Sonntag, 10. November 2019

Bekanntlich sind die Sprachen, namentlich in grammatischer Hinsicht, desto vollkommener, je älter sie sind, und werden stufenweise immer schlechter, – vom hohen Sanskrit an bis zum englischen Jargon herab, diesem aus Lappen heterogener Stoffe zusammengeflickte Gedankenkleide. Diese allmähliche Degradation ist ein bedenkliches Argument gegen die beliebten Theorien unserer so nüchtern lächelnden Optimisten vom „stetigen Fortschritt der Menschheit zum Bessern“, wozu sie die deplorable Geschichte des bidepischen Geschlechts verdrehen möchten.

Mittwoch, 6. November 2019


Könnte man alle Schurken kastrieren und alle dummen Gänse ins Kloster stecken, den Leuten von edelem Charakter ein ganzes Harem beigeben, und allen Mädchen von Geist und Verstand Männer, und zwar ganze Männer, verschaffen, so würde bald eine Generation erstehen, die ein mehr als Perikleisches Zeitalter darstellte.

Die Verehrung, welche der gebildete große Haufe dem Genie zollt, artet, gerade so wie die, welche die Gläubigen ihren Heiligen widmen, gar leicht in läppischen Reliquiendienst aus. Wie Tausende von Christen die Reliquien eines Heiligen anbeten, dessen Leben und Lehre ihnen unbekannt ist; wie die Religion Tausender von Buddhisten viel mehr in der Verehrung des Dahtu (heiligen Zahns), ja, der ihn einschließenden Dagoba (Stupa), oder der heiligen Patra (Eßnapf), oder der versteinerten Fußstapfe, oder des heiligen Baumes, den Buddha gesät hat, besteht, als in der gründlichen Kenntnis und treuen Ausübung seiner hohen Lehre; so wird Petrarcas Haus in Arquà, Tassos angebliches Gefängnis in Ferrara, Shakespeares Haus in Stratfort, nebst seinem Stuhl darin, Goethes Haus in Weimar, nebst Mobilien, Kants alter Hut, imgleichen die respektiven Autographen, von vielen aufmerksam und ehrfurchtsvoll angegafft, welche die Werke der Männer nie gelesen haben. Sie können nun eben weiter nichts als gaffen.
Wie im alten deutschen Puppenspiel dem Kaiser, oder sonstigen Helden, alle Mal der Hanswurst beigegeben war, welcher alles, was der Held gesagt oder getan hatte, nachher in seiner Manier und mit Übertreibung wiederholte; so steht hinter dem großen Kant der Urheber der Wissenschaftslehre, richtiger Wissenschaftsleere. Wie dieser Mann seinen, dem deutschen philosophischen Publikum gegenüber ganz passenden und zu billigenden Plan, mittelst einer philosophischen Mystifikation Aufsehn zu erregen, um in Folge desselben seine und der seinigen Wohlfahrt zu begründen, vorzüglich dadurch ausführte, daß er Kant in allen Stücken überbot, als dessen lebendiger Superlativ auftrat und durch Vergrößerung der hervorstechenden Teile ganz eigentlich eine Karikatur der Kantischen Philosophie zu Stande brachte; so hat er dieses auch in der Ethik geleistet. In seinem System der Sittenlehre finden wir den kategorischen Imperativ herangewachsen zu einem despotischen Imperativ: Das absolute Soll, die gesetzgebende Vernunft und das Pflichtgebot haben sich entwickelt zu einem moralischen Fatum, einer unergründlichen Notwendigkeit, daß das Menschengeschlecht gewissen Maximen streng gemäß handle, als woran, nach den moralischen Anstalten zu urteilen, sehr viel gelegen sein muß, obwohl man nirgends eigentlich erfährt was.

Montag, 28. Oktober 2019


Es genügt nicht, geliebt, man muss gewürdigt werden, und man wird es nur durch unseresgleichen. Darum gibt es keine, zumindest keine dauerhafte Liebe bei zu grosser Überlegenheit eines Teils, und das geht nicht auf die Eitelkeit, sondern auf die durchaus berechtigte Eigenliebe zurück, die man sich unmöglich aus der menschlichen Natur wegdenken kann. Eitelkeit gehört zur schwachen und verdorbenen Natur, Eigenliebe aber zur geordneten.      

Ce n'est pas tout d'être aimé, il faut être apprécié, et on ne peut l'être que par ce qui nous ressemble. De là vient que l'amour n'existe pas, ou du moins ne dure pas, entre des êtres dont l'un est trop inférieur à l'autre; et ce n'est point là l'effet de la vanité, c'est celui d'un juste amour-propre dont il serait absurde et impossible de vouloir dépouiller la nature humaine. La vanité n'appartient qu'à la nature faible ou corrompue; mais l'amour-propre, bien connu, appartient à la nature bien ordonnée.

Being loved isn't everything, a person needs to be appreciated, and this can only be done by people who are similar to us. That is the reason why love doesn't exist, or at least doesn't endure, between two people, one of whom is too inferior to the other; and this is not the effect of vanity, but of a just pride which it would be absurd and impossible to want to strip from human nature. Vanity only belongs to a weak or corrupt nature; but pride, well known, belongs to ordained nature.  

Sonntag, 27. Oktober 2019

La pire de toutes les mésalliances est celle du cœur.     
The worst of all misalliances is that of hearts.   



Die schlimmste Mésalliance ist die des Herzens.