Der Zweck unseres Daseins
kann nicht, wie der Optimismus annimmt, der sein, glücklich zu sein, da sich
dem unbefangenen Blick das Leben darstellt wie ganz eigentlich darauf
abgesehen, dass wir uns nicht glücklich darin fühlen sollen. Der Zweck des
Lebens kann auch nicht ganz allein und unmittelbar in den moralischen Tugenden,
also in der Ausübung der Gerechtigkeit und Menschenliebe liegen. Vielmehr ist
der Zweck des Lebens Läuterung, Wendung des Willens, Erlösung von dem
sündhaften, die traurige Beschaffenheit dieser Welt herbei führenden Wollen. Zu
diesem Zweck sind Leiden und Tod wie berechnet. Das Leben ist vom Leiden
unzertrennlich; ein Anstrich von Absichtlichkeit ist hierin nicht zu verkennen.
Das Leiden ist der Läuterungsprozess, durch welchen allein in den meisten
Fällen der Mensch geheiligt, d. h. von dem Irrweg des Willens zum Leben
zurückgeführt wird. In noch höherem Grade kommt dem mehr als alles Leiden
gefürchteten Tode die heiligende Kraft zu. Bei dem naturgemäßen Verlauf kommt
im Alter das Absterben des Leibes dem Absterben des Willens entgegen.
Freitag, 3. Juni 2016
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