Donnerstag, 1. Oktober 2026
Sonntag, 27. September 2026
Sonntag, 20. September 2026
Montag, 7. September 2026
Montag, 31. August 2026
Mein Unglück
Dies ist mein Unglück: neben mir schreitet immer
ein Würgengel; und es ist nicht die Tür der Auserwählten, die ich mit Blut
besprenge zum Zeichen, dass er vorübergehen müsse; nein, es ist die Tür derer,
bei denen er eben eintritt. Denn erst die Liebe der Erinnerung ist es, welche
beglückt.
Samstag, 29. August 2026
Niemals fröhlich
Niemals bin ich fröhlich gewesen; und doch hat es immer so ausgesehen, als wäre in meinem Gefolge die Freude, als tanzten rings um mich her die leichten Genien der Freude, für andre immerhin unsichtbar, nicht aber für mich, dessen Augen ja vor Freude glänzten. Wenn ich alsdann so glücklich und heiter wie ein Gott den Leuten vorbeigehe, und sie mein Glück mir mißgönnen, so lache ich; denn ich verachte die Menschen, und ich räche mich. Nie habe ich gewünscht, einem Menschen unrecht zu tun, aber immer den Anschein hervorgerufen, dass jeder in meine Nähe kommende Mensch gekränkt und beleidigt wurde. Höre ich dann, wie andre ob ihrer Treue, ihrer Rechtschaffenheit gerühmt werden, dann lache ich; denn ich verachte die Menschen und ich räche mich. Mein Gemüt ist nie gegen irgend einen Menschen verhärtet gewesen; aber jedesmal, gerade wenn ich innerlich recht ergriffen war, habe ich den Anschein gehabt, dass mein Gemüt jedem Gefühle verschlossen und fremd sei. Wenn ich dann andre ihres guten Herzens wegen preisen höre, wenn ich sehe, wie sie um ihres tiefen und reichen Gefühls willen geliebt werden, so lache ich: denn ich Verachte die Menschen und räche mich. Wenn ich sehe, wie ich selbst meiner Kälte und Herzlosigkeit wegen verwünscht, verabscheut, gehaßt werde, so lache ich; alsdann wird mein Zorn gesättigt. Wenn nämlich die guten Leute mich dahin brächten, wirklich unrecht zu haben, wirklich ein Unrecht zu begehen, ja, dann hätte ich verloren.
Mittwoch, 26. August 2026
Donnerstag, 20. August 2026
Johannes!
Es war ein reicher Mann, der hatte sehr
viele Schafe und Rinder; und es war ein armes kleines Mädchen, die hatte nichts
denn ein einiges kleines Schäflein; es aß von ihrem Bissen und trank von ihrem
Becher. Du warst der reiche Mann, reich an allen Schätzen und Ehren der Welt;
ich war die Arme und hatte nichts als meine Liebe. Du nahmst sie, Du freutest
Dich ihrer; da winkte Dir die Luft, und Du opfertest das Wenige, das ich hatte;
von Deinem Eignen konntest Du nichts opfern. Es war ein reicher Mann, der hatte
sehr viele; Schafe und Rinder; es war ein armes kleines Mädchen, die hatte
nichts als ihre Liebe.
Deine Kordelia.
Johannes!
Ist die Hoffnung denn so gar aus? Wird
Deine Liebe niemals wiedererwachen? Denn daß Du mich geliebt hast, das weiß
ich, wenn ich auch nicht weiß, woher ich diese Gewißheit habe. Ich will warten,
ob mir die Zeit auch lang wird, ich will warten, warten, bis Du andre nicht
mehr lieben magst. Dann wird Deine Liebe zu mir wieder aus dem Grabe erstehen,
dann will ich Dich lieben wie immer, Dir danken wie immer, wie einst, o
Johannes, wie einst! Johannes! Diese herzlose Kälte gegen mich – ist sie Dein
wahres Wesen? war Deine Liebe, Dein reiches Herz – eine innere Lüge? Bist Du
nun wieder Du selber? Hab Geduld mit meiner Liebe, vergib mir, daß ich nicht
aufhören kann, Dich zu lieben; ich weiß es, meine Liebe ist Dir eine Last; aber
es kommt doch die Zeit, da Du zu Deiner Kordelia zurückkehrst. Deine Kordelia!
hörst Du es – das flehentliche Wort –: Deine Kordelia, Deine Kordelia?
