Donnerstag, 29. Februar 2024

 

Bin ich blind geworden? Hat das innere Auge der Seele seine Kraft verloren? Ich habe sie gesehen, aber es ist mir, als hätte ich eine himmlische Offenbarung gesehen, so ganz ist ihr Bild mir wieder entschwunden. Vergebens suche ich mir dasselbe vorzuzaubern. Unter Hunderten würde ich sie wiedererkennen. Aber nun ist sie fort, und das Auge meiner Seele sucht sie mit seiner Sehnsucht vergebens zu erreichen. – Ich ging auf der »Langenreihe«, wie es schien, ohne auf meine Umgebung zu achten, obgleich mein spähender Blick nichts unbemerkt ließ – da sah ich sie plötzlich. Ich starrte sie an, und doch habe ich nichts gesehen, weil ich zu viel sah. Das einzige, was ich behalten habe, ist – der grüne Mantel, den sie trug. Sie war in Begleitung einer ältern Dame; ich denke mir, ihrer Mutter. Diese letztere kann ich genau beschreiben, obgleich ich sie eigentlich gar nicht angesehen habe, höchstens en passant. So geht's. Das Mädchen hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und sie habe ich vergessen; die andre hat seinen Eindruck auf mich gemacht, und ihr Bild steht lebendig vor meiner Seele.

 

Kaum kenne ich mich selbst wieder. Mein Herz braust wie ein empörtes Meer im Sturm der Leidenschaft. Wenn ein andrer meine Seele in diesem Zustande sehen könnte, würde es ihm scheinen, als bohrte sich ein kleines Schiff mit seiner Spitze ins Meer, wie wenn es in seiner schrecklichen Fahrt in den Abgrund stürzen müßte. Er sieht nicht, daß droben im Mast ein Matrose sitzt und ausschaut. Braust nur, ihr wilden Kräfte, ob auch die Wogen der Leidenschaft den Schaum gegen die Wolken spritzen, über meinem Haupte schlagt ihr doch nicht zusammen; ich sitze ruhig da wie der Felsenkönig.

 

Wie ein Wasservogel suche ich mich vergebens im empörten Meer meines Gemütes herabzulassen, und doch ist solcher Aufruhr mein Element, ich baue darauf, wie die Alcedo ispida ihr Nest auf dem Meere baut.

Sonntag, 25. Februar 2024

 

Man muß sich beschränken können, das ist für allen Genuß sehr wichtig. Fast scheint's, als sähe und hörte ich so bald nichts wieder von dem Mädchen, das meine Seele und alle meine Gedanken erfüllt. Ich will mich ganz ruhig verhalten; auch diese dunkle und unbestimmte, aber doch so starke Gemütsbewegung hat ihren Zauber. Ich habe immer gern während einer mondhellen Nacht auf einem oder dem andern unsrer herrlichen Seen in einem Boot gelegen. Dann ziehe ich die Segel ein, nehme die Ruder auf, lege mich so lang wie ich bin ins Boot und schaue hinauf zum Himmel. Wenn die Wellen das Boot an ihrem Busen einwiegen, wenn die Wolken vor dem Winde treiben, daß der Mond einen Augenblick verschwindet und sich dann wieder zeigt, so finde ich Ruhe in dieser Unruhe; die Wellen schläfern mich ein, ihr Rauschen ist ein eintöniges Wiegenlied, der Wolken rasche Fahrt, der Wechsel von Licht und Schatten berauscht mich, und wachend träume ich. So lege ich mich auch jetzt hin, ziehe die Segel ein, die Ruder auf und lasse mich von Sehnsucht und ungeduldiger Erwartung hin und her treiben; der Himmel der Hoffnung wölbt sich über mir, ihr Bild schwebt unbestimmt wie der Mond an mir vorüber. Welch ein Genuß!

Die Tage gehen hin, einer nach dem andern, und immer und überall suche ich sie. Das macht mich oft verdrießlich, umnachtet meinen Blick, stört mich in meinem Genuß. Nun kommt ja bald die schöne Zeit, da man im öffentlichen Leben auf den Straßen aufkauft, was man während des Winters in dem gesellschaftlichen Leben sich teuer genug bezahlen läßt; denn ein junges Mädchen kann vieles vergessen, aber niemals eine Situation. Das gesellschaftliche Leben bringt einen wohl mit dem schönen Geschlecht in Berührung, aber es hat keine Art, wenn man da die Geschichte anfangen soll. In den Salons ist jedes junge Mädchen bewaffnet, die Situation ist arm, toujours le même, aber auf der Straße ist sie auf offnem Meere, da wirkt alles viel kräftiger, weil alles rätselhafter ist. Ich gebe für das Lächeln eines jungen Mädchens in einer Straßensituation hundert Thaler, aber keine zehn für einen Druck der Hand im Salon.



