Freitag, 31. Dezember 2021

Wir sind nicht stark genug, unserer ganzen Einsicht zu folgen.

Nous n'avons pas assez de force pour suivre toute notre raison.

 We do not have enough strength to follow all of our reason.

Dienstag, 28. Dezember 2021

There is a certain ardent energy, the mother or necessary companion of a particular species of talent, which usually condemns those who possess it to the misfortune, not of being without morals, not of being without very beautiful feelings, but of frequently indulging in flights that presuppose an absence of all morality. It's a devouring harshness which they are not the masters of, and which makes them very hateful. It's afflicting to think that Pope and Swift in England, Voltaire and Rousseau in France, were judged not out of hatred, not out of jealousy, but out of equity and good-will, based on facts that were witnessed or admitted by their friends and admirers, to be stricken with and convicted of very blameworthy actions, and sometimes of very perverse feelings. O Altitudo!  

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Il y a une certaine énergie ardente, mère ou compagne nécessaire de telle espèce de talents, laquelle pour l'ordinaire condamne ceux qui les possèdent au malheur, non pas d'être sans morale, de n'avoir pas de très beaux mouvements, mais de se livrer fréquemment à des écarts qui supposeraient l'absence de toute morale. C'est une âpreté dévorante dont ls ne sont pas maîtres et qui les rend très odieux. On s'afflige, en songeant que Pope et Swift en Angleterre, Voltaire et Rousseau en France, jugés non par la haine, non par la jalousie, mais par l'équité, par la bienveillance, sur la foi des faits attestés ou avoués par leurs amis et par leurs admirateurs, seraient atteints et convaincus d'actions très condamnables, de sentiments quelquefois très pervers. O Altitudo! 

Es gibt eine gewisse überhitzte geistige Energie, die unzertrennlich mit gewissen Begabungen verbunden und vielleicht deren Ursprung ist. Wer sie unglücklicherweise besitzt, kann durchaus moralisch, edler Regungen fähig sein und wird doch häufig zu Entgleisungen verleitet, die jedes moralische Gefühl auszuschliessen scheinen. Eine verzehrende Herbheit, die sie nicht unterdrücken können, macht solche Naturen hassenswert. Es stimmt traurig, wenn man bedenkt, dass in England Pope und Swift, in Frankreich Voltaire und Rousseau sehr verwerflicher Handlungen, sehr verkehrter Gefühle überführt werden konnten. Und nicht etwa Hass und Eifersucht, nein, Billigkeit und Wohlwollen mussten sie verurteilen. O altitudo!    

Dienstag, 23. November 2021

Es ist merkwürdig genug, dass man sich durch die furchtbarsten Gegensätze eine Vorstellung machen kann von dem, was die Ewigkeit ist. Denke ich mir jenen unglücklichen Buchhalter, der von Sinnen kam aus Verzweiflung darüber, dass er in einer Abrechnung gesagt: 7 und 6 sei 14, und hierdurch den Ruin eines Handlungshauses herbeigeführt habe; denke ich mir, wie er einen Tag wie den anderen, von allem Übrigen unberührt, sich selber dieses Eine wiederholt: 7 und 6 ist 14, so habe ich ein Bild der Ewigkeit. - Denke ich mir eine üppige weibliche Schönheit in einem Harem, wie sie mit allen ihren Reizen auf einem Divan ausgestreckt liegt, ohne sich um irgend etwas in der Welt zu kümmern, so habe ich wiederum ein Bild der Ewigkeit. 

Montag, 22. November 2021

Ich scheine dazu bestimmt, alle möglichen Stimmungen durchleiden, Erfahrung in allen Richtungen machen zu sollen. In jedem Augenblicke liege ich da wie ein Kind, welches schwimmen lernen soll, weit ins Weltmeer hinaus. Ich schreie (was ich von den Griechen gelernt habe, von welchen man das Reinmenschliche lernen kann). Denn ich habe zwar ein Zugseil um den Leib; aber die Stange, die mich oben halten soll, erblicke ich nicht. Diese Art, Erfahrungen zu machen, ist schrecklich.

Sonntag, 21. November 2021

Also bin ich nicht der Herr meines Lebens; ich bin mit einer der Fäden, die in den Kattun des Lebens hineingesponnen werden sollen! Nun immerhin: kann ich auch nicht spinnen, so kann ich den Faden doch durchschneiden.

Der eigentliche Genuß liegt nicht in dem, was man genießt, sondern in der Vorstellung. Gesetzt, ich hätte zu meinen Diensten einen untertänigen Geist, welcher, wenn ich ein Glas Wasser verlangte, mir von aller Welt Enden her die köstlichsten Weine, lieblich gemischt in einem Pokale, darbrächte: so würde ich ihn verabschieden, bis er lernte, dass der Genuß nicht in dem, was ich genieße, liegt, sondern darin, dass ich meinen Willen bekomme.

Samstag, 6. November 2021

Worin besteht überhaupt die Bedeutung dieses Lebens? Teilt man die Menschen in zwei große Klassen, so kann man sagen: die eine arbeitet, um zu leben; die andre hat dies nicht nötig. Aber zu arbeiten, um leben zu können, das kann ja nicht die Bedeutung des Lebens sein: denn es liegt doch ein Widerspruch darin, dass die unablässige Herbeischaffung der Bedingungen die Antwort auf die Frage sein soll nach der Bedeutung dessen, was dadurch bedingt wird. Das Leben der übrigen hat im allgemeinen auch keine Bedeutung, außer der einen, die Bedingungen desselben zu verzehren. Will man sagen, dass die Bedeutung des Lebens diese ist: einmal zu sterben, so scheint das gleichfalls ein Widerspruch.