Deine Kordelia.
Man sieht es, Kordelia war nicht ohne
Modulation, wenn ihre Stimme auch nicht den Umfang hatte, den Johannes so
bewunderte. Sie kann nicht alles so klar und deutlich darstellen, aber ihre
Stimmung spricht sich in jedem ihrer Briefe aus. Das ist besonders bei dem
zweiten Brief der Fall; man ahnt in demselben freilich mehr, was sie eigentlich
will, aber diese Unvollkommenheit macht ihn für mich so rührend.
Montag, 17. August 2026
Dienstag, 11. August 2026
Vorsicht, meine schöne Unbekannte!
Vorsicht; aus einem Wagen heraustreten ist nicht so leicht, ja es kann ein
entscheidender Schritt sein. Die Wagentritte sind ja so verkehrt eingerichtet,
daß man alle seine Grazie fahren lassen muß, wenn man glücklich herauskommen
will; die einzige Rettung ist oft ein verzweifelter Sprung in die Arme des
Kutschers und des Dieners. Ja, der Kutscher und der Diener – die haben es gut.
Ich glaube wirklich, ich will in einem Hause, in dem junge Mädchen sind, einen
Platz als Diener suchen. Ein Diener wird leicht in die Geheimnisse eines
kleinen Fräuleins eingeweiht. – Aber springen Sie doch um Gotteswillen nicht
heraus, ich bitte Sie; es ist ja dunkel; ich will Sie nicht stören, ich bleibe
dort unter der Straßenlaterne stehen, dann können Sie mich unmöglich sehen, und
man wird doch nur dann verlegen, wenn man weiß, daß man gesehen wird – also
steigen Sie aus!
Lassen Sie den reizenden kleinen Fuß,
den ich bereits bewundert habe, sich in der Welt versuchen! Nur Mut! Verlassen
Sie sich auf ihn, er wird schon festen Grund finden, und erfaßt Sie für einen
Augenblick ein Grauen, weil es Ihnen ist, als suchten Sie ihn vergebens, ja,
ist Ihnen noch bange, nachdem Sie ihn gefunden? o, ziehen Sie nur rasch den
andern Fuß nach – wer könnte so grausam sein, Sie in dieser gefährlichen
Situation schweben zu lassen, wer wäre so alles Schönheitssinnes dar, daß er
für die Offenbarung des Schönen kein Auge hätte? Oder fürchten Sie sich noch
vor einem Unberufenen – doch nicht vor Ihrem Diener, auch nicht vor mir –, ich habe
Ihren kleinen Fuß ja schon gesehen und habe, da ich Naturforscher bin, von
Cuvier gelernt, daraus sichere Schlüsse zu ziehen. Also schnell! Wie diese
Angst Ihre Schönheit hebt. Aber nein, die Angst an und für sich selber ist
nicht schön, sie ist's nur, wenn man im selben Augenblick die Energie bemerkt,
die sie überwindet. Ah, nun endlich! Sieh, wie fest steht der kleine Fuß! – –
Kein Mensch hat es gesehen. Nur eine
dunkle Gestalt geht in dem Augenblick an Ihnen vorüber, da Sie in die Thür des
Hauses treten. Sie erröten? Erbittert, mit stolzer Verachtung sehen Sie sich
um? ein flehentlicher Blick, eine Thräne in Ihren Augen? beides ist gleich
schön, und beides nehme ich mit gleichem Recht an. Aber wie boshaft bin ich –
welche Nummer hat das Haus? und was sehe ich? es ist ein
Galanteriewaren-Geschäft. Meine schöne Unbekannte, vielleicht ist's empörend,
aber ich folge Ihnen ... Sie hat es vergessen, ach ja; wenn man siebenzehn
Sommer zählt, in dem Alter Einkäufe macht und alles, was man in die Hand nimmt,
mit unbeschreiblicher Freude ansieht, ja dann vergißt man leicht.
