden im Abendland; um diese Stunde, an diesem Ort,
so und so gekleidet. Wahrhaftig, das glaubt' ich mir selbst nicht! Warum sollte
ich es nicht viel natürlicher und wahrscheinlicher finden, daß zwei Menschen
lügen, als daß ein Mensch, innerhalb zwölf Stunden, mit der Eile des Windes von
Morgen nach Abend komme? Warum nicht natürlicher, daß unser Verstand aus seiner
Stelle verrückt werde, durch die Behendigkeit unseres verrückten Geistes, als
daß einer von uns auf einem Besen durch die Luft reite, bei lebendigem Leibe
durch seinen Schornstein hinausfahre und von einem fremden Geist fortgeführt
werde? Wozu das Suchen nach unbekannten Täuschungen von außen, da wir ja
unaufhörlich von innen und von sehr naheliegenden Dingen getäuscht werden!
En ces autres accusations extravagantes, je dirois volontiers que c'est bien assez qu'un homme, quelque recommendation qu'il aye, soit creu de ce qui est humain; de ce qui est hors de sa conception et d'un effect supernaturel, il en doit estre creu lors seulement qu'une approbation supernaturelle l'a authorisé. Ce privilege qu'il a pleu à Dieu donner à aucuns de nos tesmoignages ne doibt pas estre avily et communiqué legerement. J'ay les oreilles battues de mille tels comptes: Trois le virent un tel jour en levant; trois le virent lendemain en occident, à telle heure, tel lieu, ainsi vestu. Certes je ne m'en croirois pas moy mesme. Combien trouvé-je plus naturel et plus vraysemblable que deux hommes mentent, que je ne fay qu'un homme en douze heures passe, quand et les vents, d'orient en occident? Combien plus naturel que nostre entendement soit emporté de sa place par la volubilité de nostre esprit detraqué, que cela, qu'un de nous soit envolé sur un balay, au long du tuiau de sa cheminée, en chair et en os, par un esprit estrangier? Ne cherchons pas des illusions du dehors et inconneues, nous qui sommes perpetuellement agitez d'illusions domestiques et nostres.
What
is a woman who is spiritually directed? Is it a woman who is more obliging to
her husband, kinder to her servants, more devoted to her family and its
affairs, more ardent and sincere with her friends; who is less of a slave to
her mood, less attached to her own interests, who has less love of the
commodities of life; I don't say who gives much money to her children who are
already rich, but who, being opulent herself and overwhelmed with
superfluities, furnishes them with everything necessary, and gives them what
they justly deserve; who is more exempt of self-love and of estrangement from
others; who is more free of all human attachments? "No," you say,
"it doesn't mean any of those things." I insist, and ask again:
"Then what is a woman who is spiritually directed?" At last I
understand you, it is a woman who has a spiritual director.
Note
concerning 'spiritual directors' below: At the time La Bruyère wrote,
nearly every fashionable lady had, besides her father-confessor, a spiritual
director, who was her 'guide, philosopher and friend.' Boileau, in his tenth
satire, says:
But thanks to pious souls, of all
mortels
no one is better pampered than a
spiritual director of women.
Qu'est-ce
qu'une femme que l'on dirige? Est-ce une femme plus complaisante pour son mari,
plus douce pour ses domestiques, plus appliquée à sa famille et à ses affaires,
plus ardente et plus sincère pour ses amis; qui soit moins esclave de son
humeur, moins attachée à ses intérêts; qui aime moins les commodités de la vie;
je ne dis pas qui fasse des largesses à ses enfants qui sont déjà riches, mais
qui, opulente elle-même et accablée du superflu, leur fournisse le nécessaire,
et leur rende au moins la justice qu'elle leur droit; qui soit plus exempte
d'amour de soi-même et d'éloignement pour les autres; qui soit plus libre de
tous attachements humains? « Non, dites-vous, ce n'est rien de toutes ces
choses. » J'insiste, et je vous demande: « Qu'est-ce donc qu'une femme que l'on
dirige? » Je vous entends, c'est une femme qui a un directeur.
Ich
habe mehrmals erörtert, daß, während die
Thiere nur Gattungscharakter haben, dem Menschen allein der eigentliche
Individualcharakter zukommt. Jedoch ist in den Meisten nur wenig wirklich Individuelles:
sie lassen sich fast gänzlich nach Klassen sortiren. Ce sont des espèces. [Es
sind Stückproben.] Ihr Wollen und Denken, wie ihre Physiognomien, ist das der
ganzen Species, allenfalls der Klasse von Menschen, der sie angehören, und ist
eben darum trivial, alltäglich, gemein, tausend Mal vorhanden. Auch läßt
meistens ihr Reden und Thun sich ziemlich genau vorhersagen. Sie haben kein
eigenthümliches Gepräge: sie sind Fabrikwaare.
Le philosophe, qui fait tout pour la vanité, a-t-il droit de mépriser le
courtisan, qui fait tout pour l'intérêt? Il me semble que l'un emporte les
louis d'or et que l'autre se retire content, après en avoir entendu le bruit.
