6) Das Erhabene und Komische in der
Geschlechtsliebe.
Das
Verliebtsein eines Menschen liefert oft komische, mitunter auch tragische
Phänomene; Beides, weil er, vom Geiste der Gattung in Besitz genommen, jetzt
von diesem beherrscht wird und nicht mehr sich selber angehört. Dadurch wird
sein Handeln dem Individuum unangemessen. Was, bei den höheren Graden des
Verliebtseins, seinen Gedanken einen so poetischen und erhabenen Anstrich,
sogar eine transzendente und hyperphysische Richtung gibt, vermöge welcher er
seinen eigentlichen, sehr physischen Zweck ganz aus den Augen zu verlieren
scheint, ist im Grunde Dieses, dass er jetzt vom Geiste der Gattung, dessen
Angelegenheiten unendlich wichtiger, als alle bloß individuellen sind, beseelt
ist. Das Gefühl, in Angelegenheiten von so transzendenter Wichtigkeit zu
handeln, ist es, was den Verliebten so hoch über alles Irdische, ja über sich
selbst emporhebt und seinen sehr physischen Wünschen eine so hyperphysische
Einkleidung gibt, dass die Liebe eine poetische Episode sogar im Leben des
prosaischsten Menschen wird; in welchem letzteren Falle die Sache bisweilen
einen komischen Anstrich gewinnt. — Der Verliebte sucht im Grunde nicht seine
Sache, sondern die eines Dritten, der erst entstehen soll; wiewohl ihn der Wahn
umfängt, als wäre was er sucht seine Sache. Aber gerade dieses
Nicht-seine-Sache-suchen, welches überall der Stempel der Größe ist, gibt auch
der leidenschaftlichen Liebe den Anstrich des Erhabenen und macht sie zum
würdigen Gegenstande der Dichtung. Freitag, 16. Februar 2018
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