Montag, 27. Juli 2026
Montag, 20. Juli 2026
Mittwoch, 8. Juli 2026
Donnerstag, 2. Juli 2026
Montag, 29. Juni 2026
Sonntag, 21. Juni 2026
Mittwoch, 10. Juni 2026
Mittwoch, 3. Juni 2026
Sonntag, 31. Mai 2026
Donnerstag, 28. Mai 2026
Mittwoch, 20. Mai 2026
Warum sollte man den
Männern die Schuld dafür geben, dass die Frauen nicht gebildet sind? Durch
welche Gesetze, durch welche Verordnungen, durch welche Erlasse wurde ihnen
verboten, die Augen zu öffnen und zu lesen, das Gelesene zu behalten und
darüber Rechenschaft abzulegen, sei es in ihren Gesprächen oder in ihren
Werken? Haben sie sich nicht vielmehr selbst in dieser Gewohnheit, nichts zu
wissen, festgesetzt, sei es durch die Schwäche ihrer Konstitution, sei es durch
die Trägheit ihres Geistes, sei es durch die Sorge um ihre Schönheit, sei es
durch eine gewisse Leichtfertigkeit, die sie daran hindert, einem langen
Studium nachzugehen, oder durch das Talent und Genie, das sie nur für
handwerkliche Arbeiten besitzen, oder durch die Ablenkungen, die die Belange
eines Hausangestellten mit sich bringen, oder durch eine natürliche Abneigung
gegen mühsame und ernste Dinge, oder durch eine Neugier, die sich gänzlich von
der unterscheidet, die den Geist befriedigt, oder durch einen ganz anderen
Geschmack als den, ihr Gedächtnis zu trainieren? Doch welchem Grund auch immer
die Männer diese Unwissenheit der Frauen zuschreiben mögen, sie sind froh, dass
die Frauen, die sie im übrigen in so vielen Bereichen übertreffen, diesen Vorteil
weniger über sie haben.
Man betrachtet eine
gelehrte Frau wie eine schöne Waffe: Sie ist kunstvoll ziseliert, von
bewundernswertem Glanz und von sehr raffinierter Arbeit; sie ist ein
Ausstellungsstück, das man Neugierigen zeigt, das nicht zum Gebrauch bestimmt
ist, das weder im Krieg noch auf der Jagd dient, ebenso wenig wie ein
Dressurpferd, auch wenn es das am besten ausgebildete der Welt ist.
Wenn Wissenschaft und
Weisheit in ein und derselben Person vereint sind, frage ich nicht mehr nach
dem Geschlecht, sondern bewundere; und wenn ihr mir sagt, dass eine weise Frau
kaum daran denkt, gelehrt zu sein, oder dass eine gelehrte Frau kaum weise ist,
habt ihr bereits vergessen, was ihr gerade gelesen habt, nämlich dass Frauen
nur durch bestimmte Fehler von den Wissenschaften abgehalten werden:
Schlussfolgert also selbst, dass sie umso weiser wären, je weniger sie diese
Mängel hätten, und dass somit eine weise Frau umso besser geeignet wäre,
Gelehrte zu werden, oder dass eine Gelehrte, die nur deshalb solche ist, weil
sie viele Mängel überwinden konnte, umso weiser ist.
Dienstag, 12. Mai 2026
Pourquoi
s'en prendre aux hommes de ce que les femmes ne sont pas savante? Par quelles
lois, par quels édits, par quels rescrits leur a-t-on défendu d'ouvrir les yeux
et de lire, de retenir ce qu'elles ont lu, et d'en rendre compte ou dans leur
conversation ou par leurs ouvrages? Ne se sont-elles pas au contraire établie
elles-même dans cet usage de ne rien savoir, ou par la faiblesse de leur
complexion, ou par la paresse de leur esprit, ou par le soin de leur beauté, ou
par une certaine légèreté qui les empêche de suivre une longue étude, ou par le
talent et le génie qu'elles ont seulement pour les ouvrages de la main, ou par
les distractions que donnent les détails d'un domestique, ou par un éloignement
naturel des choses pénibles et sérieuses, ou par une curiosité toute différente
de celle qui contente l'esprit, ou par un tout autre goût que celui d'exercer
leur mémoire? Mais à quelque cause que les hommes puissent devoir cette
ignorance des femmes, ils sont heureux que les femmes, qui les dominent d'ailleurs
par tant d'endroits, aient sur eux cet avantage de moins.
