Freitag, 16. Februar 2018


6) Das Erhabene und Komische in der Geschlechtsliebe.
Das Verliebtsein eines Menschen liefert oft komische, mitunter auch tragische Phänomene; Beides, weil er, vom Geiste der Gattung in Besitz genommen, jetzt von diesem beherrscht wird und nicht mehr sich selber angehört. Dadurch wird sein Handeln dem Individuum unangemessen. Was, bei den höheren Graden des Verliebtseins, seinen Gedanken einen so poetischen und erhabenen Anstrich, sogar eine transzendente und hyperphysische Richtung gibt, vermöge welcher er seinen eigentlichen, sehr physischen Zweck ganz aus den Augen zu verlieren scheint, ist im Grunde Dieses, dass er jetzt vom Geiste der Gattung, dessen Angelegenheiten unendlich wichtiger, als alle bloß individuellen sind, beseelt ist. Das Gefühl, in Angelegenheiten von so transzendenter Wichtigkeit zu handeln, ist es, was den Verliebten so hoch über alles Irdische, ja über sich selbst emporhebt und seinen sehr physischen Wünschen eine so hyperphysische Einkleidung gibt, dass die Liebe eine poetische Episode sogar im Leben des prosaischsten Menschen wird; in welchem letzteren Falle die Sache bisweilen einen komischen Anstrich gewinnt. — Der Verliebte sucht im Grunde nicht seine Sache, sondern die eines Dritten, der erst entstehen soll; wiewohl ihn der Wahn umfängt, als wäre was er sucht seine Sache. Aber gerade dieses Nicht-seine-Sache-suchen, welches überall der Stempel der Größe ist, gibt auch der leidenschaftlichen Liebe den Anstrich des Erhabenen und macht sie zum würdigen Gegenstande der Dichtung.

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