Dem
Knaben ist das Alleinsein eine große Pönitenz. Jünglinge gesellen sich leicht
zueinander: nur die edleren und hochgesinnten unter ihnen suchen schon
bisweilen die Einsamkeit: jedoch einen ganzen Tag allein zuzubringen wird ihnen
noch schwer. Dem Manne hingegen ist dies leicht: er kann schon viel allein
sein, und destomehr, je älter er wird. Der Greis, welcher aus verschwundenen
Generationen allein übrig geblieben und dazu den Lebensgenüssen teils
entwachsen, teils abgestorben ist, findet an der Einsamkeit sein eigentliches
Element.
Dienstag, 16. Oktober 2018
Immer
aber wird hierbei, in dem Einzelnen, die Zunahme der Neigung zur Absonderung
und Einsamkeit nach Maßgabe ihres intellektuellen Wertes erfolgen. Denn
dieselbe ist, wie gesagt, keine rein natürliche, direkt durch die Bedürfnisse
hervorgerufene, vielmehr bloß eine Wirkung gemachter Erfahrung und der
Reflexion über solche, namentlich der erlangten Einsicht in die moralisch und
intellektuell elende Beschaffenheit der allermeisten Menschen; bei welcher das
Schlimmste ist, daß, im Individuo, die moralischen und die intellektuellen
Unvollkommenheiten desselben konspirieren und sich gegenseitig in die Hände
arbeiten, woraus dann allerlei höchst widerwärtige Phänomene hervorgehn, welche
den Umgang der meisten Menschen ungenießbar, ja, unerträglich machen.
Freitag, 5. Oktober 2018
So
kommt es denn, daß, obwohl in dieser Welt gar vieles recht schlecht ist, doch
das Schlechteste darin die Gesellschaft bleibt; so daß selbst Voltaire, der
gesellige Franzose, hat sagen müssen: la
terre est couverte de gens qui ne méritent pas qu'on leur parle. Den selben
Grund gibt auch der die Einsamkeit so stark und beharrlich liebende,
sanftmütige Petrarka für diese Neigung an:
Cercato ho sempre solitaria vita
(Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi),
Per fuggir quest' ingegni storti e loschi,
Che la strada del ciel' hanno smarita.
(Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi),
Per fuggir quest' ingegni storti e loschi,
Che la strada del ciel' hanno smarita.
In
gleichem Sinne führt er die Sache aus, in seinem schönen Buche de vita solitaria, welches Zimmermanns
Vorbild zu seinem berühmten Werke über die Einsamkeit gewesen zu sein scheint.
Eben diesen bloß sekundären und mittelbaren Ursprung der Ungeselligkeit drückt,
in seiner sarkastischen Weise, Chamfort aus, wenn er sagt: on dit quelquefois d'un homme qui vit seul, il n'aime pas la société. C'est souvent
comme si on disait d'un homme, qu'il n'aime pas la promenade, sous le prétexte
qu'il ne se promène pas volontiers le soir dans la forêt de Bondy.
Aber
auch der sanfte und christliche Angelus Silesius sagt, in seiner Weise und
mythischen Sprache, ganz das Selbe:
Herodes
ist ein Feind; der Joseph der Verstand,
Dem macht Gott die Gefahr im Traum bekannt.
Die Welt ist Bethlehem, Ägypten Einsamkeit:
Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest du vor Leid.
Dem macht Gott die Gefahr im Traum bekannt.
Die Welt ist Bethlehem, Ägypten Einsamkeit:
Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest du vor Leid.
Donnerstag, 20. September 2018
In gleichem Sinne läßt sich Jordanus Brunus vernehmen: tanti uomini, che in terra hanno voluto
gustare vita celeste, dissero con una voce: »ecce elongavi fugiens, et mansi in
solitudine«. In
gleichem Sinne berichtet Sadi, der Perser, im Gulistan, von sich selbst:
»meiner Freunde in Damaskus überdrüssig zog ich mich in die Wüste bei Jerusalem
zurück, die Gesellschaft der Tiere aufzusuchen.«
In
diesem Sinne haben alle geredet, die Prometheus aus besserm Tone geformt hatte.
Welchen Genuß kann ihnen der Umgang mit Wesen gewähren, zu denen sie nur
vermittelst des Niedrigsten und Unedelsten in ihrer eigenen Natur, nämlich des
Alltäglichen, Trivialen und Gemeinen darin, irgend Beziehungen haben, die eine
Gemeinschaft begründen, und denen, weil sie nicht zu ihrem Niveau sich erheben
können, nichts übrig bleibt, als sie zu dem ihrigen herabzuziehen, was demnach
ihr Trachten wird? Sonach ist es ein aristokratisches Gefühl, welches den Hang
zur Absonderung und Einsamkeit nährt.
Alle
Lumpe sind gesellig, zum Erbarmen: daß hingegen ein Mensch edlerer Art sei,
zeigt sich zunächst daran, daß er kein Wohlgefallen an den übrigen hat, sondern
mehr und mehr die Einsamkeit ihrer Gesellschaft vorzieht und dann allmählich,
mit den Jahren, zu der Einsicht gelangt, daß es, seltene Ausnahmen abgerechnet,
in der Welt nur die Wahl gibt zwischen Einsamkeit und Gemeinheit. Sogar auch
dieses, so hart es klingt, hat selbst Angelus Silesius, seiner christlichen
Milde und Liebe ungeachtet, nicht ungesagt lassen können:
»Die
Einsamkeit ist not: doch sei nur nicht gemein:
So kannst du überall in einer Wüste sein.«
So kannst du überall in einer Wüste sein.«
Mittwoch, 19. September 2018
Was
nun aber gar die großen Geister betrifft, so ist es wohl natürlich, daß diese
eigentlichen Erzieher des ganzen Menschengeschlechtes zu häufiger Gemeinschaft
mit den übrigen so wenig Neigung fühlen, als den Pädagogen anwandelt, sich in
das Spiel der ihn umlärmenden Kinderherde zu mischen. Denn sie, die auf die
Welt gekommen sind, um sie auf dem Meer ihrer Irrtümer der Wahrheit zuzulenken
und aus dem Unstern Abgrund ihrer Roheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte
zu, der Bildung und Veredlung entgegenzuziehn, – sie müssen zwar unter ihnen
leben, ohne jedoch eigentlich zu ihnen zu gehören, fühlen sich daher, von
Jugend auf, als merklich von den andern verschiedene Wesen, kommen aber erst
allmählich, mit den Jahren zur deutlichen Erkenntnis der Sache, wonach sie dann
Sorge tragen, daß zu ihrer geistigen Entfernung von den andern auch die
physische komme, und keiner ihnen nahe rücken darf, er sei denn schon selbst
ein mehr oder weniger Eximierter von der allgemeinen Gemeinheit.
Aus
diesem allen ergibt sich also, daß die Liebe zur Einsamkeit nicht direkt und
als ursprünglicher Trieb auftritt, sondern sich indirekt, vorzüglich bei
edleren Geistern und erst nach und nach entwickelt, nicht ohne Überwindung des
natürlichen Geselligkeitstriebes, ja, unter gelegentlicher Opposition
mephistophelischer Einflüsterung:
»Hör'
auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt:
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.«
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt:
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.«
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