In einem Schauspielhaus geschah es, dass die Kulissen Feuer fingen; der Bajazzo trat vor, um das Publikum davon zu benachrichtigen. Man glaubte, es sei ein Witz, und applaudierte. Er wiederholte die Anzeige: man jubelte noch lauter. So, denke ich, wird die Welt unter allgemeinem Jubel witziger Köpfe zu Grunde gehen, die da glauben, es sei ein Witz.    

Freitag, 29. Oktober 2021

Man übernehme niemals irgend eine Berufsarbeit. Thut man's, so wird man bald ein kleines Rädchen an der Staatsmaschine, aber hört Selber auf, der Herr der Betriebswirtschaft zu sein. Da kann die Theorie nur wenig helfen. Man erhält einen Titel, und darin liegt die ganze Konsequenz der Sünde und des Bösen. Das Gesetz, dessen Sklave man dadurch wird, ist gleich langweilig, ob man nun rasch oder langsam avanciert. Und den Titel wird man ja nie wieder los - selbst wenn man ihn durch ein Vergehen verliert, erhält man ihn durch eine gnädige Resolution des Königs bald wieder. Aber wenn mau sich auch vor Berufsarbeiten hüten muß, darf man doch nicht untätig sein; man treibe allerlei brotlose Künste. Doch muß man sich weniger extensiv als intensiv entwickeln und je älter man wird, die Wahrheit des alten Wortes erweisen, dass nicht viel dazu gehört, um Kindern eine Freude zu machen.

Dienstag, 12. Oktober 2021

Leidenschaft macht oft den gescheitesten Mann zum Narren und den grössten Dummkopf zum gescheiten Mann.

La passion fait souvent un fou du plus habile homme, et rend souvent les plus sots habiles.

Passion often makes the cleverest man mad, and often renders the most foolish men clever.

Was wir für Tugend halten, ist oft nur ein Gewebe verschiedener Handlungen und Interessen, die der Zufall oder unsere Geschäftigkeit aneinanderzureihen weiss, und nicht immer sind es Mut und Keuschheit, die die Männer mutig machen und die Weiber keusch.

Ce que nous prenons pour des vertus n'est souvent qu'un assemblage de diverses actions et de divers intérêts, que la fortune ou notre industrie savent arranger; et ce n'est pas toujours par valeur et par chasteté que les hommes sont vaillants, et que les femmes sont chastes.

What we take for virtues are often only assemblies of diverse actions and diverse interests, which fortune or our industry arrange; and it is not always because of valor and chastity that men are valiant and that women are chaste.

Sonntag, 26. September 2021

Torquato Tasso sagt in seiner Vergleichung, die er zwischen Italien und Frankreich anstellt, er habe bemerkt, daß wir dünnere Waden haben als die Welschen von Adel, und gibt als Ursache davon an, daß wir unaufhörlich zu Pferde sitzen. Aus ebendieser Ursache zieht aber Suetonius eine ganz entgegengesetzte Folgerung. Denn er sagt dawider: Germanicus habe seine Waden dadurch völlig gemacht, daß er anhaltend geritten sei. Nichts schmiegt sich so leicht an alle Irrtümer als unser Verstand. Er ist wie der Schuh des Theramenes, der jedem Fuße paßt. Und er ist doppelt und vielfach, wie die Materie doppelt und vielfach ist. »Gib mir eine Drachme Silbers«, sagt ein kynischer Philosoph zum Antigonus. »Das ist kein Geschenk, das ein König gibt«, antwortete dieser. »Nun, so gib mir ein Talent.« »Das ist kein Geschenk für einen Kyniker.«

Torquato Tasso, en la comparaison qu'il faict de la France à l'Italie, dict avoir remarqué cela, que nous avons les jambes plus greles que les gentils-hommes Italiens, et en attribue la cause à ce que nous sommes continuellement à cheval; qui est celle-mesmes de laquelle Suetone tire une toute contraire conclusion; car il dict au rebours que Germanicus avoit grossi les siennes par continuation de ce mesme exercice. Il n'est rien si soupple et erratique que nostre entendement: c'est le soulier de Theramenez, bon à tous pieds. Et il est double et divers, et les matieres doubles et diverses. Donne moy une dragme d'argent, disoit un philosophe Cynique à Antigonus.--Ce n'est pas present de Roy, respondit-il.--Donne moy donc un talent.--Ce n'est pas present pour Cynique.

Samstag, 18. September 2021

Ogni medaglia ha il suo riverso. Voilà pourquoy Clitomachus disoit anciennement que Carneades avoit surmonté les labeurs de Hercules, pour avoir arraché des hommes le consentement, c'est à dire l'opinion et la temerité de juger. Cette fantasie de Carneades, si vigoureuse, nasquit à mon advis anciennement de l'impudence de ceux qui font profession de sçavoir, et de leur outre-cuidance desmesurée. On mit Aesope en vente avec deux autres esclaves. L'acheteur s'enquit du premier ce qu'il sçavoit faire; celuy là, pour se faire valoir, respondit monts et merveilles, qu'il sçavoit et cecy et cela; le deuxiesme en respondit de soy autant ou plus; quand ce fut à Aesope, et qu'on luy eust aussi demandé ce qu'il sçavoit faire: Rien, dict-il, car ceux cy ont tout preoccupé: ils sçavent tout.

