Montag, 11. Juni 2018
Die Geschlechtsliebe spielt nicht bloß in Schauspielen und Romanen,
sondern, wie die Erfahrung bestätigt, auch in der wirklichen Welt eine so
bedeutende Rolle, dass die bei einigen Schriftstellern vorkommende Leugnung der
Realität und Wichtigkeit dieser Leidenschaft ein großer Irrtum ist. Die
Erfahrung zeigt, dass die Geschlechtsliebe unter Umständen zu einer
Leidenschaft anwachsen kann, die an Heftigkeit jede andere übertrifft und dann
alle Rücksichten beseitigt, alle Hindernisse mit unglaublicher Kraft und
Ausdauer überwindet, so dass für ihre Befriedigung unbedenklich das Leben
gewagt, ja, wenn solche schlechterdings versagt bleibt, in den Kauf gegeben
wird. Die Geschlechtsliebe erweist sich, nächst der Liebe zum Leben, als die
stärkste und tätigste aller Triebfedern, nimmt die Hälfte der Kräfte und
Gedanken des jüngeren Teiles der Menschheit fortwährend in Anspruch, ist das
letzte Ziel fast jedes menschlichen Bestrebens, erlangt auf die wichtigsten
Angelegenheiten nachteiligen Einfluss, unterbricht die ernsthaftesten
Beschäftigungen zu jeder Stunde, setzt bisweilen selbst die größten Köpfe auf
eine Weile in Verwirrung, zettelt täglich die verworrensten und schlimmsten
Händel an, löst die wertvollsten Verhältnisse auf, zerreißt die festesten
Bande, nimmt bisweilen Leben, oder Gesundheit, bisweilen Reichtum, Rang und
Glück zu ihrem Opfer, ja macht den sonst Redlichen gewissenlos, den bisher
Treuen zum Verräter, tritt demnach im Ganzen auf als ein feindseliger Dämon.
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