Wir
sind nicht stark genug, unserer ganzen Einsicht zu folgen.
Freitag, 31. Dezember 2021
Dienstag, 28. Dezember 2021
There is a certain ardent energy, the mother or necessary companion of a
particular species of talent, which usually condemns those who possess it to
the misfortune, not of being without morals, not of being without very
beautiful feelings, but of frequently indulging in flights that presuppose an
absence of all morality. It's a devouring harshness which they are not the
masters of, and which makes them very hateful. It's afflicting to think that
Pope and Swift in England, Voltaire and Rousseau in France, were judged not out
of hatred, not out of jealousy, but out of equity and good-will, based on facts
that were witnessed or admitted by their friends and admirers, to be stricken
with and convicted of very blameworthy actions, and sometimes of very perverse
feelings. O Altitudo!
Mittwoch, 8. Dezember 2021
Il y a une certaine énergie ardente, mère ou compagne nécessaire de
telle espèce de talents, laquelle pour l'ordinaire condamne ceux qui les
possèdent au malheur, non pas d'être sans morale, de n'avoir pas de très beaux
mouvements, mais de se livrer fréquemment à des écarts qui supposeraient
l'absence de toute morale. C'est une âpreté dévorante dont ls ne sont pas
maîtres et qui les rend très odieux. On s'afflige, en songeant que Pope et
Swift en Angleterre, Voltaire et Rousseau en France, jugés non par la haine,
non par la jalousie, mais par l'équité, par la bienveillance, sur la foi des
faits attestés ou avoués par leurs amis et par leurs admirateurs, seraient
atteints et convaincus d'actions très condamnables, de sentiments quelquefois
très pervers. O Altitudo!
Dienstag, 23. November 2021
Montag, 22. November 2021
Sonntag, 21. November 2021
Der eigentliche Genuß liegt nicht in dem, was man
genießt, sondern in der Vorstellung. Gesetzt, ich hätte zu meinen Diensten
einen untertänigen Geist, welcher, wenn ich ein Glas Wasser verlangte, mir von
aller Welt Enden her die köstlichsten Weine, lieblich gemischt in einem Pokale,
darbrächte: so würde ich ihn verabschieden, bis er lernte, dass der Genuß nicht
in dem, was ich genieße, liegt, sondern darin, dass ich meinen Willen bekomme.
Samstag, 6. November 2021
Worin besteht
überhaupt die Bedeutung dieses Lebens? Teilt man
die Menschen in zwei große Klassen, so kann man sagen: die eine arbeitet, um zu
leben; die andre hat dies nicht nötig. Aber zu arbeiten, um leben zu können,
das kann ja nicht die Bedeutung des Lebens sein: denn es liegt doch ein
Widerspruch darin, dass die unablässige Herbeischaffung der Bedingungen die
Antwort auf die Frage sein soll nach der Bedeutung dessen, was dadurch bedingt
wird. Das Leben der übrigen hat im allgemeinen auch keine Bedeutung, außer der
einen, die Bedingungen desselben zu verzehren. Will man sagen, dass die
Bedeutung des Lebens diese ist: einmal zu sterben, so scheint das gleichfalls
ein Widerspruch.
Freitag, 29. Oktober 2021
Dienstag, 12. Oktober 2021
Sonntag, 26. September 2021
Torquato Tasso sagt in seiner Vergleichung, die er zwischen Italien und
Frankreich anstellt, er habe bemerkt, daß wir dünnere Waden haben als die
Welschen von Adel, und gibt als Ursache davon an, daß wir unaufhörlich zu
Pferde sitzen. Aus ebendieser Ursache zieht aber Suetonius eine ganz
entgegengesetzte Folgerung. Denn er sagt dawider: Germanicus habe seine Waden
dadurch völlig gemacht, daß er anhaltend geritten sei. Nichts schmiegt sich so
leicht an alle Irrtümer als unser Verstand. Er ist wie der Schuh des
Theramenes, der jedem Fuße paßt. Und er ist doppelt und vielfach, wie die
Materie doppelt und vielfach ist. »Gib mir eine Drachme Silbers«, sagt ein
kynischer Philosoph zum Antigonus. »Das ist kein Geschenk, das ein König gibt«,
antwortete dieser. »Nun, so gib mir ein Talent.« »Das ist kein Geschenk für
einen Kyniker.«
Torquato Tasso, en la comparaison qu'il faict de la France à l'Italie, dict avoir remarqué cela, que nous avons les jambes plus greles que les gentils-hommes Italiens, et en attribue la cause à ce que nous sommes continuellement à cheval; qui est celle-mesmes de laquelle Suetone tire une toute contraire conclusion; car il dict au rebours que Germanicus avoit grossi les siennes par continuation de ce mesme exercice. Il n'est rien si soupple et erratique que nostre entendement: c'est le soulier de Theramenez, bon à tous pieds. Et il est double et divers, et les matieres doubles et diverses. Donne moy une dragme d'argent, disoit un philosophe Cynique à Antigonus.--Ce n'est pas present de Roy, respondit-il.--Donne moy donc un talent.--Ce n'est pas present pour Cynique.
