Samstag, 28. Oktober 2017


Die Tüchtigkeit des Geistes enthüllt uns unsere Pflicht und unsere Bereitwilligkeit, sie zu erfüllen, sei es auch, dass Gefahr damit verbunden ist: sie verleiht Mut oder ersetzt ihn.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Wie die Schichten der Erde die lebenden Wesen vergangener Epochen reihenweise aufbewahren; so bewahren die Bretter der Bibliotheken reihenweise die vergangenen Irrtümer und deren Darlegungen, welche, wie jene Ersteren, zu ihrer Zeit, sehr lebendig waren und viel Lärm machten, jetzt aber starr und versteinert dastehen, wo nur noch die literarische Paläontologie sie betrachtet.
Nichts ist gewisser, als dass, allgemein ausgesprochen, die schwere Sünde der Welt es ist, welche das viele und große Leiden der Welt herbeiführt. Dieser Ansicht gemäß ist die Geschichte vom Sündenfall die einzige metaphysische, wenn auch im Gewand der Allegorie auftretende Wahrheit im Alten Testament. Denn nichts Anderem sieht unser Dasein so ähnlich, wie der Folge eines Fehltritts und eines strafbaren Gelüstens. (P. II, 323.) — Der Gott Jehova, der animi causa und de gaieté de coeur diese Welt der Not und des Jammers hervorbringt und dann gar sich selber Beifall klatscht, mit παντα καλα λιαν, das ist nicht zu ertragen.

Montag, 2. Oktober 2017

Die Musik steht ganz abgesondert von den anderen schönen Künsten. Sie ist nicht die Nachbildung, Wiederholung irgend einer Idee der Wesen in der Welt; dennoch muss sie sich, analog den übrigen Künsten, zur Welt in irgend einem Sinne wie Darstellung zum Dargestellten, wie Nachbild zum Vorbild verhalten. Auch muss ihre nachbildliche Beziehung zur Welt eine sehr innige, unendlich wahre und richtig treffende sein, weil sie von Jedem augenblicklich verstanden wird und eine gewisse Unfehlbarkeit dadurch zu erkennen gibt, dass ihre Form sich auf ganz bestimmte, in Zahlen auszudrückende Regeln zurückführen lässt. Worin besteht nun diese eigentümliche nachbildliche Beziehung der Musik zur Welt, durch die sie sich von den anderen Künsten unterscheidet? In Folgendem. Zweck aller anderen Künste ist, die Erkenntnis der Ideen durch Darstellung einzelner Dinge anzuregen. Sie alle objektivieren also den Willen nur mittelbar, nämlich mittelst der Ideen. Die Musik hingegen, die Ideen übergehend, ist eine so unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens, wie die Welt selbst es ist, ja wie die Ideen es sind. Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst, dessen Objektität auch die Ideen sind. Deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger, als die der andern Künste; denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen. Da es inzwischen der selbe Wille ist, der sich sowohl in den Ideen, als in der Musik, nur in jedem von beiden auf verschiedene Weise, objektiviert; so muss ein Parallelismus, eine Analogie sein zwischen der Musik und den Ideen.

Die Musik ist darin von allen anderen Künsten verschieden, dass sie nicht Abbild der Erscheinung oder, richtiger, der adäquaten Objektität des Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst ist und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstellt. Man könnte demnach die Welt ebenso wohl verkörperte Musik, als verkörperten Willen nennen. Gesetzt daher, es gelänge eine vollkommen richtige, vollständige und ins Einzelne gehende Erklärung der Musik, also eine ausführliche Wiederholung dessen, was sie ausdrückt, in Begriffen zu geben, so würde diese sofort auch eine genügende Wiederholung und Erklärung der Welt in Begriffen, oder einer solchen ganz gleichlautend, also die wahre Philosophie sein.

Allgemein und zugleich populär redend kann man sagen: die Musik überhaupt ist die Melodie, zu der die Welt der Text ist.