Montag, 28. November 2022

Mich deucht, es sei verzeihlich, ein Wunderwerk zu bezweifeln, zum wenigsten so lange, als man seine Wahrheit mit natürlichen, nicht wunderbaren Mitteln bestreiten kann, und bin hierin der Meinung des heiligen Augustin: es sei besser, bei Dingen, welche schwer zu beweisen und gefährlich zu glauben sind, auf die Seite des Zweifels zu neigen als auf die Seite der Leichtgläubigkeit. Es sind einige Jahre her, daß ich durch die Länder eines souveränen Fürsten reiste, der, um mir eine Gunst zu erzeigen und meinem Unglauben einen Stoß zu versetzen, die Gnade hatte und mir, in seiner Gegenwart, an einem abgelegenen Ort zehn bis zwölf Gefangene von dieser Gattung vorführen ließ; unter andern eine alte Frau, die durch ihre Häßlichkeit und Mißgestalt freilich hexenmäßig genug aussah und von langen Zeiten her dieser Profession wegen berüchtigt war. Ich fand Beweise, freies Bekenntnis und ich weiß selbst nicht was für unmerkliche Kennzeichen an diesem beklagenswürdigen Weib und erkundigte mich und sprach so viel ich wollte, wobei ich auf alles, soviel wie möglich, die genaueste Aufmerksamkeit hatte. Auch bin ich nicht der Mensch, der sich den Verstand durch Vorurteile umwenden läßt. Kurz und gewissenhaft zu sagen: ich hätte ihr viel eher Nieswurz als einen Schierlingstrank verordnet.


Captisque res magis mentibus, quam consceleratis, similis visa.

 

Die Sache scheint mehr auf Rechnung des Wahnsinns als der Bosheit zu setzen.

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