Ogni medaglia ha il suo riverso.14 Darum sagte Clitomachus vor alters, Carneades habe die Arbeiten des Herkules übertroffen, indem er den Menschen ihren Beifall entrissen habe, das heißt die Einbildung und die Verwegenheit ihrer Urteile. Diese herzhafte Unternehmung ging Carneades, meiner Meinung nach, damals deswegen ein, weil die Leute, welche ein Gewerbe daraus machten, alles zu wissen, gar zu unverschämt waren und sich übermäßig viel herausnahmen. Man bot den Aesop neben zwei andern Sklaven aus. Der Käufer erkundigte sich bei dem ersten, was er verstände. Dieser, um sich einen Wert zu geben, versprach goldne Berge und wußte das und wußte jenes. Der zweite versprach ebensoviel und noch mehr von sich. Als die Reihe an den Aesop kam und man ihn auch fragte, was er denn könne, antwortete er: »Nichts; denn die da haben mir ja alles weggenommen, sie wissen alles.«


Ainsin est-il advenu en l'escole de la philosophie: la fierté de ceux qui attribuoyent à l'esprit humain la capacité de toutes choses causa en d'autres, par despit et par emulation, cette opinion qu'il n'est capable d'aucune chose. Les uns tiennent en l'ignorance cette mesme extremité que les autres tiennent en la science. Afin qu'on ne puisse nier que l'homme ne soit immoderé par tout, et qu'il n'a point d'arrest que celuy de la necessité, et impuissance d'aller outre.

 


So ging es in den Schulen der Philosophie. Der Stolz derjenigen, welche dem menschlichen Geist die Fähigkeit alles zu umfassen zuschreiben, veranlaßte bei andern aus Ärger und Eifer die Meinung, daß sie gar nicht fähig wären, etwas zu fassen. Dergestalt übertrieben sie ihre Unwissenheit ebensosehr als andere ihr Vielwissen, damit man nicht leugnen könne, der Mensch halte in keinem Dinge weder Ziel noch Maß und habe keine Ruhe, bis Not und Unvermögen ihn stille stehen heißen.

Freitag, 17. September 2021

Das Liebesfeuer ist, wie ich zugeben muss, eingreifender, brennender und peinigender, aber zugleich ist es mutwillig, unbeständig, flatternd und sich wandelnd, eine Art Fieberglut, die auf und abschwillt, ein Feuer, das nur Teile von uns versengt. Außerdem ist das Wesentliche bei der Liebe ein unstillbares Sehnen nach einem Ziel, das immer entweicht, sobald die Liebe in das Gebiet der Freundschaft übertritt, das heißt wenn die Herzen sich finden, verlieren sie an Feuer und Kraft. Ihre Erfüllung ist ihr Ende. Denn das Ziel, das nun erreicht ist, ist ein körperliches, und damit zieht die Gefahr der Übersättigung herauf.

Es war, wie ich bekennen muss, wahrhaftig Malheur und Mirakel zugleich, in welch zarter Jugend ich rein zufällig jenem Gott erstmals in die Arme lief.

Montag, 30. August 2021

Il y a des femmes déjà flétries, qui par leur complexion ou par leur mauvais caractère sont naturellement la ressource des jeunes gens qui n'ont pas assez de bien. Je ne sais qui est plus à plaindre, ou d'une femme avancée en âge qui a besoin d'un cavalier, ou d'un cavalier qui a besoin d'une vieille. 

Naturell oder schlechter Charakter machen gewisse Frauen, die bereits verwelkt sind, zu einer Hilfsquelle für junge Leute, die nicht genug Geld besitzen. Ich weiss nicht, wer mehr zu beklagen ist, eine Frau vorgerückten Alters, die einen Kavalier nötig hat, oder ein Kavalier, der eine Alte nötig hat.    

There are women who already have wrinkles, who because of their complexion or their bad character are the natural resource of young men who don't have money. I don't know who is more to be pitied, either a woman advanced in years who needs a cavalier or a cavalier who needs an old woman.  

Donnerstag, 19. August 2021

The refuse of the court is received in a fashionable assembly, where he defeats the magistrate, even when the latter is wearing his cravate and his grey suit, as well as the bourgeois wearing a sword, he sweeps them away and becomes master of the place: he is listened to and loved; one can hardly resist for a moment a gold-embroidered scarf or a white feather, a man who speaks to the King and sees the ministers. He makes men and women jealous: one admires him, he inspires envy: four miles away from the city, at Versailles, he inspires pity.  

Le rebut de la cour est reçu à la ville dans une ruelle, où il défait le magistrat, même en cravate et en habit gris, ainsi que le bourgeois en baudrier, les écarte et devient maître de la place: il est écouté, il est aimé; on ne tient guère plus d'un moment contre une écharpe d'or et une plume blanche, contre un homme qui parle au Roi et voit les ministres. Il fait des jaloux et des jalouses: on l'admire, il fait envie: à quatre lieues de là, il fait pitié.    

Mittwoch, 28. Juli 2021

A man from the city is to a woman who has never left her native province what a courtier is to a city woman.  

Un homme de la ville est pour une femme de province ce qu'est pour une femme de ville un homme de la cour.    

Ein Mann aus der Stadt ist für eine Frau in der Provinz, was für eine Frau in der Stadt ein Mann vom Hofe ist.

Donnerstag, 22. Juli 2021

Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehn, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Thier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, wo sodann mit der Erkenntniß die Fähigkeit Schmerz zu empfinden wächst, welche daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht und einen um so höheren, je intelligenter er ist, – dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstriren wollen. Die Absurdität ist schreiend. – Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen und hineinsehn in die Welt, wie sie so schön sei, im Sonnenschein, mit ihren Bergen, Thälern, Ströhmen, Pflanzen, Thieren u.s.f. – Aber ist denn die Welt ein Guckkasten? Zu sehn sind diese Dinge freilich schön; aber sie zu seyn ist ganz etwas Anderes. – Dann kommt ein Teleolog und preist mir die weise Einrichtung an, vermöge welcher dafür gesorgt sei, daß die Planeten nicht mit den Köpfen gegen einander rennen, Land und Meer nicht zum Brei gemischt, sondern hübsch auseinandergehalten seien, auch nicht Alles in beständigem Froste starre, noch von Hitze geröstet werde, imgleichen, in Folge der Schiefe der Ekliptik kein ewiger Frühling sei, als in welchem nichts zur Reife gelangen könnte, u. dgl. m. –

