Freitag, 28. Mai 2021

Die Mädchen gefallen mir nicht. Ihre Schönheit vergeht wie ein Traum und wie das Gestern, wenn es gewesen ist. Ihre Treue - ja, ihre Treue! Entweder sind sie treulos - nun, dem denke ich nicht weiter nach - oder sie sind treu. Gesetzt, ich träfe eine solche, dann würde sie mir gefallen, in anbetracht, dass sie eine Seltenheit sei. In anbetracht der Länge der Zeit würde sie mir nicht gefallen. Denn entweder bliebe sie beständig treu, und alsdann würde ich ja ein Opfer meiner experimentierenden Idee, sofern ich mit ihr aushalten müßte; oder es käme ein Zeitpunkt, wo sie aufhörte, es zu sein. Nun, dann hätte ich ja die alte Geschichte.

Horch, zwei wohlbekannte Violinstriche! Diese zwei Violinstriche, hier in diesem Augenblick, mitten auf der Straße! Habe ich den Verstand verloren? ist es mein eignes Ohr, welches aus Liebe zu Mozarts Musik schon aufgehört hat, zuzuhören? Ist es ein Geschenk der Götter an mich Unglücklichen, der wie ein Bettler an des Tempels Tür sitzt? ein Ohr, das selber vorträgt, was es selbst vernimmt? Nur diese zwei Violinstriche: denn jetzt höre ich nichts weiter. Sowie sie in jener unsterblichen Ouvertüre aus tiefen Choralklängen hervorbrechen, so arbeiten sie sich hier aus dem Gelärme der Straße hervor, mit der vollen überraschenden Kraft einer Offenbarung. - Es muß doch hier in der Nähe sein: denn jetzt höre ich deutlich die leichte Tanzmelodie. - Also, ihr seid's, das unglückliche Künstlerpaar, dem ich diese Freude verdanke. - Der eine von ihnen, etwa siebzehn Jahre alt, trug einen grünen Kalmucksrock, mit großen Hornknöpfen. Der Frack war für ihn viel zu groß. Er hielt die Violine dicht unter dem Kinn; die Mütze war tief in die Augen gedrückt; seine Hand war unter einem fingerlosen Handschuh versteckt, die Finger von der Kälte rot und blau. Der andre war älter; er hatte einen Kutschermantel an. Sie waren beide blind. Ein kleines Mädchen, vermutlich ihre Führerin, stand vor ihnen, steckte ihre Hände unter ihr Halstuch. Allmählich sammelten wir wenigen Bewunderer dieser Töne uns umher: ein Postbote mit seinen Briefpaketen, ein kleiner Junge, ein Dienstmädchen, ein paar Lastträger. Die herrschaftlichen Karossen rollten lärmend vorüber; die Lastwagen übertönten diese Musik, welche in einzelnen Tönen auftauchte. - Unglückliches Künstlerpaar, wisset, dass diese Töne alle Herrlichkeit der Welt in sich schließen. - War dies nicht wie eine Ratsversammlung?

Mittwoch, 26. Mai 2021

Wie leer und bedeutungslos ist das Leben! - Man begräbt einen Menschen, begleitet ihn zu Grabe, wirft drei Spaten voll Erde auf seinen Sarg. Dabei fährt man in der Kutsche hinaus, fährt in der Kutsche nach Haus, und tröstet sich damit, dass noch ein langes Leben vor einem liege. Wie lang ist es denn, wenn's auf 7×10 Jahre hinauskommt? Warum macht man's nicht lieber auf einmal ab? warum bleibt man nicht draußen und steigt mit hinab ins Grab, und wirft das Los darüber, wem das Unglück widerfahren soll, der Letztlebende zu sein, welcher die letzten drei Spatenwürfe besorge für den letzten Toten?