On regarde une femme savante comme on fait une
belle arme: elle est ciselée artistement, d'une polissure admirable et d'un
travail fort recherché; c'est une pièce de cabinet, que l'on montre aux
curieux, qui n'est pas d'usage, qui ne sert ni à la guerre ni à la chasse, non
plus qu'un cheval de manège, quoique le mieux instruit du monde.
Si la science et la sagesse se trouvent unies
en un même sujet, je ne m'informe plus du sexe, j'admire; et si vous me dites
qu'une femme sage ne songe guère à être savante, ou qu'une femme savante n'est
guère sage, vous avec déjà oublié ce que vous venez de lire, que les femmes ne
sont détournées des sciences que par de certains défauts: concluez donc
vous-même que moins elles auraient de ces défauts, plus elles seraient sages,
et qu'ainsi une femme sage n'en serait que plus propre à devenir savante, ou qu'une
femme savante, n'étant telle que parce qu'elle aurait pu vaincre beaucoup de
défauts, n'en est que plus sage.
Why
attribute it to men that women are not learned? By what laws, what edicts, what
regulations have they forbidden them from opening their eyes and reading, from
retaining what they have read, and from giving an account of it in their
conversation or in their works? Have they not rather established this custom
themselves of not being knowledgeable, either because of the weakness of their
constitution, or the indolence of their esprit, or the care of their beauty, or
a certain flightiness that prevents them from following a long study through,
or a talent and genius only for handiwork, or the distractions that come from
domestic avocations, or a natural estrangement from difficult and serious
things, or a curiosity very distinct from what satisfies esprit, or a
completely different taste than for exercising their memory? But whatever cause
men may give for the ignorance of women, they are fortunate that women, who
rule them in so many other things, don't have this advantage over them at
least.
We regard a learned woman in the same way
people regard a beautiful piece of armor: it is artistically chiselled, has an
admirable polish, and shows exquisite workmanship; it is kept in the cabinet as
part of a collection, which one shows to people who are curious, which is not
used, which is not taken when going to war nor when hunting, no more than a
horse immediately out of riding-school, though the best instructed in the
world.
If knowledge and wisdom are united in a single
person, I do not ask about his or her sex, I admire; and if you tell me that a
wise woman doesn't think of becoming learned, or that a learned woman is hardly
wise, you have already forgotten what you have just read, that women are only
discouraged from knowledge by certain faults: therefore, conclude that the less
they have these faults, the wiser they would be, and that a wise woman would
only be more fit for becoming learned, or that a learned woman, only being such
because she has been able to conquer very many weaknesses, is only wiser for
it.
Dienstag, 5. Mai 2026
Un
comique outre sur la scène ses personnages; un poète charge ses déscriptions;
un peintre qui fait d'après nature force et exagère une passion, un contraste,
des attitudes; et celui qui copie, s'il ne mesure au compas les grandeurs et
les proportions, grossit ses figures, donne à toutes les pièces qui entrent
dans l'ordonnance de son tableau plus de volume que n'en ont celles de
l'original: de même la pruderie est une imitation de sagesse.
Il y a une fausse modestie qui est vanité, une
fausse gloire qui est légèreté, une fausse grandeur qui est petitesse, une
fausse vertu qui est hypocrisie, une fausse sagesse qui est pruderie.
Une femme prude paye de maintien et de parole;
une femme sage paye de conduite. Celle-là suit son humeur et sa complexion,
celle-ci sa raison et son coeur. L'une est sérieuse et austère; l'autre est
dans les diverses rencontres précisément ce qu'il faut qu'elle soit. La
première cache des faibles sous de plausibles dehors; la seconde couvre un
riche fonds sous un air libre et naturel. La pruderie contraint l'esprit, ne
cache ni l'âge ni la laideur; souvent elle les suppose: la sagesse au contraire
pallie les défauts du corps, ennoblit l'esprit, ne rend la jeunesse que plus
piquante et la beauté que plus périlleuse.
An
actor overdoes his part when on stage; a poet amplifies his descriptions; a
painter who draws from life constrains and exaggerates passions, contrasts, and
attitudes; and someone who copies his painting, unless he uses a compass to
measure the dimensions and proportions, makes the figures bigger and gives to
every part of the tableau more volume than the original had: it is in the same
way that prudery imitates wisdom.