Aber Dieses und alles Aehnliche sind ja bloße conditiones sine quibus non. Wenn es nämlich überhaupt eine Welt geben soll, wenn ihre Planeten wenigstens so lange, wie der Lichtstrahl eines entlegenen Fixsterns braucht, um zu ihnen zu gelangen, bestehn und nicht, wie Lessings Sohn, gleich nach der Geburt wieder abfahren sollen; – da durfte sie freilich nicht so ungeschickt gezimmert seyn, daß schon ihr Grundgerüst den Einsturz drohte. Aber wenn man zu den Resultaten des gepriesenen Werkes fortschreitet, die Spieler betrachtet, die auf der so dauerhaft gezimmerten Bühne agiren, und nun sieht, wie mit der Sensibilität der Schmerz sich einfindet und in dem Maaße, wie jene sich zur Intelligenz entwickelt, steigt, wie sodann, mit dieser gleichen Schritt haltend, Gier und Leiden immer stärker hervortreten und sich steigern, bis zuletzt das Menschenleben keinen andern Stoff darbietet, als den zu Tragödien und Komödien, – da wird, wer nicht heuchelt, schwerlich disponirt seyn, Hallelujahs anzustimmen. Den eigentlichen, aber verheimlichten Ursprung dieser letzteren hat übrigens, schonungslos, aber mit siegender Wahrheit, David Hume aufgedeckt, in seiner Natural history of religion, Sect. 6, 7, 8 and 13. 

Montag, 19. Juli 2021

Derselbe legt auch im zehnten und elften Buch seiner Dialogues on natural religion, unverhohlen, mit sehr triftigen und dennoch ganz anderartigen Argumenten als die meinigen, die trübsälige Beschaffenheit dieser Welt und die Unhaltbarkeit alles Optimismus dar; wobei er diesen zugleich in seinem Ursprung angreift. Beide Werke Hume's sind so lesenswerth, wie sie in Deutschland heut zu Tage unbekannt sind, wo man dagegen, patriotisch, am ekelhaften Gefasel einheimischer, sich spreizender Alltagsköpfe unglaubliches Genügen findet und sie als große Männer ausschreit. Jene Dialogues aber hat Hamann übersetzt, Kant hat die Uebersetzung durchgesehn und noch im späten Alter Hamanns Sohn zur Herausgabe derselben bewegen wollen, weil die von Platner ihm nicht genügte (siehe Kants Biographie von F. W. Schubert, S. 81 und 165). – Aus jeder Seite von David Hume ist mehr zu lernen, als aus Hegels, Herbarts und Schleiermachers sämmtlichen philosophischen Werken zusammengenommen.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Der Optimismus ist im Grunde das unberechtigte Selbstlob des eigentlichen Urhebers der Welt, des Willens zum Leben, der sich wohlgefällig in seinem Werke spiegelt: und demgemäß ist er nicht nur eine falsche, sondern auch eine verderbliche Lehre. Denn er stellt uns das Leben als einen wünschenswerthen Zustand, und als Zweck desselben das Glück des Menschen dar. Davon ausgehend glaubt dann Jeder den gerechtesten Anspruch auf Glück und Genuß zu haben: werden nun diese, wie es zu geschehn pflegt, ihm nicht zu Theil; so glaubt er, ihm geschehe Unrecht, ja, er verfehle den Zweck seines Daseyns; – während es viel richtiger ist, Arbeit, Entbehrung, Noth und Leiden, gekrönt durch den Tod, als Zweck unsers Lebens zu betrachten (wie dies Brahmanismus und Buddhaismus, und auch das ächte Christenthum thun); weil diese es sind, die zur Verneinung des Willens zum Leben leiten. Im Neuen Testamente ist die Welt dargestellt als ein Jammerthal, das Leben als ein Läuterungsproceß, und ein Marterinstrument ist das Symbol des Christenthums. 

Wie gegen den Optimismus Voltaire, im Candide, den Krieg in seiner scherzhaften Manier führt, so hat es in seiner ernsten und tragischen Byron gethan, in seinem unsterblichen Meisterwerke Kain, weshalb er auch durch die Invektiven des Obskuranten Friedrich Schlegel verherrlicht worden ist. – Wollte ich nun schließlich, zur Bekräftigung meiner Ansicht, die Aussprüche großer Geister aller Zeiten in diesem, dem Optimismus entgegengesetzten Sinne, hersetzen; so würde der Anführungen kein Ende seyn; da fast jeder derselben seine Erkenntniß des Jammers dieser Welt in starken Worten ausgesprochen hat. Also nicht zur Bestätigung, sondern bloß zur Verzierung dieses Kapitels mögen am Schlusse desselben einige Aussprüche dieser Art Platz finden.

Dienstag, 29. Juni 2021

J'ai vu, dans le monde, quelques hommes et quelques femmes qui ne demandent pas l'échange du senitment contre le sentiment, mais du procédé contre le procédé, et qui abandonnerait ce dernier marché, s'il pouvait conduire à l'autre. 

I've seen some men and women in society who do not ask for an exchange of feelings between each other, but an exchange of procedures, and who abandon this last bargain if it will lead to the first one.  

Ich habe in der Gesellschaft Männer und Frauen kennengelernt, die in der Liebe nicht den Tausch von Gefühlen mit Gefühlen, sondern von Aktion gegen Aktion suchten und die letzteres aufgeben würden, wenn es zu ersterem führte.       

Mittwoch, 23. Juni 2021

Quelques hommes avaient ce qu'il faut pour s'élever au-dessus des misérables considérations qui rabaissent les hommes au-dessiys de leur mérite; mais le mariage, les liaisons des femmes, les ont mis au niveau de ceux qui n'approchaient pas d'eux. Le mariage, la galanterie sont une sorte de conducteur qui fait arriver ces petites passions jusqu'à eux.     

