Freitag, 26. Februar 2021

Zuvörderst sei hier erwähnt, daß die Griechen, so weit sie auch von der Christlichen und Hochasiatischen Weltansicht entfernt waren und entschieden auf dem Standpunkt der Bejahung des Willens standen, dennoch von dem Elend des Daseyns tief ergriffen waren. Dies bezeugt schon die Erfindung des Trauerspiels, welche ihnen angehört. Einen andern Beleg dazu giebt uns die, nachmals oft erwähnte, zuerst von Herodot (V, 4) erzählte Sitte der Thrakier, den Neugeborenen mit Wehklagen zu bewillkommnen, und alle Übel, denen er jetzt entgegengehe, herzuzählen; dagegen den Todten mit Freude und Scherz zu bestatten, weil er so vielen und großen Leiden nunmehr entgangen sei; welches in einem schönen, von Plutarch (De audiend. poët. in fine) uns aufbehaltenen Verse, so lautet:

 

Ton phynta thrênein, eis hos' erchetai kaka;

Ton d' au thanonta kai ponôn pepaumenon

Chairontas euphêmountas ekpempein domôn.

 

Lugere genitum, tanta qui intrarit mala:

At morte si quis finiisset miserias,

Hunc laude amicos atque laetitia exsequi.

Donnerstag, 25. Februar 2021

Nicht historischer Verwandtschaft, sondern moralischer Identität der Sache ist es beizumessen, daß die Mexikaner das Neugeborene mit den Worten bewillkommneten: »Mein Kind, du bist zum Dulden geboren: also dulde, leide und schweig«. Und dem selben Gefühle folgend hat Swift (wie Walter Scott in dessen Leben berichtet) schon früh die Gewohnheit angenommen, seinen Geburtstag nicht als einen Zeitpunkt der Freude, sondern der Betrübniß zu begehn, und an demselben die Bibelstelle zu lesen, in welcher Hiob den Tag bejammert und verflucht, an welchem es in seines Vaters Hause hieß: es sei ein Sohn geboren.

Bekannt und zum Abschreiben zu lang ist die Stelle in der Apologie des Sokrates, wo Plato diesen weisesten der Sterblichen sagen läßt, daß der Tod, selbst wenn er uns auf immer das Bewußtsein raubte, ein wundervoller Gewinn seyn würde, da ein tiefer, traumloser Schlaf jedem Tage, auch des beglücktesten Lebens, vorzuziehn sei.

Dienstag, 23. Februar 2021

Berühmt ist der schöne Vers des Theognis:

Archên men mê phynai epichthonioisin ariston,
Mêd' eisidein augas oxeos êeliou;
Phynta d' hopôs ôkista pylas Aidao perêsai,
Kai keisthai pollên gên epamêsamenon.

 

Optima sors homini natum non esse, nec unquam

Adspexisse diem, flammiferumque jubar.

Altera jam genitum demitti protinus Orco,

Et pressum multa mergere corpus humo.

Sophokles, im Oedipus zu Kolona (1225), hat folgende Abkürzung desselben:

Mê phynai ton hapanta ni-

ka logon; to d' epei phanê,

bênai keithen, hothen per hêkei,

poly deuteron, hôs tachista.

 

Natum non esse sortes vincit alias omnes: proxima autem est, ubi quis in lucem editus fuerit, eodem redire, unde venit, quam ocissime.

Dienstag, 16. Februar 2021

Euripides sagt:

Pas d' odynêros bios anthrôpôn,

K' ouk esti ponôn anapausis.

 

Omnis hominum vita est plena dolore,

Nec datur laborum remissio.

Mittwoch, 10. Februar 2021

Und hat es doch schon Homer gesagt:

 Ou men gar ti pou estin oizyrôteron andros

Pantôn, hossa de gaian epi pneei te kai herpei.

 

Non enim quidquam alicubi est calamitosius homine

Omnium, quotquot super terram spirantque et moventur.

 

Denn kein anderes Wesen ist jammervoller auf Erden,

Als der Mensch, von allem, was Leben haucht und sich reget.

(Il. XVII, 446.)

Selbst Plinius sagt: Quapropter hoc primum quisque in remediis animi sui habeat, ex omnibus bonis, quae homini natura tribuit, nullum melius esse tempestiva morte. (Hist. nat. 28, 2.)

 

Shakespeare legt dem alten König Heinrich IV. die Worte in den Mund:

O heaven! that one might read the book of fate,
And see the revolution of the times,
– – – – – how chances mock,
And changes fill the cup of alteration
With divers liquors! O, if this were seen,
The happiest youth, – viewing his progress through,
What perils past, what crosses to ensue, –
Would shut the book, and sit him down and die.

 

O, könnte man im Schicksalsbuche lesen,

Der Zeiten Umwälzung, des Zufalls Hohn

Darin ersehn, und wie Veränderung

Bald diesen Trank, bald jenen uns kredenzet, –

O, wer es säh! und wär's der frohste Jüngling,

Der, seines Lebens Lauf durchmusternd,

Das Ueberstandene, das Drohende erblickte, –

Er schlüg' es zu, und setzt' sich hin, und stürbe.


Freitag, 5. Februar 2021

Endlich Byron:

 

Count o'er the joys thine hours have seen,
Count o'er thy days from anguish free,
And know, whatever thou hast been,
'Tis something better not to be.

 

Überzähle die Freuden, welche deine Stunden gesehn haben; überzähle die Tage, die von Angst frei gewesen; und wisse, daß, was immer du gewesen seyn magst, es etwas Besseres ist, nicht zu seyn.