There is a false modesty which is vanity, a
false glory which is thoughtlessness, a false grandeur which is pettiness, a
false virtue which is hypocrisy, and a false wisdom which is prudery.
A prude woman is concerned with her bearing
and her words; a wise woman is concerned with her conduct. The first follows
her humor and complexion, the second her reason and her heart. The former is
serious and austere; the latter acts precisely as is necessary in different
situations. The first hides her weaknesses under a plausible exterior; the
second covers a rich store of virtue with a free and natural air. Prudery
constrains esprit, and neither hides age nor ugliness; often it presupposes
them: wisdom, on the contrary, palliates imperfections of the body, ennobles
esprit, and makes youth only more piquant and beauty only more perilous.
Mittwoch, 29. April 2026
Mittwoch, 22. April 2026
Das
Leben besteht in der Bewegung, sagte Aristoteles, mit offenbarem Recht: und wie
demnach unser physisches Leben nur in und durch eine unaufhörliche Bewegung
besteht, so verlangt auch unser inneres, geistiges Leben fortwährend
Beschäftigung, Beschäftigung mit irgend etwas, durch Tun oder Denken; einen
Beweis hiervon gibt schon das Trommeln mit den Händen oder irgendeinem Gerät;
zu welchem unbeschäftigte und gedankenlose Menschen sogleich greifen. Unser
Dasein nämlich ist ein wesentlich restloses: daher wird die gänzliche
Untätigkeit uns bald unerträglich, indem sie die entsetzlichste Langeweile
herbeiführt. Diesen Trieb nun soll man regeln, um ihn methodisch und dadurch
besser zu befriedigen. Daher also ist Tätigkeit, etwas treiben, wo möglich
etwas machen, wenigstens aber etwas lernen – zum Glück des Menschen
unerläßlich: seine Kräfte verlangen nach ihrem Gebrauch und er möchte den
Erfolg desselben irgendwie wahrnehmen.
Die
größte Befriedigung jedoch, in dieser Hinsicht, gewährt es etwas zu machen, zu
verfertigen, sei es ein Korb, sei es ein Buch, aber daß man ein Werk unter
seinen Händen täglich wachsen und endlich seine Vollendung erreichen sehe,
beglückt unmittelbar. Dies leistet ein Kunstwerk, eine Schrift, ja selbst eine
bloße Handarbeit; freilich, je edlerer Art das Werk, desto höher der Genuß. Am
glücklichsten sind, in diesem Betracht, die Hochbegabten, welche sich der
Fähigkeit zur Hervorbringung bedeutsamer, großer und zusammenhängender Werke
bewußt sind. Denn dadurch verbreitet ein Interesse höherer Art sich über ihr
ganzes Dasein und erteilt ihm eine Würtze, welche dem der übrigen abgeht,
welches demnach, mit jenem verglichen, gar schal ist. Für sie nämlich hat das
Leben und die Welt, neben dem allen gemeinsamen, materiellen, noch ein zweites
und höheres, ein formelles Interesse, indem es den Stoff zu ihren Werken
enthält mit dessen Einsammlung sie, ihr Leben hindurch, emsig beschäftigt sind,
sobald nur die persönliche Not sie irgend atmen läßt. Auch ist ihr Intellekt
gewissermaßen ein doppelter: teils einer für die gewöhnlichen Beziehungen
(Angelegenheiten des Willens), gleich dem aller andern: teils einer für die
rein objektive Auffassung der Dinge. So leben sie zweifach, sind Zuschauer und
Schauspieler zugleich, während die übrigen letzteres allein sind. –
Inzwischen
treibe jeder etwas, nach Maßgabe seiner Fähigkeiten. Denn wie nachteilig der
Mangel an planmäßiger Tätigkeit, an irgend einer Arbeit, auf uns, wirke, merkt
man auf langen Vergnügungsreisen, als wo man, dann und wann, sich recht
unglücklich fühlt; weil man, ohne eigentliche Beschäftigung, gleichsam aus
seinem natürlichen Elemente gerissen ist. Sich zu mühen und mit dem Widerstände
zu kämpfen ist dem Menschen Bedürfnis, wie dem Maulwurf das Graben. Der
Stillstand, den die Allgenugsamkeit eines bleibenden Genusses herbeiführte,
wäre ihm unerträglich. Hindernisse überwinden ist der Vollgenuß seines Daseins;
sie mögen materieller Art sein, wie beim Handeln und Treiben oder geistiger
Art, wie beim Lernen und Forschen: der Kampf mit ihnen und der Sieg beglückt.
Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, so macht er sie sich, wie er kann; je nachdem
seine Individualität es mit sich bringt, wird er jagen oder Bilboquet spielen,
oder, vom unbewußten Zuge seiner Natur geleitet, Händel suchen, oder Intriguen
anspinnen, oder sich auf Betrügereien und allerlei Schlechtigkeiten einlassen,
um nur dem ihm unerträglichen Zustande der Ruhe ein Ende zu machen. Schwer ist
es, in der Muse ruhig zu leben.
Beim
Anblick dessen, was wir nicht besitzen, steigt gar leicht in uns der Gedanke
auf: »wie, wenn das mein wäre?« – und er macht uns die Entbehrung fühlbar.
Statt dessen sollten wir öfter fragen: »wie, wenn das nicht mein wäre?« ich
meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen so anzusehen uns bemühen,
wie es uns vorschweben würde, nachdem wir es verloren hätten; und zwar jedes,
was es auch sei: Eigentum, Gesundheit, Freude, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und
Hund: denn meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.
Hingegen infolge der anempfohlenen Betrachtungsweise derselben wird erstlich
ihr Besitz uns unmittelbar mehr, als zuvor, beglücken, und zweitens werden wir
auf alle Weise dem Verlust vorbeugen, also das Eigentum nicht in Gefahr
bringen, die Freunde nicht erzürnen, die Treue des Weibes nicht der Versuchung
aussetzen, die Gesundheit der Kinder bewachen usw. Oft suchen wir das Trübe der
Gegenwart aufzuhellen durch Spekulation auf günstige Möglichkeiten und ersinnen
vielerlei chimärische Hoffnungen, von denen jede mit einer Enttäuschung
schwanger ist, die nicht ausbleibt, wenn jene an der harten Wirklichkeit
zerschellt. Besser wäre es, die vielen schlimmen Möglichkeiten zum Gegenstand
unserer Spekulation zu machen, als welches teils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr,
teils angenehme Überraschungen, wenn sie sich nicht verwirklichen, veranlassen
würde. Sind wir doch nach etwas ausgestandener Angst, stets merklich heiter.
Ja, es ist sogar gut, große Unglücksfälle, die uns möglicherweise treffen
könnten, uns bisweilen zu vergegenwärtigen; um nämlich die uns nachher wirklich
treffenden viel kleineren leichter zu ertragen, indem wir dann durch den
Rückblick auf jene großen, nicht eingetroffenen, uns trösten. Über diese Regel
ist jedoch die ihr vorhergegangene nicht zu vernachlässigen.
Montag, 13. April 2026
Samstag, 4. April 2026
Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Begebenheiten ganz vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Beziehung auf einander, im grellsten Kontrast und ohne irgend etwas Gemeinsames, als eben daß sie unsere Angelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; so muß unser Denken und Sorgen um sie eben so abrupt sein, damit es ihnen entspreche. – Sonach müssen wir, wenn wir eines vornehmen, von allem andern abstrahieren und uns der Sache entschlagen, um jedes zu seiner Zeit zu besorgen; zu genießen, zu erdulden, ganz unbekümmert um das Übrige: wir müssen also gleichsam Schiebfächer unserer Gedanken haben, von denen wir eines öffnen, derweilen alle anderen geschlossen bleiben. Dadurch erlangen wir, daß nicht eine schwer lastende Sorge jeden kleinen Genuß der Gegenwart verkümmere und uns alle Ruhe raube; daß nicht eine Überlegung die andere verdränge; daß nicht die Sorge für eine wichtige Angelegenheit die Vernachlässigung vieler geringen herbeiführe usw. Zumal aber soll, wer hoher und edler Betrachtungen fähig ist, seinen Geist durch persönliche Angelegenheiten und niedrige Sorgen nie so ganz einnehmen und erfüllen lassen, daß sie jenen den Zugang versperren: denn das wäre recht eigentlich: um des Lebens Kleinigkeit des Lebens Ziel verfehlen. –
Freilich
ist zu dieser Lenkung und Ablenkung unserer selbst, wie zu so viel anderem,
Selbstzwang erfordert: zu diesem aber sollte uns die Überlegung stärken, daß
jeder Mensch gar vielen und großen Zwang von außen zu erdulden hat, ohne
welchen es in keinem Leben abgeht; daß jedoch ein kleiner, an der rechten
Stelle angebrachter Selbstzwang nachmals vielem Zwange von außen vorbeugt; wie
ein kleiner Abschnitt des Kreises zunächst dem Centro einem oft hundertmal
größern an der Peripheri entspricht. Durch nichts entziehn wir uns so sehr dem
Zwange von außen, wie durch Selbstzwang: das besagt Senekas Ausspruch: Willst
du alle Dinge der Gewalt unterwerfen, so unterwirf dich deiner Vernunft. Auch
haben wir den Selbstzwang noch immer in der Gewalt, und können, im äußersten
Fall, wo er unsere empfindlichste Stelle trifft, etwas nachlassen: hingegen der
Zwang von außen ist ohne Rücksicht, ohne Schonung und unbarmherzig. Daher ist
es weise, diesem durch jenen zuvorzukommen.
