Zunächst
erfordert jede Gesellschaft notwendig eine gegenseitige Accommodation und
Temperatur; daher wird sie, je größer, desto fader. Ganz er selbst sein darf
jeder nur so lange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der
liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei:
Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft, und jede fordert
Opfer, die umso schwerer fallen, je bedeutender die eigene Individualität ist.
Donnerstag, 17. Dezember 2015
Ferner,
je höher einer auf der Rangliste der Natur steht, desto einsamer steht er, und
zwar wesentlich und unvermeidlich. Dann aber ist es eine Wohltat für ihn, wenn
die physische Einsamkeit der geistigen entspricht: widrigenfalls dringt die
häufige Umgebung heterogener Wesen störend, ja, feindlich auf ihn ein, raubt
ihm sein Selbst und hat nichts als Ersatz dafür zu geben.
Sodann,
während die Natur zwischen Menschen die weiteste Verschiedenheit, im
Moralischen und Intellektuellen, gesetzt hat, stellt die Gesellschaft, diese
für nichts achtend, sie alle gleich, oder vielmehr sie setzt an ihre Stelle die
künstlichen Unterschiede und Stufen des Standes und Ranges, welche der Rangliste
der Natur sehr oft diametral entgegenlaufen. Bei dieser Anordnung stehen sich
die, welche die Natur niedrig gestellt hat, sehr gut; die wenigen aber, welche
sie hoch stellte, kommen dabei zu kurz; daher diese sich der Gesellschaft zu
entziehen pflegen und in jeder, sobald sie zahlreich ist, das Gemeine
vorherrscht.
Was
den großen Geistern die Gesellschaft verleidet, ist die Gleichheit der Rechte,
folglich der Ansprüche, bei der Ungleichheit der Fähigkeiten, folglich der
(gesellschaftlichen) Leistungen, der andern. Die sogenannte gute Societät läßt
Vorzüge aller Art gelten, nur nicht die geistigen, diese sind sogar
Kontrebande. Sie verpflichtet uns, gegen jede Torheit, Narrheit, Verkehrtheit,
Stumpfheit, grenzenlose Geduld zu beweisen; persönliche Vorzüge hingegen sollen
sich Verzeihung erbetteln, oder sich verbergen; denn die geistige Überlegenheit
verletzt durch ihre bloße Existenz, ohne alles Zutun des Willens.
Donnerstag, 26. November 2015
Demnach
hat die Gesellschaft, welche man die gute nennt, nicht nur den Nachteil, daß
sie uns Menschen darbietet, die wir nicht loben und lieben können, sondern sie
läßt auch nicht zu, daß wir selbst seien, wie es unserer Natur angemessen ist;
vielmehr nötigt sie uns, des Einklanges mit den anderen wegen, einzuschrumpfen,
oder gar uns selbst zu verunstalten. Geistreiche Reden oder Einfälle gehören
nur vor geistreiche Gesellschaft: in der gewöhnlichen sind sie geradezu
verhaßt; denn um in dieser zu gefallen, ist durchaus notwendig, daß man platt
und borniert sei.
In
solcher Gesellschaft müssen wir daher mit schwerer Selbstverleugnung
dreiviertel unserer selbst aufgeben, um uns den andern zu verähnlichen. Dafür
haben wir dann freilich die andern: aber je mehr eigenen Wert einer hat, desto
mehr wird er finden, daß hier der Gewinn den Verlust nicht deckt und das
Geschäft zu seinem Nachteil ausschlägt; weil die Leute, in der Regel, insolvent
sind, d. h. in ihrem Umgang nichts haben, das für die Langweiligkeit, die
Beschwerden und Unannehmlichkeiten desselben und für die Selbstverleugnung, die
er auflegt, schadlos hielte: demnach ist die allermeiste Gesellschaft so
beschaffen, daß, wer sie gegen die Einsamkeit vertauscht, einen guten Handel
macht.
Dazu
kommt noch, daß die Gesellschaft, um die echte, d. i. die geistige
Überlegenheit, welche sie nicht verträgt und die auch schwer zu finden ist, zu
ersetzen, eine falsche, konventionelle, auf willkürlichen Satzungen beruhende
und traditionell, unter den höheren Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die
Parole, veränderliche Überlegenheit, beliebig angenommen hat: diese ist, was
der gute Ton, le bon ton, genannt wird. Wenn sie jedoch einmal mit der
echten in Kollision gerät, zeigt sich ihre Schwäche. – Zudem: quand le bon ton arrive, le bon sens se
retire (Wo der gute Ton sich einstellt, zieht sich der gesunde Menschenverstand
zurück).
Samstag, 14. November 2015
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