Samstag, 18. September 2021
Ogni medaglia ha
il suo riverso. Voilà
pourquoy Clitomachus disoit anciennement que Carneades avoit surmonté les
labeurs de Hercules, pour avoir arraché des hommes le consentement, c'est à
dire l'opinion et la temerité de juger. Cette fantasie de Carneades, si
vigoureuse, nasquit à mon advis anciennement de l'impudence de ceux qui font
profession de sçavoir, et de leur outre-cuidance desmesurée. On mit Aesope en
vente avec deux autres esclaves. L'acheteur s'enquit du premier ce qu'il
sçavoit faire; celuy là, pour se faire valoir, respondit monts et merveilles,
qu'il sçavoit et cecy et cela; le deuxiesme en respondit de soy autant ou plus;
quand ce fut à Aesope, et qu'on luy eust aussi demandé ce qu'il sçavoit faire:
Rien, dict-il, car ceux cy ont tout preoccupé: ils sçavent tout.
Ogni medaglia ha
il suo riverso.14 Darum sagte Clitomachus vor
alters, Carneades habe die Arbeiten des Herkules übertroffen, indem er den
Menschen ihren Beifall entrissen habe, das heißt die Einbildung und die
Verwegenheit ihrer Urteile. Diese herzhafte Unternehmung ging Carneades, meiner
Meinung nach, damals deswegen ein, weil die Leute, welche ein Gewerbe daraus
machten, alles zu wissen, gar zu unverschämt waren und sich übermäßig viel
herausnahmen. Man bot den Aesop neben zwei andern Sklaven aus. Der Käufer erkundigte
sich bei dem ersten, was er verstände. Dieser, um sich einen Wert zu geben,
versprach goldne Berge und wußte das und wußte jenes. Der zweite versprach
ebensoviel und noch mehr von sich. Als die Reihe an den Aesop kam und man ihn
auch fragte, was er denn könne, antwortete er: »Nichts; denn die da haben mir
ja alles weggenommen, sie wissen alles.«
Ainsin est-il
advenu en l'escole de la philosophie: la fierté de ceux qui attribuoyent à
l'esprit humain la capacité de toutes choses causa en d'autres, par despit et
par emulation, cette opinion qu'il n'est capable d'aucune chose. Les uns
tiennent en l'ignorance cette mesme extremité que les autres tiennent en la
science. Afin qu'on ne puisse nier que l'homme ne soit immoderé par tout, et
qu'il n'a point d'arrest que celuy de la necessité, et impuissance d'aller
outre.
So ging es in den Schulen der Philosophie. Der Stolz derjenigen, welche
dem menschlichen Geist die Fähigkeit alles zu umfassen zuschreiben, veranlaßte
bei andern aus Ärger und Eifer die Meinung, daß sie gar nicht fähig wären,
etwas zu fassen. Dergestalt übertrieben sie ihre Unwissenheit ebensosehr als
andere ihr Vielwissen, damit man nicht leugnen könne, der Mensch halte in
keinem Dinge weder Ziel noch Maß und habe keine Ruhe, bis Not und Unvermögen
ihn stille stehen heißen.
Freitag, 17. September 2021
Das Liebesfeuer ist, wie ich zugeben muss, eingreifender, brennender und peinigender, aber zugleich ist es mutwillig, unbeständig, flatternd und sich wandelnd, eine Art Fieberglut, die auf und abschwillt, ein Feuer, das nur Teile von uns versengt. Außerdem ist das Wesentliche bei der Liebe ein unstillbares Sehnen nach einem Ziel, das immer entweicht, sobald die Liebe in das Gebiet der Freundschaft übertritt, das heißt wenn die Herzen sich finden, verlieren sie an Feuer und Kraft. Ihre Erfüllung ist ihr Ende. Denn das Ziel, das nun erreicht ist, ist ein körperliches, und damit zieht die Gefahr der Übersättigung herauf.
