Donnerstag, 8. Juli 2021
Der Optimismus ist im Grunde das unberechtigte
Selbstlob des eigentlichen Urhebers der Welt, des Willens zum Leben, der sich
wohlgefällig in seinem Werke spiegelt: und demgemäß ist er nicht nur eine
falsche, sondern auch eine verderbliche Lehre. Denn er stellt uns das Leben als
einen wünschenswerthen Zustand, und als Zweck desselben das Glück des Menschen
dar. Davon ausgehend glaubt dann Jeder den gerechtesten Anspruch auf Glück und
Genuß zu haben: werden nun diese, wie es zu geschehn pflegt, ihm nicht zu
Theil; so glaubt er, ihm geschehe Unrecht, ja, er verfehle den Zweck seines
Daseyns; – während es viel richtiger ist, Arbeit, Entbehrung, Noth und Leiden,
gekrönt durch den Tod, als Zweck unsers Lebens zu betrachten (wie dies
Brahmanismus und Buddhaismus, und auch das ächte Christenthum thun); weil diese
es sind, die zur Verneinung des Willens zum Leben leiten. Im Neuen Testamente
ist die Welt dargestellt als ein Jammerthal, das Leben als ein
Läuterungsproceß, und ein Marterinstrument ist das
Symbol des Christenthums.
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