Some men have what is necessary to lift themselves above the miserable considerations that belittle them below their merit; but marriage or liaisons with women put them on a level with people they do not belong with. Marriage and gallantry are a sort of carriage driver who conducts petty passions to them.  

Samstag, 19. Juni 2021

Wie schlecht auch ein Mann über die Frauen denken mag, es gibt keine Frau, die darin nicht noch weiter ginge als er.   

Quelque mal qu'un homme puisse penser des femmes, il n'y a pas de femme qui n'en pense encore plus mal que lui.     

However badly a man might think of women, there is a woman who thinks still worse.  

Freitag, 28. Mai 2021

Die Mädchen gefallen mir nicht. Ihre Schönheit vergeht wie ein Traum und wie das Gestern, wenn es gewesen ist. Ihre Treue - ja, ihre Treue! Entweder sind sie treulos - nun, dem denke ich nicht weiter nach - oder sie sind treu. Gesetzt, ich träfe eine solche, dann würde sie mir gefallen, in anbetracht, dass sie eine Seltenheit sei. In anbetracht der Länge der Zeit würde sie mir nicht gefallen. Denn entweder bliebe sie beständig treu, und alsdann würde ich ja ein Opfer meiner experimentierenden Idee, sofern ich mit ihr aushalten müßte; oder es käme ein Zeitpunkt, wo sie aufhörte, es zu sein. Nun, dann hätte ich ja die alte Geschichte.

Horch, zwei wohlbekannte Violinstriche! Diese zwei Violinstriche, hier in diesem Augenblick, mitten auf der Straße! Habe ich den Verstand verloren? ist es mein eignes Ohr, welches aus Liebe zu Mozarts Musik schon aufgehört hat, zuzuhören? Ist es ein Geschenk der Götter an mich Unglücklichen, der wie ein Bettler an des Tempels Tür sitzt? ein Ohr, das selber vorträgt, was es selbst vernimmt? Nur diese zwei Violinstriche: denn jetzt höre ich nichts weiter. Sowie sie in jener unsterblichen Ouvertüre aus tiefen Choralklängen hervorbrechen, so arbeiten sie sich hier aus dem Gelärme der Straße hervor, mit der vollen überraschenden Kraft einer Offenbarung. - Es muß doch hier in der Nähe sein: denn jetzt höre ich deutlich die leichte Tanzmelodie. - Also, ihr seid's, das unglückliche Künstlerpaar, dem ich diese Freude verdanke. - Der eine von ihnen, etwa siebzehn Jahre alt, trug einen grünen Kalmucksrock, mit großen Hornknöpfen. Der Frack war für ihn viel zu groß. Er hielt die Violine dicht unter dem Kinn; die Mütze war tief in die Augen gedrückt; seine Hand war unter einem fingerlosen Handschuh versteckt, die Finger von der Kälte rot und blau. Der andre war älter; er hatte einen Kutschermantel an. Sie waren beide blind. Ein kleines Mädchen, vermutlich ihre Führerin, stand vor ihnen, steckte ihre Hände unter ihr Halstuch. Allmählich sammelten wir wenigen Bewunderer dieser Töne uns umher: ein Postbote mit seinen Briefpaketen, ein kleiner Junge, ein Dienstmädchen, ein paar Lastträger. Die herrschaftlichen Karossen rollten lärmend vorüber; die Lastwagen übertönten diese Musik, welche in einzelnen Tönen auftauchte. - Unglückliches Künstlerpaar, wisset, dass diese Töne alle Herrlichkeit der Welt in sich schließen. - War dies nicht wie eine Ratsversammlung?

Mittwoch, 26. Mai 2021

Wie leer und bedeutungslos ist das Leben! - Man begräbt einen Menschen, begleitet ihn zu Grabe, wirft drei Spaten voll Erde auf seinen Sarg. Dabei fährt man in der Kutsche hinaus, fährt in der Kutsche nach Haus, und tröstet sich damit, dass noch ein langes Leben vor einem liege. Wie lang ist es denn, wenn's auf 7×10 Jahre hinauskommt? Warum macht man's nicht lieber auf einmal ab? warum bleibt man nicht draußen und steigt mit hinab ins Grab, und wirft das Los darüber, wem das Unglück widerfahren soll, der Letztlebende zu sein, welcher die letzten drei Spatenwürfe besorge für den letzten Toten?

Sonntag, 23. Mai 2021

Ich war nie ein Mensch, das war von Geburt an mein Unglück; und dieses Unglück wurde durch meine Erziehung erst recht mein Unglück. Wenn man aber Kind ist – und die anderen Kinder spielen, scherzen, oder was sonst sie tun: da Geist zu sein, obgleich man Kind und Jüngling ist – fürchterliche Qual! … Ich habe keine Unmittelbarkeit gehabt und habe darum, einfach menschlich verstanden, nicht gelebt; mit Reflexion habe ich begonnen und nicht erst später ein wenig Reflexion gesammelt; ich bin eigentlich Reflexion von Anfang bis zuletzt. In den beiden Perioden der Unmittelbarkeit, als Kind und Jüngling, habe ich, um einen Ausweg nicht verlegen, wie das die Reflexion nie ist, mich mit einer nachgeahmten Jugendlichkeit beholfen und, über die mir vergönnte Gabe noch nicht klar, den Schmerz durchlitten, nicht wie die anderen zu sein.

Was mir eigentlich fehlt, ist ein Leib und leibliche Vorbedingungen. … Ich war nie wie die andern.

Dienstag, 4. Mai 2021

Der beste Beweis, den man für die Jämmerlichkeit des Daseins führt, ist derjenige, der von der Betrachtung seiner Herrlichkeit entnommen wird.