Montag, 30. August 2021
Il
y a des femmes déjà flétries, qui par leur complexion ou par leur mauvais
caractère sont naturellement la ressource des jeunes gens qui n'ont pas assez
de bien. Je ne sais qui est plus à plaindre, ou d'une femme avancée en âge qui
a besoin d'un cavalier, ou d'un cavalier qui a besoin d'une vieille.
Naturell oder
schlechter Charakter machen gewisse Frauen, die bereits verwelkt sind, zu einer
Hilfsquelle für junge Leute, die nicht genug Geld besitzen. Ich weiss nicht,
wer mehr zu beklagen ist, eine Frau vorgerückten Alters, die einen Kavalier
nötig hat, oder ein Kavalier, der eine Alte nötig hat.
Donnerstag, 19. August 2021
The
refuse of the court is received in a fashionable assembly, where he defeats the
magistrate, even when the latter is wearing his cravate and his grey suit, as
well as the bourgeois wearing a sword, he sweeps them away and becomes master
of the place: he is listened to and loved; one can hardly resist for a moment a
gold-embroidered scarf or a white feather, a man who speaks to the King and
sees the ministers. He makes men and women jealous: one admires him, he
inspires envy: four miles away from the city, at Versailles, he inspires
pity.
Le
rebut de la cour est reçu à la ville dans une ruelle, où il défait le
magistrat, même en cravate et en habit gris, ainsi que le bourgeois en
baudrier, les écarte et devient maître de la place: il est écouté, il est aimé;
on ne tient guère plus d'un moment contre une écharpe d'or et une plume
blanche, contre un homme qui parle au Roi et voit les ministres. Il fait des
jaloux et des jalouses: on l'admire, il fait envie: à quatre lieues de là, il
fait pitié.
Mittwoch, 28. Juli 2021
Donnerstag, 22. Juli 2021
Und dieser Welt, diesem
Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehn, daß
eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Thier das lebendige Grab
tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, wo
sodann mit der Erkenntniß die Fähigkeit Schmerz zu empfinden wächst, welche
daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht und einen um so höheren, je
intelligenter er ist, – dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen
und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstriren wollen. Die
Absurdität ist schreiend. – Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen
und hineinsehn in die Welt, wie sie so schön sei, im Sonnenschein, mit ihren
Bergen, Thälern, Ströhmen, Pflanzen, Thieren u.s.f. – Aber ist denn die Welt
ein Guckkasten? Zu sehn sind diese Dinge freilich schön; aber
sie zu seyn ist ganz etwas Anderes. – Dann kommt ein Teleolog
und preist mir die weise Einrichtung an, vermöge welcher dafür gesorgt sei, daß
die Planeten nicht mit den Köpfen gegen einander rennen, Land und Meer nicht
zum Brei gemischt, sondern hübsch auseinandergehalten seien, auch nicht Alles
in beständigem Froste starre, noch von Hitze geröstet werde, imgleichen, in
Folge der Schiefe der Ekliptik kein ewiger Frühling sei, als in welchem nichts
zur Reife gelangen könnte, u. dgl. m. –
Aber Dieses und alles Aehnliche sind ja bloße conditiones sine quibus non. Wenn es nämlich überhaupt eine Welt geben soll, wenn ihre Planeten wenigstens so lange, wie der Lichtstrahl eines entlegenen Fixsterns braucht, um zu ihnen zu gelangen, bestehn und nicht, wie Lessings Sohn, gleich nach der Geburt wieder abfahren sollen; – da durfte sie freilich nicht so ungeschickt gezimmert seyn, daß schon ihr Grundgerüst den Einsturz drohte. Aber wenn man zu den Resultaten des gepriesenen Werkes fortschreitet, die Spieler betrachtet, die auf der so dauerhaft gezimmerten Bühne agiren, und nun sieht, wie mit der Sensibilität der Schmerz sich einfindet und in dem Maaße, wie jene sich zur Intelligenz entwickelt, steigt, wie sodann, mit dieser gleichen Schritt haltend, Gier und Leiden immer stärker hervortreten und sich steigern, bis zuletzt das Menschenleben keinen andern Stoff darbietet, als den zu Tragödien und Komödien, – da wird, wer nicht heuchelt, schwerlich disponirt seyn, Hallelujahs anzustimmen. Den eigentlichen, aber verheimlichten Ursprung dieser letzteren hat übrigens, schonungslos, aber mit siegender Wahrheit, David Hume aufgedeckt, in seiner Natural history of religion, Sect. 6, 7, 8 and 13.
