Gedächtnis
Müßte irgend ein Mensch ein Tagebuch führen, so
müßte ich es, und zwar, um meinem Gedächtnis etwas zu Hilfe zu kommen. Nach
Verlauf von einiger Zeit geht es mir öfter so, dass ich völlig vergessen habe,
welche Gründe mich zu diesem oder jenem vermochten, und das gar nicht nur in
betreff geringfügiger Dinge, sondern der allerentscheidendsten Schritte. Fällt
mir dann der Beweggrund ein, so kann er mitunter so sonderbarer Art sein, dass
ich nicht einmal selbst es glauben mag, dieses sei der Grund gewesen. Ein solcher
Zweifel würde beseitigt, wenn ich irgend etwas Geschriebenes hätte, mich daran
zu halten. Ein Grund ist überhaupt ein sonderbares Ding. Sehe ich ihn mit
meiner vollen Leidenschaft an, so wächst er empor zu einer ungeheuren
Notwendigkeit, welche Himmel und Erde in Bewegung setzen kann; bin ich ohne
Leidenschaft, dann blicke ich höhnisch lächelnd auf ihn herab. - Ich habe nun
schon längere Zeit darüber spekuliert, welcher Grund mich eigentlich bewegen
hat, meine Adjunktur (d.h. das Lehreramt an einer gelehrten Schule)
niederzulegen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so kommt es mir vor, dass eine
derartige Anstellung just etwas für mich war. Heute ist mir ein Licht
aufgegangen: der Beweggrund war eben dieser, dass ich mich für diesen Posten
ganz besonders geschickt halten durfte. Wäre ich damals in meinem Amte
geblieben, so hätte ich alles einzusetzen und alles zu verlieren gehabt, nichts
zu gewinnen. Deshalb sah ich es als das Richtigste an, meinen Posten aufzugeben
und bei einer umherziehenden Schauspielergesellschaft ein Engagement zu suchen,
aus dem Grunde, weil ich kein Talent hatte und also alles zu gewinnen.