Freitag, 23. April 2021
Ich habe nicht diesen gewöhnlichen Fehler, über andere nach mir selbst
zu urteilen. Ich halte ihnen gerne Dinge zugute, die mir selbst fremd sind.
Wenn ich mich selbst zu einem Verhalten verpflichtet fühle, so nötige ich es
deshalb nicht der Welt auf, wie es jedermann tut; und anerkenne und begreife
tausend sich widersprechende Lebensweisen; und im Gegensatz zum allgemeinen
Brauch lasse ich leichter die Verschiedenheit als die Ähnlichkeit unter uns
gelten. Ich erlasse, so viel man verlangt, einem anderen Wesen meine eigenen
Lebensregeln und Grundsätze und betrachte es nur in sich selbst, ohne Beziehung
auf anderes, und statte es nach seinem eigenen Bilde aus. Dass ich nicht
enthaltsam bin, hindert mich nicht, die Enthaltsamkeit der Barfüsser und
Kapuziner aufrichtig anzuerkennen und die art ihres Wandelns hoch zu schätzen:
ich versetze mich in der Vorstellung sehr leicht an ihre Stelle. Und doch liebe
und ehre ich sie um so mehr, als sie anders sind als ich. Ich wünsche
inständig, dass man jeden von uns gesondert richte und mich nicht über den
gemeinen Leisten schlage.
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