Montag, 19. Juli 2021
Derselbe legt auch im
zehnten und elften Buch seiner Dialogues on natural religion,
unverhohlen, mit sehr triftigen und dennoch ganz anderartigen Argumenten als
die meinigen, die trübsälige Beschaffenheit dieser Welt und die Unhaltbarkeit
alles Optimismus dar; wobei er diesen zugleich in seinem Ursprung angreift.
Beide Werke Hume's sind so lesenswerth, wie sie in Deutschland heut zu Tage
unbekannt sind, wo man dagegen, patriotisch, am ekelhaften Gefasel
einheimischer, sich spreizender Alltagsköpfe unglaubliches Genügen findet und
sie als große Männer ausschreit. Jene Dialogues aber hat Hamann übersetzt, Kant hat
die Uebersetzung durchgesehn und noch im späten Alter Hamanns Sohn zur
Herausgabe derselben bewegen wollen, weil die von Platner ihm nicht genügte
(siehe Kants Biographie von F. W. Schubert, S. 81 und 165). – Aus jeder Seite
von David Hume ist mehr zu lernen, als aus Hegels, Herbarts
und Schleiermachers sämmtlichen philosophischen Werken zusammengenommen.
Donnerstag, 8. Juli 2021
Wie gegen den
Optimismus Voltaire, im Candide, den Krieg in seiner
scherzhaften Manier führt, so hat es in seiner ernsten und tragischen Byron gethan,
in seinem unsterblichen Meisterwerke Kain, weshalb er auch durch
die Invektiven des Obskuranten Friedrich Schlegel verherrlicht worden ist. –
Wollte ich nun schließlich, zur Bekräftigung meiner Ansicht, die Aussprüche
großer Geister aller Zeiten in diesem, dem Optimismus entgegengesetzten Sinne,
hersetzen; so würde der Anführungen kein Ende seyn; da fast jeder derselben
seine Erkenntniß des Jammers dieser Welt in starken Worten ausgesprochen hat.
Also nicht zur Bestätigung, sondern bloß zur Verzierung dieses Kapitels mögen
am Schlusse desselben einige Aussprüche dieser Art Platz finden.
Dienstag, 29. Juni 2021
Mittwoch, 23. Juni 2021
Quelques hommes avaient ce qu'il faut pour s'élever au-dessus des
misérables considérations qui rabaissent les hommes au-dessiys de leur mérite;
mais le mariage, les liaisons des femmes, les ont mis au niveau de ceux qui
n'approchaient pas d'eux. Le mariage, la galanterie sont une sorte de
conducteur qui fait arriver ces petites passions jusqu'à eux.
Some men have what is necessary to lift themselves above the miserable considerations that belittle them below their merit; but marriage or liaisons with women put them on a level with people they do not belong with. Marriage and gallantry are a sort of carriage driver who conducts petty passions to them.
Samstag, 19. Juni 2021
Freitag, 28. Mai 2021
Die Mädchen gefallen mir nicht. Ihre Schönheit
vergeht wie ein Traum und wie das Gestern, wenn es gewesen ist. Ihre Treue -
ja, ihre Treue! Entweder sind sie treulos - nun, dem denke ich nicht weiter
nach - oder sie sind treu. Gesetzt, ich träfe eine solche, dann würde sie mir
gefallen, in anbetracht, dass sie eine Seltenheit sei. In anbetracht der Länge
der Zeit würde sie mir nicht gefallen. Denn entweder bliebe sie beständig treu,
und alsdann würde ich ja ein Opfer meiner experimentierenden Idee, sofern ich
mit ihr aushalten müßte; oder es käme ein Zeitpunkt, wo sie aufhörte, es zu
sein. Nun, dann hätte ich ja die alte Geschichte.