Meine Seele ist so schwer, dass kein Gedanke sie mehr tragen und aufrecht halten kann, dass kein Flügelschlag sie zum Äther emporhebt. Setzt sie sich in Bewegung, dann streicht sie nur am Boden hin, wie die Vögel in ihrem niedern Fluge, sobald es in den Lüften braust und ein Unwetter droht. Auf meinem Innern lastet eine Beklemmung, eine Angst, wie die Ahnung eines Erdbebens.

Freitag, 23. April 2021

Je n'ay point cette erreur commune de juger d'un autre selon que je suis. J'en croy aysément des choses diverses à moy. Pour me sentir engagé à une forme, je n'y oblige pas le monde, comme chascun fait; et croy, et conçois mille contraires façons de vie; et, au rebours du commun, reçoy plus facilement la difference que la ressemblance en nous. Je descharge tant qu'on veut un autre estre de mes conditions et principes, et le considere simplement en luy-mesme, sans relation, l'estoffant sur son propre modelle. Pour n'estre continent, je ne laisse d'advouer sincerement la continence des Feuillans et des Capuchins, et de bien trouver l'air de leur train: je m'insinue, par imagination, fort bien en leur place. Et si les ayme et les honore d'autant plus qu'ils sont autres que moy. Je desire singulierement qu'on nous juge chascun à part soy, et qu'on ne me tire en consequence des communs exemples. 
Ich habe nicht diesen gewöhnlichen Fehler, über andere nach mir selbst zu urteilen. Ich halte ihnen gerne Dinge zugute, die mir selbst fremd sind. Wenn ich mich selbst zu einem Verhalten verpflichtet fühle, so nötige ich es deshalb nicht der Welt auf, wie es jedermann tut; und anerkenne und begreife tausend sich widersprechende Lebensweisen; und im Gegensatz zum allgemeinen Brauch lasse ich leichter die Verschiedenheit als die Ähnlichkeit unter uns gelten. Ich erlasse, so viel man verlangt, einem anderen Wesen meine eigenen Lebensregeln und Grundsätze und betrachte es nur in sich selbst, ohne Beziehung auf anderes, und statte es nach seinem eigenen Bilde aus. Dass ich nicht enthaltsam bin, hindert mich nicht, die Enthaltsamkeit der Barfüsser und Kapuziner aufrichtig anzuerkennen und die art ihres Wandelns hoch zu schätzen: ich versetze mich in der Vorstellung sehr leicht an ihre Stelle. Und doch liebe und ehre ich sie um so mehr, als sie anders sind als ich. Ich wünsche inständig, dass man jeden von uns gesondert richte und mich nicht über den gemeinen Leisten schlage.  

Samstag, 10. April 2021

Die Unerschütterlichkeit des Weisen ist nichts anderes als die Kunst, Stürme in ihrem Herzen zu verschliessen.

La constance des sages n'est que l'art de renfermer leur agitation dans le coeur.

The constancy of sages is only the art of confining their agitation in their hearts.

Im menschlichen Herzen liegt eine unzerstörbare Brut von Leidenschaften, und das Ende der einen ist fast immer der Anfang einer anderen.  

Il y a dans le coeur humain une génération perpétuelle de passions, en sorte que la ruine de l'une est presque toujours l'établissement d'une autre.

There is a perpetual generation of passions in the human heart, in such a way that the ruin of one is nearly always the establishment of another.

Sonntag, 4. April 2021

Ma foiblesse n'altere aucunement les opinions que je dois avoir de la force et vigueur de ceux qui le meritent. Sunt qui nihil laudent, nisi quod se imitari posse confidunt. Rampant au limon de la terre, je ne laisse pas de remerquer, jusques dans les nues, la hauteur inimitable d'aucunes ames heroïques. C'est beaucoup pour moy d'avoir le jugement reglé, si les effects ne le peuvent estre, et maintenir au moins cette maistresse partie exempte de corruption. C'est quelque chose d'avoir la volonté bonne, quand les jambes me faillent.

Meine Schwäche entstellt keineswegs die Meinung, die ich von der Stärke und Kraft derer hegen muss, die es verdienen. Sunt qui nihil laudent, nisi quod se imitari posse confidunt. Manche loben immer nur das, was sie sich zutrauen, selbst nachahmen zu können. Der ich im Kot der Erde krieche, nehme ich doch nicht minder bis in die Wolken die unnachahmliche Hoheit einiger heldenhaften Seelen wahr. Mir ist es schon viel, in meinen Urteilen beherrscht zu sein, wenn ich es in meinen Handlungen nicht sein kann, und wenigstens diese vornehmste Gabe frei von Verderbnis zu bewahren. Es ist etwas, den Willen aufrecht zu erhalten, wenn mir die Beine versagen.

Ce siècle auquel nous vivons, au moins pour nostre climat, est si plombé que, je ne dis pas l'execution, mais l'imagination mesme de la vertu en est à dire; et semble que ce ne soit autre chose qu'un jargon de colliege: virtutem verba putant, ut Lucum ligna. Quam vereri deberent, etiamsi percipere non possent.
C'est un affiquet à pendre en un cabinet, ou au bout de la langue, comme au bout de l'oreille, pour parement.

Das Jahrhundert, in dem wir leben, zumindest in unseren Breiten, ist so heruntergekommen, dass es, ich sage nicht: an der Übung, sondern sogar an der Vorstellung der Tugend gebricht; und es scheint, als sei sie nichts weiter als ein Schulgeschwätz:

                virtutem verba putant, ut
           Lucum ligna;
quam vereri deberent, etiam si percipere non possent.

Die Tugend ist ihnen ein Wort und der heilige Hain ein Gehölz.
  -  die sie ehren sollten, auch wenn sie sie nicht zu fassen vermögen. 

Es ist eine Zierat, die man in ein Stübchen hängt oder an die Zungenspitze, wie ein Anhängsel an das Ohrläppchen.

