Samstag, 14. April 2012

Dieser skeptisch-immanente Konservatismus hat nicht nur eine soziale und politische, sondern auch eine ontologische Komponente. Gehorsam sollte man nicht nur gegenüber den Sitten und Gesetzen sein, sondern gegenüber allem, was geschieht, dem Sein als ganzem, das Montaigne auch "Ordnung", "Schicksal", "Natur" oder "Gott" nennt. Gehorsam als eine Tugend, als eine Einsicht und eine Kraft, zeigt sich hier darin, den Dingen ihren Lauf lassen zu können und sich nicht ständig mit Sorgen zu quälen.
"Selbstbeherrschung" ist bei ihm frei von antik-skeptischen, stoischen, protestantischen oder auch cartesianischen Konnotationen. Es heisst bei ihm, die eigene Unbeherrschbarkeit hinzunehmen und wenigstens insofern zu beherrschen. Auch das gehört zur Affirmation des scheinbar Negativen, zur Fügung ins Unvermeidliche.
Ich habe meine eigenen Gesetze und meinen eigenen Gerichtshof, um über mich zu richten, und wende mich mehr an ihn als an andere.

Freitag, 13. April 2012

Die Gesellschaft besteht aus zwei grossen Klassen: die einen haben mehr Essen als Appetit, die anderen mehr Appetit als Essen.


La société est composée de deux grandes classes : ceux qui ont plus de dîners que d' appétit, et ceux qui ont plus d' appétit que de dîners.
J' ai vu des hommes trahir leur conscience pour complaire à un homme qui a un mortier ou une simarre : étonnez-vous ensuite de ceux qui l' échangent pour le mortier, ou pour la simarre même ! Tous également vils, et les premiers absurdes plus que les autres.
Wenn die Dummköpfe aus ihren Stellungen ausscheiden, so bewahren sie, ob Minister oder Kommis, eine lächerliche Dünkelhaftigkeit und Wichtigkeit.
Quand les sots sortent de place, soit qu' ils aient été ministres ou premiers commis, ils conservent une morgue ou une importance ridicule.

Dienstag, 3. April 2012

Dichter-Existenz. - Vergeblich kämpfe ich dagegen. Mein Fuß gleitet. Mein Leben bleibt doch eine Dichter-Existenz. Kann man sich etwas Unglücklicheres denken? Ich bin dazu ausersehen; das Schicksal lacht mich aus, wenn es mir plötzlich zeigt, dass alles, womit ich gegen dasselbe anarbeite, ein neues Moment eines solchen Daseins wird. Ich bin im stande, die Hoffnung so lebendig zu schildern, dass jede hoffende Persönlichkeit sich zu meiner Schilderung bekennen wird; und dennoch ist sie ein Falsum: denn während ich sie schildere, denke ich an die Erinnerung. 
Mein Kummer ist meine Ritterburg, welche wie ein Adlernest hoch oben auf des Berges Gipfel in den Wolken liegt. Von da fliege ich herab in die Wirklichkeit des Lebens und greife meine Beute. Aber ich bleibe nicht dort unten; ich bringe meine Beute heim, und diese Beute ist das Bild, welches ich hineinwebe in die Tapeten meines Schlosses. Hier lebe ich wie ein Verstorbener. Alles Erlebte tauche ich nieder in die Taufe der Vergessenheit, zur Ewigkeit der Erinnerung. Alles Endliche und Zufällige ist vergessen und ausgelöscht. Da sitze ich, wie ein alter, graubärtiger Mann, gedankenvoll, und erkläre mit leiser Stimme die Bilder, fast lispelnd, und an meiner Seite sitzt ein Kind und horcht, obgleich es  an alles sich erinnert, ehe ich es erzähle.