Ein geschmackvoller Autor inmitten dieses
blasierten Publikums gleicht einer jungen Frau unter alten Lebemännern.
PART OF THE “QUID AUTEM ISTA LOQUOR” PROJECT
Man frage mich, was man will! Nur frage man mich nicht nach Gründen. Einem jungen Mädchen vergibt man es, daß sie keine Gründe anzugeben weiß. »Sie lebt in Gefühlen«, heißt es. Anders mit mir. Im allgemeinen habe ich so viele und meistens einander widersprechende Gründe, daß es aus diesem Grunde mir unmöglich ist, Gründe anzugeben. Auch was Ursache und Wirkung betrifft, so will es mir scheinen, daß die eine mit der andern nicht zusammenhängt. Bald geht aus ungeheuren und gewaltigen Ursachen eine sehr geringfügige, eine unansehnlich kleine Wirkung hervor, zuweilen gar keine; bald erzeugt eine winzig kleine Ursache eine kolossale Wirkung.
Zu gewissen Zeiten möchte ich allerdings
einen Ballsaal mit seinem kostbaren Luxus und dem unbezahlbaren Überfluß von
Tugend und Schönheit, mit feinem mannigfachen Spiel so vieler Kräfte nicht
entbehren; aber ich genieße da nicht so sehr, sondern schwelge mehr nur in der
Möglichkeit des Genusses. Da fesselt nicht eine einzelne Schönheit, sondern die
Totalität; ein Traumbild schwebt an einem vorüber, in welchem all jene
weiblichen Wesen sich durcheinander konfigurieren, und alle diese Bewegungen
suchen etwas, sie suchen Ruhe in einem einzigen Bilde, das nicht gesehen wird.
Es war auf dem Wege, der zwischen dem
nördlichen und östlichen Thore liegt. Die Uhr war ungefähr halb
sieben. Die Sonne hatte ihre Kraft verloren, nur die Erinnerung an dieselbe
leuchtete aus dem milden Abendrot, das die Landschaft purpurn färbte. Die Natur
atmete freier. Der See war klar wie ein Spiegel, der Himmel rein, nur hier und
da eine leichte Wolke. Kein Blatt rührte sich. – –
Sie war es. Mein Auge hat mich nicht
betrogen, aber obgleich ich mich so lange auf diese Stunde vorbereitet hatte,
konnte ich doch einer gewissen Unruhe nicht Herr werden. Sie war allein,
offenbar nicht mit sich selber, sondern mit ihren eignen Gedanken beschäftigt.
Sie dachte nicht, aber die Gedanken hatten ein Bild der Sehnsucht vor ihre
Seele gezaubert, ahnungsvoll und unerklärlich wie die Seufzer eines jungen
Mädchens. Sie war beschäftigt, nicht mit sich selber, sondern in sich selber;
und diese innere Arbeit ihrer Seele war ein unendlicher Friede, eine tiefe Ruhe
in sich selber. Das ist der Reichtum eines jungen Mädchens, und wenn man diesen
Reichtum in sich aufnimmt, wird man selber reich. Sie ist reich, obgleich sie
selber nicht weiß, daß sie etwas besitzt; sie ist reich, sie ist ein Schatz.
Ein stiller Friede ruhte auf ihr und ein Schatten leiser Wehmut verklärte ihr
Gesicht. Sie war leicht wie Psyche, von der es heißt, daß die Genien sie
forttrugen, ja noch leichter war sie; denn sie trug sich selber. Mögen die
Lehrer der Kirche über die Himmelfahrt der Madonna streiten, mir ist's nicht
unbegreiflich, denn sie gehörte der Welt nicht mehr an; aber die Leichtigkeit
eines jungen Mädchens ist unbegreiflich. –
Sie bemerkte nichts und glaubte deshalb
auch unbemerkt zu sein. Ich ging in einiger Entfernung und verschlang ihr Bild.
Langsam ging sie vorwärts, keine eilende Hast störte ihren Frieden oder die
Ruhe der Umgebung. Am See saß ein Knabe und fischte; sie blieb stehen,
betrachtete den Spiegel des Wassers und den Kork an der Angelschnur. Sie war
nicht rasch gegangen, schien aber doch warm geworden zu sein, und löste ein
kleines Tuch, das sie unter dem Shawl um den Hals gebunden hatte. Der Knabe war
offenbar nicht gerade davon erbaut, daß er beobachtet wurde, und schaute sich
mit einem ziemlich phlegmatischen Blick nach ihr um. Der kleine Bursche sah in
der That komisch aus, und ich kann's ihr nicht verdenken, daß sie über ihn
lachen mußte. Wie kindlich lachte sie! Wäre sie mit dem Knaben
allein gewesen, so hätte sie sich – glaube ich – nicht gefürchtet, den Kampf
mit ihm aufzunehmen. Ihr Auge war groß und glänzend; wenn man in dasselbe
hineinschaute, hatte es einen dunkeln Glanz, der keine unendlichen Tiefen ahnen
ließ; es war rein und unschuldig, mild und ruhig, voller Schelmerei, als sie
lächelte.