Horch, zwei wohlbekannte Violinstriche! Diese zwei
Violinstriche, hier in diesem Augenblick, mitten auf der Straße! Habe ich den
Verstand verloren? ist es mein eignes Ohr, welches aus Liebe zu Mozarts Musik
schon aufgehört hat, zuzuhören? Ist es ein Geschenk der Götter an mich
Unglücklichen, der wie ein Bettler an des Tempels Tür sitzt? ein Ohr, das
selber vorträgt, was es selbst vernimmt? Nur diese zwei Violinstriche: denn
jetzt höre ich nichts weiter. Sowie sie in jener unsterblichen Ouvertüre aus
tiefen Choralklängen hervorbrechen, so arbeiten sie sich hier aus dem Gelärme
der Straße hervor, mit der vollen überraschenden Kraft einer Offenbarung. - Es
muß doch hier in der Nähe sein: denn jetzt höre ich deutlich die leichte
Tanzmelodie. - Also, ihr seid's, das unglückliche Künstlerpaar, dem ich diese
Freude verdanke. - Der eine von ihnen, etwa siebzehn Jahre alt, trug einen
grünen Kalmucksrock, mit großen Hornknöpfen. Der Frack war für ihn viel zu
groß. Er hielt die Violine dicht unter dem Kinn; die Mütze war tief in die
Augen gedrückt; seine Hand war unter einem fingerlosen Handschuh versteckt, die
Finger von der Kälte rot und blau. Der andre war älter; er hatte einen
Kutschermantel an. Sie waren beide blind. Ein kleines Mädchen, vermutlich ihre
Führerin, stand vor ihnen, steckte ihre Hände unter ihr Halstuch. Allmählich sammelten
wir wenigen Bewunderer dieser Töne uns umher: ein Postbote mit seinen
Briefpaketen, ein kleiner Junge, ein Dienstmädchen, ein paar Lastträger. Die
herrschaftlichen Karossen rollten lärmend vorüber; die Lastwagen übertönten
diese Musik, welche in einzelnen Tönen auftauchte. - Unglückliches
Künstlerpaar, wisset, dass diese Töne alle Herrlichkeit der Welt in sich
schließen. - War dies nicht wie eine Ratsversammlung?
Mittwoch, 26. Mai 2021
Wie leer und bedeutungslos ist das Leben! - Man
begräbt einen Menschen, begleitet ihn zu Grabe, wirft drei Spaten voll Erde auf
seinen Sarg. Dabei fährt man in der Kutsche hinaus, fährt in der Kutsche nach
Haus, und tröstet sich damit, dass noch ein langes Leben vor einem liege. Wie
lang ist es denn, wenn's auf 7×10 Jahre hinauskommt? Warum macht man's nicht
lieber auf einmal ab? warum bleibt man nicht draußen und steigt mit hinab ins
Grab, und wirft das Los darüber, wem das Unglück widerfahren soll, der
Letztlebende zu sein, welcher die letzten drei Spatenwürfe besorge für den
letzten Toten?
Sonntag, 23. Mai 2021
Ich war nie ein Mensch, das war von Geburt an mein
Unglück; und dieses Unglück wurde durch meine Erziehung erst recht mein
Unglück. Wenn man aber Kind ist – und die anderen Kinder spielen, scherzen,
oder was sonst sie tun: da Geist zu sein, obgleich man Kind und Jüngling ist –
fürchterliche Qual! … Ich habe keine Unmittelbarkeit gehabt und habe darum,
einfach menschlich verstanden, nicht gelebt; mit Reflexion habe ich begonnen
und nicht erst später ein wenig Reflexion gesammelt; ich bin eigentlich Reflexion
von Anfang bis zuletzt. In den beiden Perioden der Unmittelbarkeit, als Kind
und Jüngling, habe ich, um einen Ausweg nicht verlegen, wie das die Reflexion
nie ist, mich mit einer nachgeahmten Jugendlichkeit beholfen und, über die mir
vergönnte Gabe noch nicht klar, den Schmerz durchlitten, nicht wie die anderen
zu sein.
Dienstag, 4. Mai 2021
Meine Seele ist so schwer, dass kein Gedanke sie
mehr tragen und aufrecht halten kann, dass kein Flügelschlag sie zum Äther
emporhebt. Setzt sie sich in Bewegung, dann streicht sie nur am Boden hin, wie
die Vögel in ihrem niedern Fluge, sobald es in den Lüften braust und ein
Unwetter droht. Auf meinem Innern lastet eine Beklemmung, eine Angst, wie die
Ahnung eines Erdbebens.
