Sonntag, 10. August 2025

 

Sie war es. Mein Auge hat mich nicht betrogen, aber obgleich ich mich so lange auf diese Stunde vorbereitet hatte, konnte ich doch einer gewissen Unruhe nicht Herr werden. Sie war allein, offenbar nicht mit sich selber, sondern mit ihren eignen Gedanken beschäftigt. Sie dachte nicht, aber die Gedanken hatten ein Bild der Sehnsucht vor ihre Seele gezaubert, ahnungsvoll und unerklärlich wie die Seufzer eines jungen Mädchens. Sie war beschäftigt, nicht mit sich selber, sondern in sich selber; und diese innere Arbeit ihrer Seele war ein unendlicher Friede, eine tiefe Ruhe in sich selber. Das ist der Reichtum eines jungen Mädchens, und wenn man diesen Reichtum in sich aufnimmt, wird man selber reich. Sie ist reich, obgleich sie selber nicht weiß, daß sie etwas besitzt; sie ist reich, sie ist ein Schatz. Ein stiller Friede ruhte auf ihr und ein Schatten leiser Wehmut verklärte ihr Gesicht. Sie war leicht wie Psyche, von der es heißt, daß die Genien sie forttrugen, ja noch leichter war sie; denn sie trug sich selber. Mögen die Lehrer der Kirche über die Himmelfahrt der Madonna streiten, mir ist's nicht unbegreiflich, denn sie gehörte der Welt nicht mehr an; aber die Leichtigkeit eines jungen Mädchens ist unbegreiflich. –

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