Donnerstag, 28. März 2024

Die Natur nun ihrerseits kann die der Vorschrift des Aristoteles zum Grunde liegende Thatsache nicht leugnen, aber auch nicht aufheben. Denn, ihrem Grundsatz natura non facit saltus zufolge, konnte sie die Saamenabsonderung des Mannes nicht plötzlich einstellen; sondern auch hier, wie bei jedem Absterben, mußte eine allmälige Deterioration vorhergehn. Die Zeugung während dieser nun aber würde schwache, stumpfe, sieche, elende und kurzlebende Menschen in die Welt setzen. Ja, sie thut es nur zu oft: die in späterm Alter gezeugten Kinder sterben meistens früh weg, erreichen wenigstens nie das hohe Alter, sind, mehr oder weniger, hinfällig, kränklich, schwach, und die von ihnen Erzeugten sind von ähnlicher Beschaffenheit.

Dienstag, 26. März 2024

Was hier von der Zeugung im deklinirenden Alter gesagt ist, gilt eben so von der im unreifen. Nun aber liegt der Natur nichts so sehr am Herzen, wie die Erhaltung der Species und ihres ächten Typus; wozu wohlbeschaffene, tüchtige, kräftige Individuen das Mittel sind: nur solche will sie. Ja, sie betrachtet und behandelt (wie Kapitel 41 gezeigt worden) im Grunde die Individuen nur als Mittel; als Zweck bloß die Species. Demnach sehn wir hier die Natur, in Folge ihrer eigenen Gesetze und Zwecke, auf einen mißlichen Punkt gerathen und wirklich in der Bedrängniß. Auf gewaltsame und von fremder Willkür abhängige Auskunftsmittel, wie das von Aristoteles angedeutete, konnte sie, ihrem Wesen zufolge, unmöglich rechnen, und eben so wenig darauf, daß die Menschen, durch Erfahrung belehrt, die Nachtheile zu früher und zu später Zeugung erkennen und demgemäß ihre Gelüste zügeln würden, in Folge vernünftiger, kalter Ueberlegung. Auf Beides also konnte, in einer so wichtigen Sache, die Natur es nicht ankommen lassen.

Jetzt blieb ihr nichts Anderes übrig, als von zwei Uebeln das kleinere zu wählen. Zu diesem Zweck nun aber mußte sie ihr beliebtes Werkzeug, den Instinkt, welcher, wie in vorstehendem Kapitel gezeigt, das so wichtige Geschäft der Zeugung überall leitet und dabei so seltsame Illusionen schafft, auch hier in ihr Interesse ziehn; welches nun aber hier nur dadurch geschehn konnte, daß sie ihn irre leitete (lui donna le change). Die Natur kennt nämlich nur das Physische, nicht das Moralische: sogar ist zwischen ihr und der Moral entschiedener Antagonismus. Erhaltung des Individui, besonders aber der Species, in möglichster Vollkommenheit, ist ihr alleiniger Zweck. Zwar ist nun auch physisch die Päderastie den dazu verführten Jünglingen nachtheilig; jedoch nicht in so hohem Grade, daß es nicht von zweien Uebeln das kleinere wäre, welches sie demnach wählt, um dem sehr viel größern, der Depravation der Species, schon von Weitem auszuweichen und so das bleibende und zunehmende Unglück zu verhüten.

Sonntag, 10. März 2024

Dieser Vorsicht der Natur zufolge stellt, ungefähr in dem von Aristoteles angegebenen Alter, in der Regel, eine päderastische Neigung sich leise und allmälig ein, wird immer deutlicher und entschiedener, in dem Maaße, wie die Fähigkeit, starke und gesunde Kinder zu zeugen, abnimmt. So veranstaltet es die Natur. Wohl zu merken jedoch, daß von diesem eintretenden Hange bis zum Laster selbst noch ein sehr weiter Weg ist. Zwar wenn, wie im alten Griechenland und Rom, oder zu allen Zeiten in Asien, ihm kein Damm entgegengesetzt ist, kann er, vom Beispiel ermuthigt, leicht zum Laster führen, welches dann, in Folge hievon, große Verbreitung erhält. In Europa hingegen stehn demselben so überaus mächtige Motive der Religion, der Moral, der Gesetze und der Ehre entgegen, daß fast Jeder schon vor dem bloßen Gedanken zurückbebt, und wir demgemäß annehmen dürfen, daß unter etwan drei Hundert, welche jenen Hang spüren, höchstens Einer so schwach und hirnlos seyn wird, ihm nachzugeben; um so gewisser, als dieser Hang erst in dem Alter eintritt, wo das Blut abgekühlt und der Geschlechtstrieb überhaupt gesunken ist, und er andererseits an der gereiften Vernunft, an der durch Erfahrung erlangten Umsicht und der vielfach geübten Festigkeit so starke Gegner findet, daß nur eine von Haus aus schlechte Natur ihm unterliegen wird.

