Geselligkeit
gehört zu den gefährlichen, ja, verderblichen Neigungen, da sie uns in Kontakt
bringt mit Wesen, deren große Mehrzahl moralisch schlecht und intellektuell
stumpf oder verkehrt ist. Der Ungesellige ist einer, der ihrer nicht bedarf. An
sich selber so viel zu haben, daß man der Gesellschaft nicht bedarf, ist schon
deshalb ein großes Glück, weil fast alle unsere Leiden aus der Gesellschaft
entspringen, und die Geistesruhe, welche, nächst der Gesundheit, das
wesentlichste Element unseres Glückes ausmacht, durch jede Gesellschaft
gefährdet wird und daher ohne ein bedeutendes Maß von Einsamkeit nicht bestehen
kann.
Freitag, 9. Juni 2017
Um
des Glückes der Geistesruhe teilhaftig zu werden, entsagen die Zyniker jedem
Besitze: wer in gleicher Absicht der Gesellschaft entsagt, hat das weiseste
Mittel erwählt. Denn so treffend, wie schön, ist was Bernardin de St. Pierre
sagt: Enthaltsamkeit im Essen macht unsern Körper gesund, Enthaltsamkeit im
Menschenverkehr die Seele.
Sonach
hat, wer sich zeitig mit der Einsamkeit befreundet, ja, sie lieb gewinnt, eine
Goldmine erworben. Aber keineswegs vermag dies jeder. Denn wie ursprünglich die
Not, so treibt, nach Beseitigung dieser, die Langeweile die Menschen zusammen.
Ohne beide bliebe wohl jeder allein; schon weil nur in der Einsamkeit die
Umgebung der ausschließlichen Wichtigkeit, ja, Einzigkeit entspricht, die jeder
in seinen eigenen Augen hat, und welche vom Weltgedränge zu nichts verkleinert
wird; als wo sie, bei jedem Schritt, ein schmerzliches dementi erhält. In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar der
natürliche Zustand eines jeden: sie setzt ihn wieder ein, als ersten Adam, in
das ursprüngliche, seiner Natur angemessene Glück.
Aber
hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! Daher wieder ist, in einem
andern Sinne, die Einsamkeit dem Menschen nicht natürlich; sofern er nämlich,
bei seinem Eintritt in die Welt, sich nicht allein, sondern zwischen Eltern und
Geschwistern, also in Gemeinschaft, gefunden hat. Demzufolge kann die Liebe zur
Einsamkeit nicht als ursprünglicher Hang da sein, sondern erst infolge der
Erfahrung und des Nachdenkens entstehn: und dies wird statthaben, nach Maßgabe
der Entwicklung eigener geistiger Kraft, zugleich aber auch mit der Zunahme der
Lebensjahre; wonach denn, im ganzen genommen, der Geselligkeitstrieb eines
jeden im umgekehrten Verhältnisse seines Alters stehen wird.
Donnerstag, 18. Mai 2017
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