Ich
habe mehrmals erörtert, daß, während die
Thiere nur Gattungscharakter haben, dem Menschen allein der eigentliche
Individualcharakter zukommt. Jedoch ist in den Meisten nur wenig wirklich Individuelles:
sie lassen sich fast gänzlich nach Klassen sortiren. Ce sont des espèces. [Es
sind Stückproben.] Ihr Wollen und Denken, wie ihre Physiognomien, ist das der
ganzen Species, allenfalls der Klasse von Menschen, der sie angehören, und ist
eben darum trivial, alltäglich, gemein, tausend Mal vorhanden. Auch läßt
meistens ihr Reden und Thun sich ziemlich genau vorhersagen. Sie haben kein
eigenthümliches Gepräge: sie sind Fabrikwaare.
Sonntag, 12. März 2023
Samstag, 25. Februar 2023
Le philosophe, qui fait tout pour la vanité, a-t-il droit de mépriser le
courtisan, qui fait tout pour l'intérêt? Il me semble que l'un emporte les
louis d'or et que l'autre se retire content, après en avoir entendu le bruit.
D'alembert, courtisan de Voltaire par un intérêt de vanité, est-il bien
au-dessus de tel ou tel courtisan de Louis XIV, qui voulait une pension ou un
gouvernement?
Does a philosopher who does everything because of vanity have the right
to scorn a courtier who does everything because of self-interest? It seems that
the one carries away louis d'ors [valuable gold pieces] and the other rests
content after having heard the clatter. Is d'Alembert, who courted Voltaire out
of vanity, very much above this or that courtier of Louis XIV, who wanted a
pension or a government post?
Freitag, 24. Februar 2023
Freitag, 3. Februar 2023
Montag, 30. Januar 2023
Lebensalter
Seltsam
genug, immer ist es dasselbe, was durch alle Lebensalter hindurch einen
beschäftigt; und immer kommt man gleich weit, oder vielmehr, man geht zurück.
Als ich fünfzehn Jahre alt war, schrieb ich auf dem Gymnasium mit vieler
Salbung über die Beweise für Gottes Dasein und die Unsterblichkeit der Seele,
über den Begriff des Glaubens, über die Bedeutung des Wunders. Für das examen
artium (vor meiner Immatrikulation) verfaßte ich eine Abhandlung über
die Unsterblichkeit der Seele, wofür mir das Zeugnis prae caeteris (nämlich laudabilis) zu teil wurde. Später
gewann ich durch eine Abhandlung über diese Materie den Preis. Wer sollte
glauben, dass ich, nach einem so soliden und vielversprechenden Anfange, jetzt,
in meinem 25. Jahre, dahin gekommen bin, dass ich nicht einen einzigen Beweis
für die Unsterblichkeit der Seele zu führen weiß. Lebhaft erinnere ich mich aus
meinen Schuljahren, wie ein von mir geschriebener Aufsatz über denselben
Gegenstand von dem Lehrer außerordentlich gerühmt und vorgelesen wurde, und
zwar ebensosehr der Vortrefflichkeit des Inhalts wie der Sprache wegen. Ach!
ach! ach! Diesen Aufsatz habe ich schon längst fortgeworfen. Welch ein Unglück!
Vielleicht würde meine zweifelnde Seele durch denselben zur Festigkeit gebracht
worden sein, sowohl durch die vortreffliche Sprache als den Inhalt. Daher ist
es eben mein wohlgemeinter Rat an Eltern, Vorgesetzte und Lehrer, den ihnen
anvertrauten Jungen einzuschärfen, die im fünfzehnten Jahre abgefaßten Aufsätze
ja aufzubewahren. Diesen Rat zu erteilen, ist das Einzige, was ich zum Besten
der Menschheit zu tun vermag.
Mittwoch, 18. Januar 2023
Kette
Was ist's, was mich fesselt? - Woraus war die Kette
geschmiedet, mit welcher der Fenriswolf gefesselt wurde? Sie war
zusammengeschweißt aus dem Geräusch, das die Füße des Katers machen, wenn er
über den Erdboden streicht, aus den Bärten der Weiber, den Wurzeln der Felsen,
der Streu des Bären, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. So bin
auch ich mit einer Kette gefesselt, die aus düsteren Einbildungen,
schreckhaften Träumen, unruhigen Gedanken, bangen Ahnungen, unerklärlichen Beängstigungen
geschmiedet ist. Diese Kette ist von sehr großer Geschmeidigkeit, weich wie
Seide, der stärksten Anspannung nachgebend und gar nicht zu zerreißen.
Mittwoch, 11. Januar 2023
Lachen
Sowie es, der Sage nach, dem (Pythagoräer)
Parmoniskus ging, welcher in der throphonischen Höhle die Fähigkeit zu lachen
verlor, aber auf Delos sie wiederbekam beim Anblick eines unförmlichen Klotzes,
welcher als Bildnis der Göttin Leto ausgestellt wurde, gerade so ist es mir
ergangen. Als ich sehr jung war, da verlernte ich in der throphonischen Höhle
das Lachen; als ich die Augen aufschlug und die Wirklichkeit betrachtete, da
fing ich an, zu lachen, und habe seit dieser Zeit hiermit nicht aufgehört. Ich
habe gesehen, dass die Bedeutung des Lebens darin besteht, ein Brot, eine
Verfolgung zu bekommen, das höchste Ziel darin, Justizrat zu werden; dass das
heiße Verlangen der Liebe darauf hinausgeht eine gute Partie zu machen; dass
der stetige Genuß der Freundschaft so viel heißt, als einander in
Geldverlegenheiten auszuhelfen; dass die Weisheit nichts weiter ist, als was
eben die meisten dafür gelten lassen; dass Begeisterung so viel heißt, als eine
Standrede zu halten; dass der Mut sich darin bewährt, es darauf zu wagen, dass
man in 10 Rbd. Mulkt verurteilt werde; dass Herzlichkeit bedeutet, nach einem
Diner zu einander: »Wohl bekomm's! gesegnete Mahlzeit!« zu sagen; die
Frömmigkeit darin, einmal im Jahre zum Abendmahl zu gehen. Das habe ich gesehen,
und ich lache.