Betrachtet das Insekt auf eurem Wege: eine kleine, unbewußte Wendung eures Fußtrittes ist über sein Leben oder Tod entscheidend. Seht die Waldschnecke, ohne alle Mittel zur Flucht, zur Wehr, zur Täuschung, zum Verbergen, eine bereite Beute für Jeden. Seht den Fisch sorglos im noch offenen Netze spielen; den Frosch durch seine Trägheit von der Flucht, die ihn retten könnte, abgehalten; den Vogel, der den über ihm schwebenden Falken nicht gewahr wird; die Schaafe, welche der Wolf aus dem Busch ins Auge faßt und mustert. Diese Alle gehn, mit wenig Vorsicht ausgerüstet, arglos unter den Gefahren umher, die jeden Augenblick ihr Daseyn bedrohen. Indem nun also die Natur ihre so unaussprechlich künstlichen Organismen nicht nur der Raublust des Stärkeren, sondern auch dem blindesten Zufall, und der Laune jedes Narren, und dem Muthwillen jedes Kindes, ohne Rückhalt Preis giebt, spricht sie aus, daß die Vernichtung dieser Individuen ihr gleichgültig sei, ihr nicht schade, gar nichts zu bedeuten habe, und daß, in jenen Fällen, die Wirkung so wenig auf sich habe, wie die Ursache. Sie sagt dies sehr deutlich aus, und sie lügt nie: nur kommentirt sie ihre Aussprüche nicht; vielmehr redet sie im lakonischen Stil der Orakel. Wenn nun die Allmutter so sorglos ihre Kinder tausend drohenden Gefahren, ohne Obhut, entgegensendet; so kann es nur seyn, weil sie weiß, daß wenn sie fallen, sie in ihren Schooß zurückfallen, wo sie geborgen sind, daher ihr Fall nur ein Scherz ist. Sie hält es mit dem Menschen nicht anders, als mit den Thieren. Ihre Aussage also erstreckt sich auch auf diesen: Leben oder Tod des Individuums sind ihr gleichgültig.
Mittwoch, 9. September 2020
Montag, 31. August 2020
Mittwoch, 26. August 2020
Freitag, 21. August 2020
Donnerstag, 20. August 2020
Mittwoch, 19. August 2020
Samstag, 15. August 2020
Sonntag, 2. August 2020
Wahrheit und Seligkeit
Zur Erkenntnis der Wahrheit bin ich vielleicht gekommen,
zur Seligkeit sicherlich nicht. Was soll ich tun? «In der Welt wirken!» so
antworten die Menschen. Sollte ich der Welt also mein Herzeleid mitteilen,
einen Beitrag zu dem Beweise liefern, wie traurig und jämmerlich alles ist,
vielleicht einen neuen Flecken im Menschenleben entdecken, der bisher
unbeachtet geblieben war? Ich könnte alsdann den seltenen Lohn einernten,
berühmt zu werden, gleich dem Manne, der die Flecken im Stern Jupiter entdeckt
hat. Ich ziehe es doch vor, zu schweigen.
Maren
Wie doch die menschliche Natur durchweg sich gleich
bleibt! Mit welcher angebornen Genialität kann oft ein kleines Kind uns in
lebendigem Bilde darstellen, was in den größern Lebensverhältnissen vor sich
geht. Heute amüsierte ich mich über den kleinen Ludwig. Da saß er in seinem
kleinen Stuhl; mit besonderem Behagen blickte er um sich. Da ging das
Kindermädchen Maren durch das Zimmer. »Maren!« rief er. »Ja, kleiner Ludwig,«
antwortete sie mit gewohnter Freundlichkeit und trat zu ihm. Er legte seinen
Kopf etwas auf die linke Seite, richtete auf sie seine großen Augen mit einer
gewissen Schelmerei und sagte danach ganz phlegmatisch: das sei nicht die
Maren; das sei eine andre Maren. Was tun wir Erwachsenen? Wir winken der ganzen
Welt; und ist sie uns nun freundlich entgegengekommen, dann sagen wir, das sei
nicht die Maren.
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