Wenn ein liebenswürdiger Mann aus Ehrgeiz den geringen Vorteil sucht, andern als seinen Freunden zu gefallen, wie es so viele Literaten tun, für die das Gefallen fast ein Gewerbe ist, so stecken sicher berechnende oder eitle Motive dahinter. Er muss wählen zwischen der Rolle einer Kurtisane und der einer Kokette, oder, wenn man so will, der des Komödianten. Nur wer sich bemüht, aus Neigung für eine bestimmte Gesellschaft liebenswürdig zu sein, kann als redlicher Mann gelten.
Mittwoch, 6. September 2023
Mittwoch, 30. August 2023
Donnerstag, 17. August 2023
Wie doch die menschliche Natur durchweg sich gleich
bleibt! Mit welcher angebornen Genialität kann oft ein kleines Kind uns in
lebendigem Bilde darstellen, was in den größern Lebensverhältnissen vor sich
geht. Heute amüsierte ich mich über den kleinen Ludwig. Da saß er in seinem
kleinen Stuhl; mit besonderem Behagen blickte er um sich. Da ging das
Kindermädchen Maren durch das Zimmer. »Maren!« rief er. »Ja, kleiner Ludwig,«
antwortete sie mit gewohnter Freundlichkeit und trat zu ihm. Er legte seinen
Kopf etwas auf die linke Seite, richtete auf sie seine großen Augen mit einer
gewissen Schelmerei und sagte danach ganz phlegmatisch: das sei nicht die
Maren; das sei eine andre Maren. Was tun wir Erwachsenen? Wir winken der ganzen
Welt; und ist sie uns nun freundlich entgegengekommen, dann sagen wir, das sei
nicht die Maren.
Dienstag, 15. August 2023
Zur
Erkenntnis der Wahrheit bin ich vielleicht gekommen, zur Seligkeit sicherlich
nicht. Was soll ich tun? »In der Welt wirken!« so antworten die Menschen.
Sollte ich der Welt also mein Herzeleid mitteilen, einen Beitrag zu dem Beweise
liefern, wie traurig und jämmerlich alles ist, vielleicht einen neuen Flecken
im Menschenleben entdecken, der bisher unbeachtet geblieben war? Ich könnte
alsdann den seltenen Lohn einernten, berühmt zu werden, gleich dem Manne, der
die Flecken im Stern Jupiter entdeckt hat. Ich ziehe es doch vor, zu schweigen.
Freitag, 4. August 2023
Unsre Zeit erinnert sehr an die Auflösungsperiode
des griechischen Staates: alles ist noch so, wie es vor alters war, aber keiner
glaubt's, daß es so bleibt. Das unsichtbare Geistesband ist verschwunden, daher
die ganze Zeit zugleich komisch und tragisch ist; tragisch, weil sie untergeht,
komisch, weil sie besteht; denn immer trägt doch das Unvergängliche das
Vergängliche, der Geist den Leib, und wär's möglich, daß ein Leichnam noch eine
Weile die gewohnten Funktionen ausführte, so würde das zugleich komisch und
tragisch sein. Aber laß die Zeit nur zehren; je mehr sie von dem substantiellem
Gehalt, der in der romantischen Liebe lag, aufgezehrt hat, um so größer wird
auch das Verderben sein, und man wird mit Schrecken und Verzweiflung sehen, wie
unglücklich man sich selber gemacht hat.
Donnerstag, 27. Juli 2023
Sonntag, 23. Juli 2023
Tod und Lebensfreude. - Man hängt am Leben anderer nur soweit, wie man am eigenen hängt. Man hängt am Leben nur, soweit es Freuden bietet. Ich verstehe jetzt, warum die Bauern ruhig sterben und mit Gemütsruhe die anderen sterben sehen. Ein Mann im Gefängnis wird Todesnachrichten aus der ganzen Welt ohne Erregung aufnehmen. Das ist auch die Ursache der militärischen Tapferkeit: das harte Leben des Feldzugs. Man schlägt sich nie tapferer, als wenn man eine Nacht im Biwak zugebracht hat. Man verachtet das eigene Leben sowie das der Gefährten; man langweilt sich.
Dienstag, 18. Juli 2023
Die Verfolgung der Freiheit. - Wollen Sie meine Prophezeiung wissen? Ich sage eine grausame Verfolgung aller selbständigen und freien Geister voraus. Und warum? Weil es notwendig ist, dass irgend jemand unrecht bekommt. Und niemand verführt alle Parteien so leicht dazu, ihm unrecht zu geben, wie ein abseits stehender Gelehrter mit wirklich viel Geist, der niemandem Vorteil bringt und niemandem etwas zuleide tut. Er muss unrecht haben, er ist an allem schuld. Man muss ihn verfolgen. Der Hof, die Parlamente, die Regierung, die Geistlichkeit, die Jesuiten, die Jansenisten, sie alle kommen auf ihre Rechnung. Das sagt mir mein Herz. Und mein Herz sieht oft sehr schwarz, aber nur selten falsch.
Reisen der Fürsten. - Fürsten langweilt das Reisen bald. Ihr Charakter wird ihnen zur Last, die sie bedrückt. Sind sie großmütig, so stürzen sie sich ins Unglück, geben sie weniger aus, so ist man verstimmt. Sie fühlen ihre Stellung zwischen Untergang und Verachtung, und diese Lage immer inmitten der Diebe und der Unzufriedenen ermüdet sie schließlich. Ich weiß nicht, welcher Dämon des Jahrhunderts den Fürsten einfallen lässt, sich den andern Völkern zu zeigen. Findet man sie besser als den eigenen Fürsten, so hinterlassen sie die unwürdigste Sehnsucht, findet man sie gleich oder sogar schlechter, so hinterlassen sie Niedergeschlagenheit und Verzweiflung im menschlichen Herzen. Manches ist nur im Wunsch schön. Die Liebe hat solche Schönheiten, und ich finde, auch die Tugend der Fürsten ist wie die Freude an einer Jungfernschaft. Es ist besser, sie sich vorzustellen als sie zu genießen.