 

Verdammter Zufall! Niemals habe ich dich verflucht, weil du dich zeigtest, ich verfluche dich, weil du dich gar nicht zeigst. Oder ist's vielleicht eine neue Entdeckung von dir, du unbegreifliches Wesen, unfruchtbare Mutter von allem, her einzige Heft, der dir aus jener Zeit übrig blieb, da die Notwendigkeit die Freiheit gebar, und die Freiheit wieder so thöricht war, in den Mutterschoß zurückzukehren? Verdammter Zufall! Du einziges Wesen, das die hohe Ehre hat, zugleich mein Alliierter und mein Feind zu sein, immer unbegreiflich, immer ein Rätsel! Du, den ich mit der ganzen Sympathie meiner Seele liebe, in dessen Bild ich mich selber schaffe, weshalb erscheinst du nicht? Ich komme nicht als Bettler, der dich demütig ansteht, du möchtest dich mir zeigen – nein, ich fordere dich zum Streit heraus. Warum kommst du nicht? Oder ist dein Rätsel gelöst, daß auch du dich in das Meer der Ewigkeit gestürzt hast? Verdammter Zufall, ich erwarte dich. Oder meinst du, ich wäre deiner nicht wert? Wie eine Bajadere zur Ehre ihres Gottes tanzt, so habe ich mich deinem Dienst geweiht. Überrasche mich, ich bin bereit – laß uns um die Ehre kämpfen. Zeige sie mir, ob auch unter dem Schatten des Hades; ich will sie heraufholen, mag sie mich hassen, mich verachten, einen andern lieben und mir mit kalter Gleichgültigkeit begegnen, ich fürchte mich nicht; aber bewege das Wasser, laß es nicht so schrecklich ruhig sein. Schämst du dich nicht, mich so auszuhungern, und bildest dir ein, du wärest stärker als ich?

Dienstag, 20. Februar 2024

 

Der Frühling ist da, die Mäntel werden weggelegt, vermutlich auch mein grüner Mantel. Das kommt davon, wenn man ein Mädchen auf der Straße kennen lernt und nicht im Salon, wo man gleich erfährt, wie sie heißt, zu welcher Familie sie gehört, wo sie wohnt und ob sie verlobt ist – letzteres eine höchst wichtige Nachricht für alle ehrbaren Freier, denen es niemals einfällt, sich in die Braut eines andern zu verlieben. Ein solcher Ritter würde in tödliche Verlegenheit kommen, wenn er wie ich eine Geliebte fände und erführe, sie sei verlobt! Das kümmert mich nun gerade nicht sehr. Eine Verlobte ist nur eine komische Schwierigkeit. Ich fürchte weder komische noch tragische, nur langweilige Schwierigkeiten.

Samstag, 10. Februar 2024

 

Aber vielleicht wohnt sie gar nicht in der Stadt, vielleicht ist sie vom Lande, vielleicht, vielleicht – ja zum Teufel mit dem Vielleicht; es macht mich rasend! Ich habe immer Geld liegen, um eine Reise antreten zu können; vergebens suche ich sie im Theater, in Konzerten, auf Bällen, Promenaden, und gewissermaßen freut es mich, daß ich sie da nicht finde; denn ein Mädchen, das daran seine höchste Freude hat, ist's nicht wert, daß man um sie kämpft; ihr fehlt dann oft jene Ursprünglichkeit, die für mich doch die conditio sine qua non ist.

Freitag, 9. Februar 2024

 

Dank dir, guter Zufall, tausend Dank! Stolz war sie, geheimnisvoll und gedankenreich wie eine Edeltanne. Die Buche hat eine Krone, ihre Blätter erzählen von dem, was sie gesehen und gehört hat; die Tanne hat keine Krone, keine Geschichte, ist sich selber ein Rätsel – so war sie. Eine tiefe Wehmut sprach aus ihrer ganzen Erscheinung; als ich sie sah, war mir's, als hörte ich eine wilde Taube gurren. Ein Rätsel war sie, und was sind die Geheimnisse aller Diplomaten gegen dieses Rätsel, und was ist so schön wie das Wort, das dieses löst? Wie der Reichtum der Seele ein Rätsel ist, solange das Band der Zunge nicht gelöst ist, so ist auch ein junges Mädchen ein Rätsel. – – – Dank, guter Zufall, tausend Dank! Hätte ich sie im Winter gesehen, so würde die rauhe Natur in ihr die eigne Schönheit vermindert haben; aber nun, o welches Glück! Ich sah sie zum erstenmal in der schönsten Zeit des Jahres, im Lenz, an einem Abend, als die Sonne schon untergehen wollte.

Samstag, 20. Januar 2024

 To Madame d'Epinay, Naples, 31 August, 1771

 
You, my dear lady, have done me a terrible wrong. I saw that a big package arrived from you; I enjoyed the thought of it in advance; I imagined the longest letter in the world, and instead of finding that you wrote me, I found that you had transcribed a selection from Voltaire to send to me. To avenge myself, I may transcribe a selection from my prayer book to send you. I admit that the bit about curiosity from Voltaire is superb, sublime, new, and true. I admit also that he would be right in everything if he didn't forget that curiosity is a passion, or, if you like, a feeling excited in us once we feel a perfect secuirty and don't occupy ourselves anymore with ourselves: that is the origin of all spectacles... (skipping over some)... it's a feeling particular to man, unique in him, which he has in common with no other animal. Animals don't have quite the same idea. Do in front of a troupe of sheep anything you want; if you don't touch them, they're not interested in you. If animals give some sign of curiosity, it's because they are frightened, and nothing else. One can frighten animals, one cannot make them curious. However, according to what I said, fear is opposed to curiosity. If curiosity is impossible for animals, a curious human being is therefore more of a human being than a non-curious one: and this is in fact true. Newton was so curious that he looked for the cause of the movement of the moon, the sea, etc.. The most curious people therefore are more human than other people. That is the most beautiful praise that has ever been made of the idlers in Paris. This idea is profound, and I haven't the time to detail it to you. Without a doubt, Voltaire didn't have to write as fast in his article on curiosity. He wrote better, because he knows his language; but if you want to take the pains to develop what I've scrawled, you will find a great piece of the human heart; man, the curious animal; man, susceptible to spectacles. Nearly all the sciences are only curiosities, and the key to everything is a base of safety and a situation without suffering in the curious animal... (skipping over a few sentences where he asks her to say hello to friends)... Good night, I am short on time. I embrace you.