Dienstag, 30. März 2021

Vor der Schönheit, der Jugend, dem Stolz und der Verachtung dieser Frau zweifelt niemand, dass es nur ein Held sein kann, der sie eines Tages bezaubern wird. Ihre Wahl ist getroffen; sie fiel auf eine kleine Missgeburt, der jeder Geist fehlt.     

A juger de cette femme par sa beauté, sa jeunesse, sa fierté et ses dédains, il n'y a personne qui doute que ce ne soit un héros qui doive un jour la charmer. Son choix est fait: c'est un petit monstre qui manque d'esprit. 

To judge by this womans beauty, youth, pride and disdain, no one would doubt that only a hero could win her. Her choice is made: it is a little monster who lacks a spirit.  

Sonntag, 21. März 2021

Une femme infidèle, si elle est connue pour telle de la personne intéressé, n'est qu'infidèle: s'il la croit fidèle, elle est perfide.


Dienstag, 16. März 2021

Une femme inconstante est celle qui n'aime plus; une légère, celle qui déjà en aime un autre; une volage, celle qui ne sait si elle aime et ce qu'elle aime; une indifférente, celle qui n'aime rien.

An inconstant woman is one who no longer loves; a fickle woman is one who already loves someone else; a flighty woman is one who doesn't know if she loves and whom she loves; an indifferent woman is one who loves no one.

Eine unbeständige Frau ist diejenige, die nicht mehr liebt; eine leichtherzige, die schon einen anderen liebt; eine flatterhafte, die nicht weiss, ob sie liebt und was sie liebt; eine gleichgültige, die gar nichts liebt.


Freitag, 12. März 2021

A gallant woman wants one to love her; it is enough for a coquette to be found lovely and to pass for beautiful. This one looks to bind someone; that one contents herself with pleasing. The first passes successively from one tie to another; the second has many men to amuse her at once. Passion and pleasure are dominant in the one; vanity and fickleness in the other. Gallantry is a weakness of the heart, or perhaps a vice of someone's complexion; coquetry comes from an ungoverned spirit. A gallant woman makes herself feared and a coquette makes herself hated. One can imagine someone who would have both of these characters, and who would be worse than either alone.

Une femme galante veut qu'on l'aime; il suffit à une coquette d'être trouvée aimable et de passer pour belle. Celle-là cherche à engager; celle-ci se contente de plaire. La première passe successivement d'un engagement à un autre; la seconde a plusieurs amusements tout à la fois. Ce qui domine dans l'une, c'est la passion et le plaisir; et dans l'autre, c'est la vanité et la légèreté. La galanterie est un faible du coeur, ou peut-être un vice de la complexion; la coquetterie est un dérèglement de l'esprit. La femme galante se fait craindre et la coquette se fait haïr. L'on peut tirer de ces deux caractères de quoi en faire un troisième, le pire de tous.

Eine galante Frau will geliebt werden, einer koketten genügt es, für verliebenswert und als schön zu gelten. Jene sucht zu fesseln; diese gibt sich zufrieden, wenn sie gefällt. Die erste geht der Reihe nach von einer Beziehung zur anderen über, die zweite unterhält verschiedene Lieben zur gleichen Zeit. Was in der einen herrscht, ist die Leidenschaft und die Lust, in der anderen die Eitelkeit und die Oberflächlichkeit. Das galante Leben ist eine Schwäche des Herzens oder vielleicht ein Laster des Naturells; die Koketterie ist eine Ausschweifung des Geistes. Die galante Frau erweckt Furcht, die kokette Hass. Man kann aus diesen beiden Charakteren den Stoff zu einem dritten ziehen, und dieser ist der schlimmste von allen. 

Freitag, 26. Februar 2021

Zuvörderst sei hier erwähnt, daß die Griechen, so weit sie auch von der Christlichen und Hochasiatischen Weltansicht entfernt waren und entschieden auf dem Standpunkt der Bejahung des Willens standen, dennoch von dem Elend des Daseyns tief ergriffen waren. Dies bezeugt schon die Erfindung des Trauerspiels, welche ihnen angehört. Einen andern Beleg dazu giebt uns die, nachmals oft erwähnte, zuerst von Herodot (V, 4) erzählte Sitte der Thrakier, den Neugeborenen mit Wehklagen zu bewillkommnen, und alle Übel, denen er jetzt entgegengehe, herzuzählen; dagegen den Todten mit Freude und Scherz zu bestatten, weil er so vielen und großen Leiden nunmehr entgangen sei; welches in einem schönen, von Plutarch (De audiend. poët. in fine) uns aufbehaltenen Verse, so lautet:

 

Ton phynta thrênein, eis hos' erchetai kaka;

Ton d' au thanonta kai ponôn pepaumenon

Chairontas euphêmountas ekpempein domôn.

 

Lugere genitum, tanta qui intrarit mala:

At morte si quis finiisset miserias,

Hunc laude amicos atque laetitia exsequi.

Donnerstag, 25. Februar 2021

Nicht historischer Verwandtschaft, sondern moralischer Identität der Sache ist es beizumessen, daß die Mexikaner das Neugeborene mit den Worten bewillkommneten: »Mein Kind, du bist zum Dulden geboren: also dulde, leide und schweig«. Und dem selben Gefühle folgend hat Swift (wie Walter Scott in dessen Leben berichtet) schon früh die Gewohnheit angenommen, seinen Geburtstag nicht als einen Zeitpunkt der Freude, sondern der Betrübniß zu begehn, und an demselben die Bibelstelle zu lesen, in welcher Hiob den Tag bejammert und verflucht, an welchem es in seines Vaters Hause hieß: es sei ein Sohn geboren.