Inzwischen wird der Zweck, den die Natur dabei hat, dadurch erreicht, daß jene Neigung Gleichgültigkeit gegen die Weiber mit sich führt, welche mehr und mehr zunimmt, zur Abneigung wird und endlich bis zum Widerwillen anwächst. Hierin erreicht die Natur ihren eigentlichen Zweck um so sicherer, als, je mehr im Manne die Zeugungskraft abnimmt, desto entschiedener ihre widernatürliche Richtung wird. –

Donnerstag, 29. Februar 2024

 

Bin ich blind geworden? Hat das innere Auge der Seele seine Kraft verloren? Ich habe sie gesehen, aber es ist mir, als hätte ich eine himmlische Offenbarung gesehen, so ganz ist ihr Bild mir wieder entschwunden. Vergebens suche ich mir dasselbe vorzuzaubern. Unter Hunderten würde ich sie wiedererkennen. Aber nun ist sie fort, und das Auge meiner Seele sucht sie mit seiner Sehnsucht vergebens zu erreichen. – Ich ging auf der »Langenreihe«, wie es schien, ohne auf meine Umgebung zu achten, obgleich mein spähender Blick nichts unbemerkt ließ – da sah ich sie plötzlich. Ich starrte sie an, und doch habe ich nichts gesehen, weil ich zu viel sah. Das einzige, was ich behalten habe, ist – der grüne Mantel, den sie trug. Sie war in Begleitung einer ältern Dame; ich denke mir, ihrer Mutter. Diese letztere kann ich genau beschreiben, obgleich ich sie eigentlich gar nicht angesehen habe, höchstens en passant. So geht's. Das Mädchen hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und sie habe ich vergessen; die andre hat seinen Eindruck auf mich gemacht, und ihr Bild steht lebendig vor meiner Seele.

 

Kaum kenne ich mich selbst wieder. Mein Herz braust wie ein empörtes Meer im Sturm der Leidenschaft. Wenn ein andrer meine Seele in diesem Zustande sehen könnte, würde es ihm scheinen, als bohrte sich ein kleines Schiff mit seiner Spitze ins Meer, wie wenn es in seiner schrecklichen Fahrt in den Abgrund stürzen müßte. Er sieht nicht, daß droben im Mast ein Matrose sitzt und ausschaut. Braust nur, ihr wilden Kräfte, ob auch die Wogen der Leidenschaft den Schaum gegen die Wolken spritzen, über meinem Haupte schlagt ihr doch nicht zusammen; ich sitze ruhig da wie der Felsenkönig.

 

Wie ein Wasservogel suche ich mich vergebens im empörten Meer meines Gemütes herabzulassen, und doch ist solcher Aufruhr mein Element, ich baue darauf, wie die Alcedo ispida ihr Nest auf dem Meere baut.

Sonntag, 25. Februar 2024

 

Man muß sich beschränken können, das ist für allen Genuß sehr wichtig. Fast scheint's, als sähe und hörte ich so bald nichts wieder von dem Mädchen, das meine Seele und alle meine Gedanken erfüllt. Ich will mich ganz ruhig verhalten; auch diese dunkle und unbestimmte, aber doch so starke Gemütsbewegung hat ihren Zauber. Ich habe immer gern während einer mondhellen Nacht auf einem oder dem andern unsrer herrlichen Seen in einem Boot gelegen. Dann ziehe ich die Segel ein, nehme die Ruder auf, lege mich so lang wie ich bin ins Boot und schaue hinauf zum Himmel. Wenn die Wellen das Boot an ihrem Busen einwiegen, wenn die Wolken vor dem Winde treiben, daß der Mond einen Augenblick verschwindet und sich dann wieder zeigt, so finde ich Ruhe in dieser Unruhe; die Wellen schläfern mich ein, ihr Rauschen ist ein eintöniges Wiegenlied, der Wolken rasche Fahrt, der Wechsel von Licht und Schatten berauscht mich, und wachend träume ich. So lege ich mich auch jetzt hin, ziehe die Segel ein, die Ruder auf und lasse mich von Sehnsucht und ungeduldiger Erwartung hin und her treiben; der Himmel der Hoffnung wölbt sich über mir, ihr Bild schwebt unbestimmt wie der Mond an mir vorüber. Welch ein Genuß!

Die Tage gehen hin, einer nach dem andern, und immer und überall suche ich sie. Das macht mich oft verdrießlich, umnachtet meinen Blick, stört mich in meinem Genuß. Nun kommt ja bald die schöne Zeit, da man im öffentlichen Leben auf den Straßen aufkauft, was man während des Winters in dem gesellschaftlichen Leben sich teuer genug bezahlen läßt; denn ein junges Mädchen kann vieles vergessen, aber niemals eine Situation. Das gesellschaftliche Leben bringt einen wohl mit dem schönen Geschlecht in Berührung, aber es hat keine Art, wenn man da die Geschichte anfangen soll. In den Salons ist jedes junge Mädchen bewaffnet, die Situation ist arm, toujours le même, aber auf der Straße ist sie auf offnem Meere, da wirkt alles viel kräftiger, weil alles rätselhafter ist. Ich gebe für das Lächeln eines jungen Mädchens in einer Straßensituation hundert Thaler, aber keine zehn für einen Druck der Hand im Salon.