Mittwoch, 26. August 2026
Donnerstag, 20. August 2026
Johannes!
Es war ein reicher Mann, der hatte sehr
viele Schafe und Rinder; und es war ein armes kleines Mädchen, die hatte nichts
denn ein einiges kleines Schäflein; es aß von ihrem Bissen und trank von ihrem
Becher. Du warst der reiche Mann, reich an allen Schätzen und Ehren der Welt;
ich war die Arme und hatte nichts als meine Liebe. Du nahmst sie, Du freutest
Dich ihrer; da winkte Dir die Luft, und Du opfertest das Wenige, das ich hatte;
von Deinem Eignen konntest Du nichts opfern. Es war ein reicher Mann, der hatte
sehr viele; Schafe und Rinder; es war ein armes kleines Mädchen, die hatte
nichts als ihre Liebe.
Deine Kordelia.
Johannes!
Ist die Hoffnung denn so gar aus? Wird
Deine Liebe niemals wiedererwachen? Denn daß Du mich geliebt hast, das weiß
ich, wenn ich auch nicht weiß, woher ich diese Gewißheit habe. Ich will warten,
ob mir die Zeit auch lang wird, ich will warten, warten, bis Du andre nicht
mehr lieben magst. Dann wird Deine Liebe zu mir wieder aus dem Grabe erstehen,
dann will ich Dich lieben wie immer, Dir danken wie immer, wie einst, o
Johannes, wie einst! Johannes! Diese herzlose Kälte gegen mich – ist sie Dein
wahres Wesen? war Deine Liebe, Dein reiches Herz – eine innere Lüge? Bist Du
nun wieder Du selber? Hab Geduld mit meiner Liebe, vergib mir, daß ich nicht
aufhören kann, Dich zu lieben; ich weiß es, meine Liebe ist Dir eine Last; aber
es kommt doch die Zeit, da Du zu Deiner Kordelia zurückkehrst. Deine Kordelia!
hörst Du es – das flehentliche Wort –: Deine Kordelia, Deine Kordelia?
Deine Kordelia.
Man sieht es, Kordelia war nicht ohne
Modulation, wenn ihre Stimme auch nicht den Umfang hatte, den Johannes so
bewunderte. Sie kann nicht alles so klar und deutlich darstellen, aber ihre
Stimmung spricht sich in jedem ihrer Briefe aus. Das ist besonders bei dem
zweiten Brief der Fall; man ahnt in demselben freilich mehr, was sie eigentlich
will, aber diese Unvollkommenheit macht ihn für mich so rührend.
Montag, 17. August 2026
Dienstag, 11. August 2026
Vorsicht, meine schöne Unbekannte!
Vorsicht; aus einem Wagen heraustreten ist nicht so leicht, ja es kann ein
entscheidender Schritt sein. Die Wagentritte sind ja so verkehrt eingerichtet,
daß man alle seine Grazie fahren lassen muß, wenn man glücklich herauskommen
will; die einzige Rettung ist oft ein verzweifelter Sprung in die Arme des
Kutschers und des Dieners. Ja, der Kutscher und der Diener – die haben es gut.
Ich glaube wirklich, ich will in einem Hause, in dem junge Mädchen sind, einen
Platz als Diener suchen. Ein Diener wird leicht in die Geheimnisse eines
kleinen Fräuleins eingeweiht. – Aber springen Sie doch um Gotteswillen nicht
heraus, ich bitte Sie; es ist ja dunkel; ich will Sie nicht stören, ich bleibe
dort unter der Straßenlaterne stehen, dann können Sie mich unmöglich sehen, und
man wird doch nur dann verlegen, wenn man weiß, daß man gesehen wird – also
steigen Sie aus!
Lassen Sie den reizenden kleinen Fuß,
den ich bereits bewundert habe, sich in der Welt versuchen! Nur Mut! Verlassen
Sie sich auf ihn, er wird schon festen Grund finden, und erfaßt Sie für einen
Augenblick ein Grauen, weil es Ihnen ist, als suchten Sie ihn vergebens, ja,
ist Ihnen noch bange, nachdem Sie ihn gefunden? o, ziehen Sie nur rasch den
andern Fuß nach – wer könnte so grausam sein, Sie in dieser gefährlichen
Situation schweben zu lassen, wer wäre so alles Schönheitssinnes dar, daß er
für die Offenbarung des Schönen kein Auge hätte? Oder fürchten Sie sich noch
vor einem Unberufenen – doch nicht vor Ihrem Diener, auch nicht vor mir –, ich habe
Ihren kleinen Fuß ja schon gesehen und habe, da ich Naturforscher bin, von
Cuvier gelernt, daraus sichere Schlüsse zu ziehen. Also schnell! Wie diese
Angst Ihre Schönheit hebt. Aber nein, die Angst an und für sich selber ist
nicht schön, sie ist's nur, wenn man im selben Augenblick die Energie bemerkt,
die sie überwindet. Ah, nun endlich! Sieh, wie fest steht der kleine Fuß! – –
Kein Mensch hat es gesehen. Nur eine
dunkle Gestalt geht in dem Augenblick an Ihnen vorüber, da Sie in die Thür des
Hauses treten. Sie erröten? Erbittert, mit stolzer Verachtung sehen Sie sich
um? ein flehentlicher Blick, eine Thräne in Ihren Augen? beides ist gleich
schön, und beides nehme ich mit gleichem Recht an. Aber wie boshaft bin ich –
welche Nummer hat das Haus? und was sehe ich? es ist ein
Galanteriewaren-Geschäft. Meine schöne Unbekannte, vielleicht ist's empörend,
aber ich folge Ihnen ... Sie hat es vergessen, ach ja; wenn man siebenzehn
Sommer zählt, in dem Alter Einkäufe macht und alles, was man in die Hand nimmt,
mit unbeschreiblicher Freude ansieht, ja dann vergißt man leicht.