Bekannt und zum Abschreiben zu lang ist die Stelle in der Apologie des Sokrates, wo Plato diesen weisesten der Sterblichen sagen läßt, daß der Tod, selbst wenn er uns auf immer das Bewußtsein raubte, ein wundervoller Gewinn seyn würde, da ein tiefer, traumloser Schlaf jedem Tage, auch des beglücktesten Lebens, vorzuziehn sei.

Dienstag, 23. Februar 2021

Berühmt ist der schöne Vers des Theognis:

Archên men mê phynai epichthonioisin ariston,
Mêd' eisidein augas oxeos êeliou;
Phynta d' hopôs ôkista pylas Aidao perêsai,
Kai keisthai pollên gên epamêsamenon.

 

Optima sors homini natum non esse, nec unquam

Adspexisse diem, flammiferumque jubar.

Altera jam genitum demitti protinus Orco,

Et pressum multa mergere corpus humo.

Sophokles, im Oedipus zu Kolona (1225), hat folgende Abkürzung desselben:

Mê phynai ton hapanta ni-

ka logon; to d' epei phanê,

bênai keithen, hothen per hêkei,

poly deuteron, hôs tachista.

 

Natum non esse sortes vincit alias omnes: proxima autem est, ubi quis in lucem editus fuerit, eodem redire, unde venit, quam ocissime.

Dienstag, 16. Februar 2021

Euripides sagt:

Pas d' odynêros bios anthrôpôn,

K' ouk esti ponôn anapausis.

 

Omnis hominum vita est plena dolore,

Nec datur laborum remissio.

Mittwoch, 10. Februar 2021

Und hat es doch schon Homer gesagt:

 Ou men gar ti pou estin oizyrôteron andros

Pantôn, hossa de gaian epi pneei te kai herpei.

 

Non enim quidquam alicubi est calamitosius homine

Omnium, quotquot super terram spirantque et moventur.

 

Denn kein anderes Wesen ist jammervoller auf Erden,

Als der Mensch, von allem, was Leben haucht und sich reget.

(Il. XVII, 446.)

Selbst Plinius sagt: Quapropter hoc primum quisque in remediis animi sui habeat, ex omnibus bonis, quae homini natura tribuit, nullum melius esse tempestiva morte. (Hist. nat. 28, 2.)

 

Shakespeare legt dem alten König Heinrich IV. die Worte in den Mund:

O heaven! that one might read the book of fate,
And see the revolution of the times,
– – – – – how chances mock,
And changes fill the cup of alteration
With divers liquors! O, if this were seen,
The happiest youth, – viewing his progress through,
What perils past, what crosses to ensue, –
Would shut the book, and sit him down and die.

 

O, könnte man im Schicksalsbuche lesen,

Der Zeiten Umwälzung, des Zufalls Hohn

Darin ersehn, und wie Veränderung

Bald diesen Trank, bald jenen uns kredenzet, –

O, wer es säh! und wär's der frohste Jüngling,

Der, seines Lebens Lauf durchmusternd,

Das Ueberstandene, das Drohende erblickte, –

Er schlüg' es zu, und setzt' sich hin, und stürbe.


Freitag, 5. Februar 2021

Endlich Byron:

 

Count o'er the joys thine hours have seen,
Count o'er thy days from anguish free,
And know, whatever thou hast been,
'Tis something better not to be.

 

Überzähle die Freuden, welche deine Stunden gesehn haben; überzähle die Tage, die von Angst frei gewesen; und wisse, daß, was immer du gewesen seyn magst, es etwas Besseres ist, nicht zu seyn.


Auch Balthasar Gracian bringt den Jammer unsers Daseyns uns mit den schwärzesten Farben vor die Augen im Criticon, Parte I, Crisi 5, gleich im Anfang, und Crisi 7, am Schluß, wo er das Leben als eine tragische Farce ausführlich darstellt.

Keiner jedoch hat diesen Gegenstand so gründlich und erschöpfend behandelt, wie, in unsern Tagen, Leopardi. Er ist von demselben ganz erfüllt und durchdrungen: überall ist der Spott und Jammer dieser Existenz sein Thema, auf jeder Seite seiner Werke stellt er ihn dar, jedoch in einer solchen Mannigfaltigkeit von Formen und Wendungen, mit solchem Reichthum an Bildern, daß er nie Ueberdruß erweckt, vielmehr durchweg unterhaltend und erregend wirkt.

Freitag, 29. Januar 2021

Keine Frau, die einen ihrer Freunde bei einer anderen Frau sieht, glaubt, diese wäre ihm gegenüber spröde. Man sieht daraus, wie sie übereinander denken, und möge seine Schlüsse ziehen.       

Donnerstag, 28. Januar 2021

Avez-vous jamais connu une femme qui, voyant un de ses amis assidu auprès d'une autre femme, ait supposé que cette femme lui fût cruelle? On voit par là l'opinion qu'elles ont les unes des autres. Tirez vos conclusions.

Have you never seen a woman who, seeing one of her long-time friends near another woman, supposed that she was being cruel to him? A person sees by that the opinion that they have of each other. Draw your conclusions.  

Mittwoch, 13. Januar 2021

Einer der besten Gründe, sich niemals zu verheiraten: man ist nicht ganz der Narr der Frau, solange sie nicht die unsere ist.      

 

Un des meilleures raisons qu'on puisse avoir de ne se marier jamais, c'est qu'on n'est pas tout à fait la dupe d'une femme, tant qu'elle n'est point la vôtre.

One of the best reasons for never marrying is that a person is not being completely duped by a woman when she isn't his.  

Montag, 4. Januar 2021

Die Liebe ist ein stürmischer Handel, der immer mit einem Bankrott endet, und wo der die Ehre verliert, der betrogen wird.   

L'amour est un commerce orageux qui finit toujours par une banqueroute; et c'est la personne à qui on fait banqueroute qui est déshonorée.   

Love is a tempestuous commerce that always ends in bankruptcy; and it is the person who was made bankrupt who is dishonored.