Unsern
Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume halten, unsern Zorn
bändigen, stets eingedenk, daß dem einzelnen nur ein unendlich kleiner Teil
alles Wünschenswerten erreichbar ist, hingegen viele Übel jeden treffen müssen,
also, mit einem Worte: Sich enthalten und sich zurückhalten – ist eine Regel,
ohne deren Beobachtung weder Reichtum noch Macht verhindern können, daß wir uns
armselig fühlen. Dahin zielt Horaz: Stets überlege dir und suche den Rat der
Weisen, wie du dein Leben in Ruhe zubringen kannst, damit dich nicht ständig
rastlose Habsucht plagt und foltert, noch die Angst, noch die Hoffnung auf
Besitz unwichtiger Dinge.
Montag, 30. März 2026
Der
Feierabend eines Schriftstellers, der gute Werke veröffentlicht hat, wird vom
Publikum mehr geachtet als die betriebsame Fruchtbarkeit eines Autors, der nur
die mittelmäßigen Werke vermehrt. Das Schweigen eines Menschen, der bekannt ist
dadurch, dass er etwas zu sagen hat, macht mehr Eindruck als das Geschwätz des Redseligen.
Donnerstag, 26. März 2026
Donnerstag, 12. März 2026
Donnerstag, 5. März 2026
Freitag, 27. Februar 2026
Mittwoch, 25. Februar 2026
Noch hat sie mich nicht gesehen; ich
stehe an der andern Seite des Ladentisches. An der entgegengesetzten Wand hängt
ein Spiegel. Sie weiß es nicht, aber der Spiegel weiß es. O, der unglückliche
Spiegel, er kann ihr Bild, aber nicht sie selber auffangen. Unglücklicher
Spiegel, er kann ihr Bild nicht in sich aufnehmen und es vor der ganzen Welt
verbergen, er muß es andern verraten, so jetzt mir. Welche Qual, wenn ein
Mensch so gebildet wäre! Und doch wie viele Menschen gibt's, die nichts
besitzen, es sei denn in dem Augenblick, da sie es andern zeigen...
Wie ist sie doch schön! Armer Spiegel,
das muß eine Qual sein. Gut, daß du keine Eifersucht kennst. Ihre Haare sind
dunkel, ihr Teint durchsichtig, wie Samt anzufassen, ich kann's mit meinen
Augen fühlen. Ihre Augen – nein, die habe ich noch nicht gesehen, sie sind von
den langen Wimpern ganz bedeckt. Und ihr Kopf – ein Madonnenkopf, so rein und
unschuldig; er beugt sich etwas, aber nicht im Anschauen des Einen; der
Ausdruck ihres Gesichtes wechselt. Was sie betrachtet, ist das Mannigfaltige,
das im Glanze irdischer Pracht und Herrlichkeit vor ihr ausgebreitet liegt. Sie
zieht einen Handschuh aus und zeigt dem Spiegel – aber auch mir – eine Hand so
weiß und wohlgebildet, als wäre es eine Antike, ohne jeden Schmuck, auch ohne
den verräterischen Ring am vierten Finger – bravo! – Sie schlägt ihr Auge auf,
wie verändert das alles und bleibt doch dasselbe: die Stirn weniger hoch, das
Gesicht nicht so ganz oval wie es zuvor schien, aber lebhafter.
