Concerning love, everything is true, everything is false; and it's the one thing about which people can't say something absurd.
Donnerstag, 20. August 2020
Mittwoch, 19. August 2020
Samstag, 15. August 2020
Sonntag, 2. August 2020
Wahrheit und Seligkeit
Zur Erkenntnis der Wahrheit bin ich vielleicht gekommen,
zur Seligkeit sicherlich nicht. Was soll ich tun? «In der Welt wirken!» so
antworten die Menschen. Sollte ich der Welt also mein Herzeleid mitteilen,
einen Beitrag zu dem Beweise liefern, wie traurig und jämmerlich alles ist,
vielleicht einen neuen Flecken im Menschenleben entdecken, der bisher
unbeachtet geblieben war? Ich könnte alsdann den seltenen Lohn einernten,
berühmt zu werden, gleich dem Manne, der die Flecken im Stern Jupiter entdeckt
hat. Ich ziehe es doch vor, zu schweigen.
Maren
Wie doch die menschliche Natur durchweg sich gleich
bleibt! Mit welcher angebornen Genialität kann oft ein kleines Kind uns in
lebendigem Bilde darstellen, was in den größern Lebensverhältnissen vor sich
geht. Heute amüsierte ich mich über den kleinen Ludwig. Da saß er in seinem
kleinen Stuhl; mit besonderem Behagen blickte er um sich. Da ging das
Kindermädchen Maren durch das Zimmer. »Maren!« rief er. »Ja, kleiner Ludwig,«
antwortete sie mit gewohnter Freundlichkeit und trat zu ihm. Er legte seinen
Kopf etwas auf die linke Seite, richtete auf sie seine großen Augen mit einer
gewissen Schelmerei und sagte danach ganz phlegmatisch: das sei nicht die
Maren; das sei eine andre Maren. Was tun wir Erwachsenen? Wir winken der ganzen
Welt; und ist sie uns nun freundlich entgegengekommen, dann sagen wir, das sei
nicht die Maren.
Sonntag, 26. Juli 2020
Lebensalter
Seltsam genug, immer ist es dasselbe, was durch
alle Lebensalter hindurch einen beschäftigt; und immer kommt man gleich weit,
oder vielmehr, man geht zurück. Als ich fünfzehn Jahre alt war, schrieb ich auf
dem Gymnasium mit vieler Salbung über die Beweise für Gottes Dasein und die
Unsterblichkeit der Seele, über den Begriff des Glaubens, über die Bedeutung
des Wunders. Für das examen artium
(vor meiner Immatrikulation) verfaßte ich eine Abhandlung über die
Unsterblichkeit der Seele, wofür mir das Zeugnis prae caeteris (nämlich laudabilis)
zu teil wurde. Später gewann ich durch eine Abhandlung über diese Materie den
Preis. Wer sollte glauben, dass ich, nach einem so soliden und
vielversprechenden Anfange, jetzt, in meinem 25. Jahre, dahin gekommen bin,
dass ich nicht einen einzigen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele zu
führen weiß. Lebhaft erinnere ich mich aus meinen Schuljahren, wie ein von mir
geschriebener Aufsatz über denselben Gegenstand von dem Lehrer außerordentlich
gerühmt und vorgelesen wurde, und zwar ebensosehr der Vortrefflichkeit des
Inhalts wie der Sprache wegen. Ach! ach! ach! Diesen Aufsatz habe ich schon
längst fortgeworfen. Welch ein Unglück! Vielleicht würde meine zweifelnde Seele
durch denselben zur Festigkeit gebracht worden sein, sowohl durch die
vortreffliche Sprache als den Inhalt. Daher ist es eben mein wohlgemeinter Rat
an Eltern, Vorgesetzte und Lehrer, den ihnen anvertrauten Jungen einzuschärfen,
die im fünfzehnten Jahre abgefaßten Aufsätze ja aufzubewahren. Diesen Rat zu
erteilen, ist das Einzige, was ich zum Besten der Menschheit zu tun vermag.
Kette
Was ist's, was mich fesselt? - Woraus war die Kette
geschmiedet, mit welcher der Fenriswolf gefesselt wurde? Sie war
zusammengeschweißt aus dem Geräusch, das die Füße des Katers machen, wenn er
über den Erdboden streicht, aus den Bärten der Weiber, den Wurzeln der Felsen,
der Streu des Bären, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. So bin
auch ich mit einer Kette gefesselt, die aus düsteren Einbildungen,
schreckhaften Träumen, unruhigen Gedanken, bangen Ahnungen, unerklärlichen
Beängstigungen geschmiedet ist. Diese Kette ist von sehr großer Geschmeidigkeit,
weich wie Seide, der stärksten Anspannung nachgebend und gar nicht zu
zerreißen.
Sonntag, 19. Juli 2020
Lachen
Sowie es, der Sage nach, dem (Pythagoräer)
Parmoniskus ging, welcher in der throphonischen Höhle die Fähigkeit zu lachen
verlor, aber auf Delos sie wiederbekam beim Anblick eines unförmlichen Klotzes,
welcher als Bildnis der Göttin Leto ausgestellt wurde, gerade so ist es mir
ergangen. Als ich sehr jung war, da verlernte ich in der throphonischen Höhle
das Lachen; als ich die Augen aufschlug und die Wirklichkeit betrachtete, da
fing ich an, zu lachen, und habe seit dieser Zeit hiermit nicht aufgehört. Ich
habe gesehen, dass die Bedeutung des Lebens darin besteht, ein Brot, eine
Verfolgung zu bekommen, das höchste Ziel darin, Justizrat zu werden; dass das
heiße Verlangen der Liebe darauf hinausgeht eine gute Partie zu machen; dass
der stetige Genuß der Freundschaft so viel heißt, als einander in
Geldverlegenheiten auszuhelfen; dass die Weisheit nichts weiter ist, als was
eben die meisten dafür gelten lassen; dass Begeisterung so viel heißt, als eine
Standrede zu halten; dass der Mut sich darin bewährt, es darauf zu wagen, dass
man in 10 Rbd. Mulkt verurteilt werde; dass Herzlichkeit bedeutet, nach einem
Diner zu einander: «Wohl bekomm's! gesegnete Mahlzeit!» zu sagen; die
Frömmigkeit darin, einmal im Jahre zum Abendmahl zu gehen. Das habe ich
gesehen, und ich lache.
Erinnerung
Für mich ist nichts gefährlicher, als - mich zu
erinnern. Habe ich mich irgend eines früheren Verhältnisses erinnert, so hat
das Verhältnis selbst aufgehört. Man sagt, dass Trennung dazu helfe, die Liebe
aufzufrischen. Das ist durchaus wahr; aber diese wird dadurch auf rein
poetische Art aufgefrischt. In der Erinnerung zu leben, ist das am meisten
vollendete Leben, das sich denken läßt. Die Erinnerung befriedigt reichlicher,
als alte Wirklichkeit, und sie hat eine Sicherheit, wie sie keiner Wirklichkeit
eigen ist. Ein in der Erinnerung fortlebendes Verhältnis ist schon in die
Ewigkeit übergegangen und hat kein zeitliches Interesse mehr.
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