Freitag, 23. April 2021
Samstag, 10. April 2021
Sonntag, 4. April 2021
Ma foiblesse n'altere aucunement les opinions
que je dois avoir de la force et vigueur de ceux qui le meritent. Sunt qui
nihil laudent, nisi quod se imitari posse confidunt. Rampant au limon de la
terre, je ne laisse pas de remerquer, jusques dans les nues, la hauteur
inimitable d'aucunes ames heroïques. C'est beaucoup pour moy d'avoir le
jugement reglé, si les effects ne le peuvent estre, et maintenir au moins cette
maistresse partie exempte de corruption. C'est quelque chose d'avoir la volonté
bonne, quand les jambes me faillent.
Meine Schwäche entstellt keineswegs die Meinung, die ich von der Stärke
und Kraft derer hegen muss, die es verdienen. Sunt qui nihil laudent, nisi quod se imitari
posse confidunt. Manche loben immer nur das, was sie
sich zutrauen, selbst nachahmen zu können. Der ich im Kot der Erde krieche, nehme
ich doch nicht minder bis in die Wolken die unnachahmliche Hoheit einiger
heldenhaften Seelen wahr. Mir ist es schon viel, in meinen Urteilen beherrscht zu
sein, wenn ich es in meinen Handlungen nicht sein kann, und wenigstens diese
vornehmste Gabe frei von Verderbnis zu bewahren. Es ist etwas, den Willen
aufrecht zu erhalten, wenn mir die Beine versagen.
Ce siècle auquel nous vivons, au moins pour
nostre climat, est si plombé que, je ne dis pas l'execution, mais l'imagination
mesme de la vertu en est à dire; et semble que ce ne soit autre chose qu'un
jargon de colliege: virtutem verba putant, ut Lucum ligna. Quam vereri deberent, etiamsi percipere non possent.
C'est un
affiquet à pendre en un cabinet, ou au bout de la langue, comme au bout de l'oreille,
pour parement.
Das Jahrhundert, in dem wir leben, zumindest in unseren Breiten, ist so
heruntergekommen, dass es, ich sage nicht: an der Übung, sondern sogar an der
Vorstellung der Tugend gebricht; und es scheint, als sei sie nichts weiter als
ein Schulgeschwätz:
virtutem verba putant, ut
Lucum ligna;
quam vereri deberent, etiam si percipere non possent.
Die Tugend ist ihnen ein Wort und der heilige Hain ein Gehölz.
-
die sie ehren sollten, auch wenn sie sie nicht zu fassen vermögen.
Es ist eine Zierat, die man in ein Stübchen hängt oder an die Zungenspitze,
wie ein Anhängsel an das Ohrläppchen.
Dienstag, 30. März 2021
Sonntag, 21. März 2021
Dienstag, 16. März 2021
Freitag, 12. März 2021
Une
femme galante veut qu'on l'aime; il suffit à une coquette d'être trouvée
aimable et de passer pour belle. Celle-là cherche à engager; celle-ci se
contente de plaire. La première passe successivement d'un engagement à un
autre; la seconde a plusieurs amusements tout à la fois. Ce qui domine dans
l'une, c'est la passion et le plaisir; et dans l'autre, c'est la vanité et la
légèreté. La galanterie est un faible du coeur, ou peut-être un vice de la
complexion; la coquetterie est un dérèglement de l'esprit. La femme galante se
fait craindre et la coquette se fait haïr. L'on peut tirer de ces deux
caractères de quoi en faire un troisième, le pire de tous.
Freitag, 26. Februar 2021
Zuvörderst sei hier erwähnt, daß die Griechen, so weit sie auch von der Christlichen und Hochasiatischen Weltansicht entfernt waren und entschieden auf dem Standpunkt der Bejahung des Willens standen, dennoch von dem Elend des Daseyns tief ergriffen waren. Dies bezeugt schon die Erfindung des Trauerspiels, welche ihnen angehört. Einen andern Beleg dazu giebt uns die, nachmals oft erwähnte, zuerst von Herodot (V, 4) erzählte Sitte der Thrakier, den Neugeborenen mit Wehklagen zu bewillkommnen, und alle Übel, denen er jetzt entgegengehe, herzuzählen; dagegen den Todten mit Freude und Scherz zu bestatten, weil er so vielen und großen Leiden nunmehr entgangen sei; welches in einem schönen, von Plutarch (De audiend. poët. in fine) uns aufbehaltenen Verse, so lautet:
Ton phynta thrênein, eis hos' erchetai
kaka;
Ton d' au
thanonta kai ponôn pepaumenon
Chairontas
euphêmountas ekpempein domôn.
