6) Das Erhabene und Komische in der
Geschlechtsliebe.
Das
Verliebtsein eines Menschen liefert oft komische, mitunter auch tragische
Phänomene; Beides, weil er, vom Geiste der Gattung in Besitz genommen, jetzt
von diesem beherrscht wird und nicht mehr sich selber angehört. Dadurch wird
sein Handeln dem Individuum unangemessen. Was, bei den höheren Graden des
Verliebtseins, seinen Gedanken einen so poetischen und erhabenen Anstrich,
sogar eine transzendente und hyperphysische Richtung gibt, vermöge welcher er
seinen eigentlichen, sehr physischen Zweck ganz aus den Augen zu verlieren
scheint, ist im Grunde Dieses, dass er jetzt vom Geiste der Gattung, dessen
Angelegenheiten unendlich wichtiger, als alle bloß individuellen sind, beseelt
ist. Das Gefühl, in Angelegenheiten von so transzendenter Wichtigkeit zu
handeln, ist es, was den Verliebten so hoch über alles Irdische, ja über sich
selbst emporhebt und seinen sehr physischen Wünschen eine so hyperphysische
Einkleidung gibt, dass die Liebe eine poetische Episode sogar im Leben des
prosaischsten Menschen wird; in welchem letzteren Falle die Sache bisweilen
einen komischen Anstrich gewinnt. — Der Verliebte sucht im Grunde nicht seine
Sache, sondern die eines Dritten, der erst entstehen soll; wiewohl ihn der Wahn
umfängt, als wäre was er sucht seine Sache. Aber gerade dieses
Nicht-seine-Sache-suchen, welches überall der Stempel der Größe ist, gibt auch
der leidenschaftlichen Liebe den Anstrich des Erhabenen und macht sie zum
würdigen Gegenstande der Dichtung. Freitag, 16. Februar 2018
Mittwoch, 31. Januar 2018
1) Worauf der Gegensatz zwischen dem
Eukolos und Dyskolos beruht.
Wie
im Erkennen, so ist auch im Gefühl des Leidens oder Wohlseins ein sehr großer
Teil subjektiv und a priori bestimmt. In jedem Individuum ist nämlich das Maß
des ihm wesentlichen Frohsinns oder Trübsinns durch seine Natur ein für alle
Mal bestimmt, welches Maß sich gleich bleibt, wie sehr auch die äußeren
Umstände wechseln mögen. Sein Leiden und Wohlsein ist demnach nicht von außen,
sondern eben nur durch jenes Maß, jene Anlage bestimmt, welche zwar durch das
physische Befinden einige Ab- und Zunahme zu verschiedenen Zeiten erfahren
kann, im Ganzen aber die selbe bleibt und nichts Anderes ist, als was man sein
Temperament oder seine Grundstimmung nennt. Auf der ursprünglichen
Verschiedenheit dieser beruht der Platonische Gegensatz zwischen dem Eukolos
und Dyskolos, d. i. zwischen dem, der leichten und dem, der schweren Sinnes
ist.
2) Entgegengesetztes Verhalten des Eukolos
und Dyskolos.
Nach
gleicher Möglichkeit des glücklichen und des unglücklichen Ausganges einer
Angelegenheit wird der Dyskolos beim unglücklichen sich ärgern, oder grämen,
beim glücklichen aber sich nicht freuen; der Eukolos hingegen wird über den
unglücklichen sich nicht ärgern, noch grämen, aber über den glücklichen sich
freuen. Wenn dem Dyskolos von zehn Vorhaben neun gelingen, so freut er sich
nicht über diese, sondern ärgert sich über das Eine misslungene; der Eukolos
weiß, im umgekehrten Fall, sich doch mit dem Einen gelungenen zu trösten und
aufzuheitern. Die Motive, auf welche der Selbstmord erfolgt, sind
beim Dyskolos und Eukolos sehr verschieden. Je größer die Dyskolie ist, ein
desto geringerer Anlass reicht hin, Lebensüberdruss und Selbstmord
herbeizuführen; je größer hingegen die Eukolie ist, desto mehr muss im äußeren
Anlass liegen, um zum Selbstmord zu bestimmen, die Schrecken des Todes zu
überwinden.
3) Vorzug des Dyskolos vor dem Eukolos.
Wie
nicht leicht ein Übel ohne alle Kompensation ist, so ergibt sich auch hier,
dass die Dyskoloi, also die finsteren und ängstlichen Charaktere im Ganzen zwar
mehr imaginäre, dafür aber weniger reale Unfälle und Leiden zu überstehen haben
werden, als die heiteren und sorglosen; denn wer Alles schwarz sieht, stets das
Schlimmste befürchtet und demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so
oft verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere Farbe und Aussicht
leiht. Montag, 8. Januar 2018
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