Dienstag, 12. Juni 2018
Von
dem gewöhnlichen Selbstmorde gänzlich verschieden scheint eine besondere Art
desselben zu sein, der aus dem höchsten Grade der Askese freiwillig gewählte
Hungertod. Es scheint, dass die gänzliche Verneinung des Willens den Grad
erreichen könne, wo selbst der zur Erhaltung der Vegetation des Leibes durch
Aufnahme von Nahrung nötige Wille wegfällt. Weit entfernt, dass diese Art des
Selbstmordes aus dem Willen zum Leben entstünde, hört ein solcher völlig
resignierter Asket bloß darum auf zu leben, weil er ganz und gar aufgehört hat
zu wollen.
Montag, 11. Juni 2018
Die Geschlechtsliebe spielt nicht bloß in Schauspielen und Romanen,
sondern, wie die Erfahrung bestätigt, auch in der wirklichen Welt eine so
bedeutende Rolle, dass die bei einigen Schriftstellern vorkommende Leugnung der
Realität und Wichtigkeit dieser Leidenschaft ein großer Irrtum ist. Die
Erfahrung zeigt, dass die Geschlechtsliebe unter Umständen zu einer
Leidenschaft anwachsen kann, die an Heftigkeit jede andere übertrifft und dann
alle Rücksichten beseitigt, alle Hindernisse mit unglaublicher Kraft und
Ausdauer überwindet, so dass für ihre Befriedigung unbedenklich das Leben
gewagt, ja, wenn solche schlechterdings versagt bleibt, in den Kauf gegeben
wird. Die Geschlechtsliebe erweist sich, nächst der Liebe zum Leben, als die
stärkste und tätigste aller Triebfedern, nimmt die Hälfte der Kräfte und
Gedanken des jüngeren Teiles der Menschheit fortwährend in Anspruch, ist das
letzte Ziel fast jedes menschlichen Bestrebens, erlangt auf die wichtigsten
Angelegenheiten nachteiligen Einfluss, unterbricht die ernsthaftesten
Beschäftigungen zu jeder Stunde, setzt bisweilen selbst die größten Köpfe auf
eine Weile in Verwirrung, zettelt täglich die verworrensten und schlimmsten
Händel an, löst die wertvollsten Verhältnisse auf, zerreißt die festesten
Bande, nimmt bisweilen Leben, oder Gesundheit, bisweilen Reichtum, Rang und
Glück zu ihrem Opfer, ja macht den sonst Redlichen gewissenlos, den bisher
Treuen zum Verräter, tritt demnach im Ganzen auf als ein feindseliger Dämon.
Nicht allein die unbefriedigte verliebte Leidenschaft hat bisweilen
einen tragischen Ausgang, sondern auch die befriedigte führt öfter zum Unglück
als zum Glück. Denn ihre Anforderungen kollidieren oft so sehr mit der
persönlichen Wohlfahrt des Beteiligten, dass sie solche untergraben, indem sie
mit seinen übrigen Verhältnissen unvereinbar sind und den darauf gebauten
Lebensplan zerstören. Ja, nicht allein mit den äußeren Verhältnissen ist die
Liebe oft im Widerspruch, sondern sogar mit der eigenen Individualität, indem
sie sich auf Personen wirft, welche, abgesehen vom Geschlechtsverhältnis dem
Liebenden verhasst, ja zum Abscheu sein würden. Aber so sehr viel mächtiger ist
der Wille der Gattung als der des Individuums, dass der Liebende in seiner
Verblendung alle jene ihm widerlichen Eigenschaften übersieht. —
In der Tat führt der Genius der Gattung durchweg Krieg mit den
schützenden Genien der Individuen, ist ihr Verfolger und Feind, stets bereit,
das persönliche Glück schonungslos zu zerstören, um seine Zwecke durchzusetzen;
ja, das Wohl ganzer Nationen ist bisweilen das Opfer seiner Laune geworden.
Dies Alles beruht darauf, dass die Gattung, als in welcher die Wurzel unseres
Wesens liegt, ein näheres und früheres Recht auf uns hat, als das Individuum;
daher ihre Angelegenheiten vorgehen.
Montag, 28. Mai 2018
Auf der metaphysischen Identität des Willens, als des Dinges an sich,
bei der zahllosen Vielheit seiner Erscheinungen, beruhen drei Phänomene, welche
man unter den gemeinsamen Begriff der Sympathie bringen kann: 1) das Mitleid
(caritas), die Basis der Gerechtigkeit und Menschenliebe; 2) die
Geschlechtsliebe mit eigensinniger Auswahl (amor), welche das Leben der Gattung
ist, das seinen Vorrang vor dem der Individuen geltend macht; 3) die Magie.
Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich
auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja, ist durchaus nur
ein näher bestimmter, spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinne
individualisierter Geschlechtstrieb. Es ist keine Kleinigkeit, um
die es sich hier handelt. Der Endzweck aller Liebeshändel ist wirklich
wichtiger, als alle anderen Zwecke im Menschenleben und daher des tiefen
Ernstes womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch
entschieden wird, ist nichts Geringeres, als die Zusammensetzung der nächsten
Generation. Wie das Sein, die Existentia unserer Nachkommen durch unseren
Geschlechtstrieb überhaupt, so ist das Wesen, die Essentia derselben durch die
individuelle Auswahl bei seiner Befriedigung, d. i. die Geschlechtsliebe,
durchweg bedingt und wird dadurch unwiderruflich festgestellt.
Es handelt sich also in den Liebesangelegenheiten nicht, wie in allen
übrigen Angelegenheiten, um individuelles Wohl und Wehe, sondern um das Dasein
und die spezielle Beschaffenheit des Menschengeschlechts in künftigen Zeiten,
und daher tritt hier der Wille des Einzelnen in erhöhter Potenz, als Wille der
Gattung auf. Die künftige Generation, in ihrer ganzen individuellen
Bestimmtheit, ist es, die sich, mittelst des ganzen Treibens und Mühens
Verliebter um Erlangung des geliebten Gegenstandes, ins Dasein drängt. Ja, sie
selbst regt sich schon in der so umsichtigen, bestimmten und eigensinnigen
Auswahl zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, die man Liebe nennt.
Die Leidenschaft der Liebe hat unzählige Grade, deren beide Extreme man
als Αφροδιτη πανδημος und ουρανια bezeichnen mag; dem Wesen nach ist sie jedoch
überall die selbe. Hingegen dem Grade nach wird sie um so mächtiger sein, je
individualisierter sie ist. Die höchsten Grade entspringen aus derjenigen
Angemessenheit beider Individualitäten zu einander, vermöge welcher der
Charakter des Vaters und der Intellekt der Mutter, in ihrer Verbindung, gerade
dasjenige Individuum vollenden, nach welchem der Wille zum Leben als
Gattungswille eine das Maß eines sterblichen Herzens übersteigende Sehnsucht
empfindet. Je vollkommener die gegenseitige Angemessenheit zweier Individuen zu
einander in jeder der mannigfachen Rücksichten, die hier walten, ist, desto
stärker wird ihre gegenseitige Leidenschaft ausfallen.
Abonnieren
Posts (Atom)