Sonntag, 23. Mai 2021

Ich war nie ein Mensch, das war von Geburt an mein Unglück; und dieses Unglück wurde durch meine Erziehung erst recht mein Unglück. Wenn man aber Kind ist – und die anderen Kinder spielen, scherzen, oder was sonst sie tun: da Geist zu sein, obgleich man Kind und Jüngling ist – fürchterliche Qual! … Ich habe keine Unmittelbarkeit gehabt und habe darum, einfach menschlich verstanden, nicht gelebt; mit Reflexion habe ich begonnen und nicht erst später ein wenig Reflexion gesammelt; ich bin eigentlich Reflexion von Anfang bis zuletzt. In den beiden Perioden der Unmittelbarkeit, als Kind und Jüngling, habe ich, um einen Ausweg nicht verlegen, wie das die Reflexion nie ist, mich mit einer nachgeahmten Jugendlichkeit beholfen und, über die mir vergönnte Gabe noch nicht klar, den Schmerz durchlitten, nicht wie die anderen zu sein.

Was mir eigentlich fehlt, ist ein Leib und leibliche Vorbedingungen. … Ich war nie wie die andern.

Dienstag, 4. Mai 2021

Der beste Beweis, den man für die Jämmerlichkeit des Daseins führt, ist derjenige, der von der Betrachtung seiner Herrlichkeit entnommen wird.

Meine Seele ist so schwer, dass kein Gedanke sie mehr tragen und aufrecht halten kann, dass kein Flügelschlag sie zum Äther emporhebt. Setzt sie sich in Bewegung, dann streicht sie nur am Boden hin, wie die Vögel in ihrem niedern Fluge, sobald es in den Lüften braust und ein Unwetter droht. Auf meinem Innern lastet eine Beklemmung, eine Angst, wie die Ahnung eines Erdbebens.

Freitag, 23. April 2021

Je n'ay point cette erreur commune de juger d'un autre selon que je suis. J'en croy aysément des choses diverses à moy. Pour me sentir engagé à une forme, je n'y oblige pas le monde, comme chascun fait; et croy, et conçois mille contraires façons de vie; et, au rebours du commun, reçoy plus facilement la difference que la ressemblance en nous. Je descharge tant qu'on veut un autre estre de mes conditions et principes, et le considere simplement en luy-mesme, sans relation, l'estoffant sur son propre modelle. Pour n'estre continent, je ne laisse d'advouer sincerement la continence des Feuillans et des Capuchins, et de bien trouver l'air de leur train: je m'insinue, par imagination, fort bien en leur place. Et si les ayme et les honore d'autant plus qu'ils sont autres que moy. Je desire singulierement qu'on nous juge chascun à part soy, et qu'on ne me tire en consequence des communs exemples. 
Ich habe nicht diesen gewöhnlichen Fehler, über andere nach mir selbst zu urteilen. Ich halte ihnen gerne Dinge zugute, die mir selbst fremd sind. Wenn ich mich selbst zu einem Verhalten verpflichtet fühle, so nötige ich es deshalb nicht der Welt auf, wie es jedermann tut; und anerkenne und begreife tausend sich widersprechende Lebensweisen; und im Gegensatz zum allgemeinen Brauch lasse ich leichter die Verschiedenheit als die Ähnlichkeit unter uns gelten. Ich erlasse, so viel man verlangt, einem anderen Wesen meine eigenen Lebensregeln und Grundsätze und betrachte es nur in sich selbst, ohne Beziehung auf anderes, und statte es nach seinem eigenen Bilde aus. Dass ich nicht enthaltsam bin, hindert mich nicht, die Enthaltsamkeit der Barfüsser und Kapuziner aufrichtig anzuerkennen und die art ihres Wandelns hoch zu schätzen: ich versetze mich in der Vorstellung sehr leicht an ihre Stelle. Und doch liebe und ehre ich sie um so mehr, als sie anders sind als ich. Ich wünsche inständig, dass man jeden von uns gesondert richte und mich nicht über den gemeinen Leisten schlage.