Sie spricht mit dem Kommis, sie ist
munter und spricht gern. Sie hat schon zwei, drei Waren gewählt, nimmt eine
vierte, hält sie in ihrer Hand, sieht sie an, fragt nach dem Preise und legt
sie unter ihren Handschuh. Gewiß ist's für... den Geliebten – aber sie ist ja
nicht verlobt. Ach, wie viele sind nicht verlobt und haben doch einen
Geliebten, wie viele sind verlobt und haben doch keinen Geliebten... Nun will
sie bezahlen, aber sie hat ihr Portemonnaie vergessen..., sie nennt vermutlich
ihre Adresse; ich will sie nicht hören, ich treffe sie im Leben wohl noch
wieder, und – – beim Himmel, sie wird sich der Situation erinnern. Nur nicht
ungeduldig! Es muß alles in langsamen Zügen genossen werden.
Samstag, 14. Februar 2026
Dienstag, 10. Februar 2026
Das mag ich leiden: abends allein in der
Östergade. Ja, ich sehe den Diener, der Ihnen folgt; nein, so schlecht denke
ich nicht von Ihnen, daß ich glauben könnte, Sie möchten ganz allein gehen.
Aber warum so rasch? Nicht wahr? man hat doch etwas Angst und das Herz klopft,
nicht weil die Sehnsucht nach Hause so groß ist, sondern in der ungeduldigen
Furcht, die mit ihrer süßen Unruhe den ganzen Leib durchschauert, daher der
schnelle Takt der Füße. – Aber es ist doch prächtig, unbezahlbar, so allein zu
gehen – den Diener hinter sich her... Unverdrossen geht sie vorwärts. Hüten Sie
sich; da kommt ein Mensch, lassen Sie den Schleier nieder, damit sein profaner
Blick Sie nicht beleidigt. – Sie bemerken es nicht, aber ich sehe es, daß er
die Situation überschaut. –
Ja, da sehen Sie es nun, was für Folgen
es haben kann, wenn man allein mit dem Diener geht. Der Diener ist gefallen.
Das ist im Grunde lächerlich, aber was wollen Sie nun machen? Umkehren und ihm
wieder auf die Beine helfen, nein, das ist unmöglich, und mit einem Diener
gehen, dessen Rock so schmutzig geworden ist? Wie unangenehm. Und ganz allein
gehen? Das ist bedenklich. Hüten Sie sich, das Scheusal nähert sich... Sie
antworten mir nicht, sehen mich nur an. Fürchten Sie sich vor mir? Ich mache
gar keinen Eindruck auf Sie, ich sehe wie ein gutmütiger Mensch aus einer ganz
andern Welt aus. Meine Verlegenheit, in der ich Sie nicht anzusehen wage, macht
Sie sicher; Sie könnten fast versucht sein, sich über mich lustig zu machen.
Tausend gegen eins, in diesem Augenblick hätten Sie die Kourage, mich unter den
Arm zu nehmen, wenn es Ihnen selber einfiele ...
Also in der Stormgade wohnen Sie. Sie
verneigen sich kalt und flüchtig vor mir. Habe ich das verdient, da ich Ihnen
aus der unangenehmen Situation heraushalf? Es verdrießt Sie, Sie kehren zurück,
danken mir für meine Freundlichkeit, reichen mir die Hand – warum werden Sie
plötzlich so bleich? Ist meine Stimme nicht unverändert, meine Haltung
dieselbe, mein Blick ebenso ruhig und unbefangen? Aber dieser Druck der Hand?
Kann denn der etwas bedeuten? Ja, viel, mein kleines Fräulein, sehr viel;
innerhalb der nächsten vierzehn Tage werde ich Ihnen alles erklären, aber so
lange wird der Widerspruch Sie quälen: ich bin ein gutmütiger Mensch, der als
ein Ritter ohne Furcht und Tadel einem jungen Mädchen zu Hilfe kommt, und doch
– kann ich Ihre Hand in einer nichts weniger als gutmütigen Weise drücken. –















