Wer
aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen hat und daher
weiß, daß unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht wäre und welches zu
verneinen und abzuweisen die größte Weisheit ist, der wird auch von keinem
Dinge oder Zustand große Erwartungen hegen, nach nichts auf der Welt mit
Leidenschaft streben, noch große Klagen erheben über sein Verfehlen irgendeiner
Sache: sondern er wird von Plato's: Auch ist keine menschliche Angelegenheit es
wert, dass man sich sehr darum bemüht, durchdrungen sein.
Donnerstag, 30. Januar 2014
Freitag, 24. Januar 2014
Was
jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders erschwert, ist die
schon oben erwähnte Gleißnerei der Welt, welche man daher der Jugend früh
aufdecken sollte. Die allermeisten Herrlichkeiten sind bloßer Schein wie die
Theaterdekoration, und das Wesen der Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und
bekränzte Schiffe, Kanonenschüsse, Illumination, Pauken und Trompeten, Jauchzen
und Schreien usw.; dies alles ist das Aushängeschild, die Andeutung, die
Hieroglyphe der Freude: aber die Freude ist daselbst nicht zu finden: sie
allein hat beim Feste abgesagt.
Wo
sie sich wirklich einfindet, da kommt sie in der Regel ungeladen und
ungemeldet, und selbst und ohne Form, ja, still herangeschlichen, oft bei den
unbedeutendsten, futilsten Anlässen, unter den alltäglichsten Umständen, ja,
bei nichts weniger als glänzenden oder ruhmvollen Gelegenheiten: sie ist wie
das Gold in Australien, hierhin und dorthin gestreut, nach der Laune des
Zufalls, ohne alle Regel und Gesetz, meist nur in ganz kleinen Körnchen, höchst
selten in großen Massen. Bei allen jenen oben erwähnten Dingen hingegen ist der
Zweck bloß, andere glauben zu machen, hier wäre die Freude eingekehrt: dieser
Schein, im Kopfe anderer, ist die Absicht.
Nicht
anders als mit der Freude verhält es sich mit der Trauer. Wie schwermütig kommt
jener lange und langsame Leichenzug daher! der Reihe der Kutschen ist kein
Ende. Aber seht nur hinein: sie sind alle leer, und der Verblichene wird
eigentlich bloß von sämtlichen Kutschern der ganzen Stadt zu Grabe geleitet. Sprechendes
Bild der Freundschaft und Hochachtung dieser Welt! Dies also ist die
Falschheit, Hohlheit und Gleißnerei des menschlichen Treibens.
Freitag, 10. Januar 2014
Samstag, 21. Dezember 2013
Ein
anderes Beispiel wieder geben viele geladene Gäste in Feierkleidern, unter
festlichem Empfange; sie sind das Aushängeschild der edlen, erhöhten
Geselligkeit; aber statt ihrer ist in der Regel nur Zwang, Pein und Langeweile
gekommen: denn schon wo viele Gäste sind, ist viel Pack, – und hätten sie auch
sämtlich Sterne auf der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft nämlich ist,
überall und notwendig, sehr klein. Überhaupt aber tragen glänzende, rauschende
Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Mißton im Innern;
schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unseres Daseins laut
widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit. Jedoch von außen gesehen
wirkt jenes alles: und das war der Zweck.
Desgleichen
sind nun auch Akademien und philosophische Katheder das Aushängeschild, der
äußere Schein der Weisheit: aber auch sie hat meistens abgesagt und ist ganz wo
anders zu finden. – Glockengebimmel, Priesterkostüme, fromme Gebärden und
fratzenhaftes Tun ist das Aushängeschild, der falsche Schein der Andacht usw.
Sonntag, 8. Dezember 2013
Um die Liebe in
Atem zu halten, verordnete Lykurg, dass die Ehegatten sich nur
verstohlenerweise begehen sollten und das es für sie gleich schimpflich sein
solle, im Beilager angetroffen zu werden, wie für Unvermählte. Die
Schwierigkeit, sich ein Stelldichein zu geben, die Gefahr der Überraschung, die
Schande des folgenden Tags,
und das Schmachten,
das Schweigen, das Seufzen aus tiefster Brust,
das ist es, was der
Suppe die Würze gibt. Wie viele sehr unflätig ergötzliche Spiele entstehen aus
der züchtigen und verschämten Weise, von den Werken die Liebe zu sprechen. Die
Wollust selbst sucht sich durch den Schmerz aufzustacheln. Sie ist gar viel
süßer, wenn sie sengt und wenn sie kratzt.
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