Lugere genitum,
tanta qui intrarit mala:
At morte si
quis finiisset miserias,
Hunc laude
amicos atque laetitia exsequi.
Donnerstag, 25. Februar 2021
Bekannt und zum Abschreiben zu lang ist die Stelle in der Apologie des Sokrates, wo Plato diesen weisesten der Sterblichen sagen läßt, daß der Tod, selbst wenn er uns auf immer das Bewußtsein raubte, ein wundervoller Gewinn seyn würde, da ein tiefer, traumloser Schlaf jedem Tage, auch des beglücktesten Lebens, vorzuziehn sei.
Dienstag, 23. Februar 2021
Berühmt ist der schöne Vers des Theognis:
Archên men mê
phynai epichthonioisin ariston,
Mêd' eisidein
augas oxeos êeliou;
Phynta d' hopôs
ôkista pylas Aidao perêsai,
Kai keisthai
pollên gên epamêsamenon.
Optima sors
homini natum non esse, nec unquam
Adspexisse
diem, flammiferumque jubar.
Altera jam
genitum demitti protinus Orco,
Et pressum
multa mergere corpus humo.
Sophokles, im Oedipus
zu Kolona (1225), hat folgende Abkürzung desselben:
Mê phynai ton hapanta ni-
ka logon; to d'
epei phanê,
bênai keithen,
hothen per hêkei,
poly deuteron,
hôs tachista.
Natum non esse
sortes vincit alias omnes: proxima autem est, ubi quis in lucem editus fuerit,
eodem redire, unde venit, quam ocissime.
Dienstag, 16. Februar 2021
Mittwoch, 10. Februar 2021
Und hat es doch schon
Homer gesagt:
Pantôn, hossa
de gaian epi pneei te kai herpei.
Non enim quidquam alicubi est
calamitosius homine
Omnium, quotquot super terram
spirantque et moventur.
Denn kein anderes Wesen ist
jammervoller auf Erden,
Als der Mensch, von allem, was Leben
haucht und sich reget.
(Il. XVII, 446.)
Shakespeare legt dem alten König
Heinrich IV. die Worte in den Mund:
O heaven! that
one might read the book of fate,
And see the revolution of the times,
– – – – – how chances mock,
And changes fill the cup of alteration
With divers liquors! O, if this were seen,
The happiest youth, – viewing his progress through,
What perils past, what crosses to ensue, –
Would shut the book, and sit him down and die.
O, könnte man im Schicksalsbuche lesen,
Der Zeiten Umwälzung, des Zufalls Hohn
Darin ersehn, und wie Veränderung
Bald diesen Trank, bald jenen uns
kredenzet, –
O, wer es säh! und wär's der frohste
Jüngling,
Der, seines Lebens Lauf durchmusternd,
Das Ueberstandene, das Drohende
erblickte, –
Er schlüg' es zu, und setzt' sich hin,
und stürbe.
Freitag, 5. Februar 2021
Endlich Byron:
Count o'er the joys thine hours
have seen,
Count o'er thy days from anguish free,
And know, whatever thou hast been,
'Tis something better not to be.
Überzähle die Freuden, welche
deine Stunden gesehn haben; überzähle die Tage, die von Angst frei gewesen; und
wisse, daß, was immer du gewesen seyn magst, es etwas Besseres ist, nicht zu
seyn.
Keiner jedoch hat diesen Gegenstand so gründlich und erschöpfend behandelt, wie, in unsern Tagen, Leopardi. Er ist von demselben ganz erfüllt und durchdrungen: überall ist der Spott und Jammer dieser Existenz sein Thema, auf jeder Seite seiner Werke stellt er ihn dar, jedoch in einer solchen Mannigfaltigkeit von Formen und Wendungen, mit solchem Reichthum an Bildern, daß er nie Ueberdruß erweckt, vielmehr durchweg unterhaltend und erregend wirkt.