D'alembert, courtisan de Voltaire par un intérêt de vanité, est-il bien
au-dessus de tel ou tel courtisan de Louis XIV, qui voulait une pension ou un
gouvernement?
Does a philosopher who does everything because of vanity have the right
to scorn a courtier who does everything because of self-interest? It seems that
the one carries away louis d'ors [valuable gold pieces] and the other rests
content after having heard the clatter. Is d'Alembert, who courted Voltaire out
of vanity, very much above this or that courtier of Louis XIV, who wanted a
pension or a government post?
Lebensalter
Seltsam
genug, immer ist es dasselbe, was durch alle Lebensalter hindurch einen
beschäftigt; und immer kommt man gleich weit, oder vielmehr, man geht zurück.
Als ich fünfzehn Jahre alt war, schrieb ich auf dem Gymnasium mit vieler
Salbung über die Beweise für Gottes Dasein und die Unsterblichkeit der Seele,
über den Begriff des Glaubens, über die Bedeutung des Wunders. Für das examen
artium (vor meiner Immatrikulation) verfaßte ich eine Abhandlung über
die Unsterblichkeit der Seele, wofür mir das Zeugnis prae caeteris (nämlich laudabilis) zu teil wurde. Später
gewann ich durch eine Abhandlung über diese Materie den Preis. Wer sollte
glauben, dass ich, nach einem so soliden und vielversprechenden Anfange, jetzt,
in meinem 25. Jahre, dahin gekommen bin, dass ich nicht einen einzigen Beweis
für die Unsterblichkeit der Seele zu führen weiß. Lebhaft erinnere ich mich aus
meinen Schuljahren, wie ein von mir geschriebener Aufsatz über denselben
Gegenstand von dem Lehrer außerordentlich gerühmt und vorgelesen wurde, und
zwar ebensosehr der Vortrefflichkeit des Inhalts wie der Sprache wegen. Ach!
ach! ach! Diesen Aufsatz habe ich schon längst fortgeworfen. Welch ein Unglück!
Vielleicht würde meine zweifelnde Seele durch denselben zur Festigkeit gebracht
worden sein, sowohl durch die vortreffliche Sprache als den Inhalt. Daher ist
es eben mein wohlgemeinter Rat an Eltern, Vorgesetzte und Lehrer, den ihnen
anvertrauten Jungen einzuschärfen, die im fünfzehnten Jahre abgefaßten Aufsätze
ja aufzubewahren. Diesen Rat zu erteilen, ist das Einzige, was ich zum Besten
der Menschheit zu tun vermag.
Kette
Was ist's, was mich fesselt? - Woraus war die Kette
geschmiedet, mit welcher der Fenriswolf gefesselt wurde? Sie war
zusammengeschweißt aus dem Geräusch, das die Füße des Katers machen, wenn er
über den Erdboden streicht, aus den Bärten der Weiber, den Wurzeln der Felsen,
der Streu des Bären, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. So bin
auch ich mit einer Kette gefesselt, die aus düsteren Einbildungen,
schreckhaften Träumen, unruhigen Gedanken, bangen Ahnungen, unerklärlichen Beängstigungen
geschmiedet ist. Diese Kette ist von sehr großer Geschmeidigkeit, weich wie
Seide, der stärksten Anspannung nachgebend und gar nicht zu zerreißen.
Lachen
Sowie es, der Sage nach, dem (Pythagoräer)
Parmoniskus ging, welcher in der throphonischen Höhle die Fähigkeit zu lachen
verlor, aber auf Delos sie wiederbekam beim Anblick eines unförmlichen Klotzes,
welcher als Bildnis der Göttin Leto ausgestellt wurde, gerade so ist es mir
ergangen. Als ich sehr jung war, da verlernte ich in der throphonischen Höhle
das Lachen; als ich die Augen aufschlug und die Wirklichkeit betrachtete, da
fing ich an, zu lachen, und habe seit dieser Zeit hiermit nicht aufgehört. Ich
habe gesehen, dass die Bedeutung des Lebens darin besteht, ein Brot, eine
Verfolgung zu bekommen, das höchste Ziel darin, Justizrat zu werden; dass das
heiße Verlangen der Liebe darauf hinausgeht eine gute Partie zu machen; dass
der stetige Genuß der Freundschaft so viel heißt, als einander in
Geldverlegenheiten auszuhelfen; dass die Weisheit nichts weiter ist, als was
eben die meisten dafür gelten lassen; dass Begeisterung so viel heißt, als eine
Standrede zu halten; dass der Mut sich darin bewährt, es darauf zu wagen, dass
man in 10 Rbd. Mulkt verurteilt werde; dass Herzlichkeit bedeutet, nach einem
Diner zu einander: »Wohl bekomm's! gesegnete Mahlzeit!« zu sagen; die
Frömmigkeit darin, einmal im Jahre zum Abendmahl zu gehen. Das habe ich gesehen,
und ich lache.