Montag, 27. Juni 2022

Die Erziehung. - Mein Traktat über die Erziehung ist fertig. Ich beweise darin, dass die Erziehung für den Menschen wie für die Tiere die gleiche ist. Sie läuft auf zweierlei hinaus: Ungerechtigkeiten ertragen lernen, Langeweile ertragen lernen. Was lässt man ein Pferd in der Reitschule tun? Es geht von Natur im Pass, Trab, Galopp, Schritt. Aber es tut das, wie es ihm gut dünkt und wie es Lust hat- Man lehrt es nun, diese Gangarten gegen seinen Willen anzunehmen, gegen seine Vernunft - da liegt die Ungerechtigkeit - und sie 2 Stunden lang fortzusetzen - da liegt die Langeweile. Lässt man daher ein Kind Latein, Griechisch, Französisch lernen, so ist man nicht am sachlichen Gewinn des Unterrichts interessiert, sondern das Kind muss sich eben daran gewöhnen, den Willen anderer zu tun und sich zu langweilen und durch ein Wesen seinesgleichen gestraft zu werden und zu leiden. Wenn es hieran gewöhnt ist, so ist es dressiert, ist sozial, geht in die Welt, achtet Beamte, Minister, Könige und beklagt sich nicht über sie. Der Mensch übt seine Amtspflichten aus, er geht in sein Büro oder zur Audienz oder auf den Wachtposten oder ins Oeuil-de-Boeuf und gähnt und bleibt dort und verdient sich sein Brot. Tut er das nicht, so taugt er nichts in der Gesellschaft. Also die Erziehung ist nur die Beschneidung der natürlichen Talente, um an ihre Stelle die sozialen Pflichten zu setzen. Tut sie das nicht, so habt ihr den Dichter, den Improvisator, den Verwegenen, den Maler, den Witzbold, das Original, das andere unterhält und Hungers stirbt, weil es sich in keine der Nischen der sozialen Rangordnung einfügen kann.  

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