Samstag, 19. Februar 2022

Bei einem unglücklichen Ereignis, welches bereits eingetreten, als nicht mehr zu ändern ist, soll, man sich nicht einmal den Gedanken, daß dem anders sein könnte, noch weniger den, wodurch es hätte abgewendet werden können, erlauben: denn gerade er steigert den Schmerz ins Unerträgliche; so daß man damit zum Sichselbstpeinigenden wird. Vielmehr mache man es wie der König David, der, so lange sein Sohn krank daniederlag, der Jehova unablässig mit Bitten und Flehen bestürmte; als er aber gestorben war, ein Schnippchen schlug und nicht weiter daran dachte. Wer aber dazu nicht leichtsinnig genug ist, flüchte sich auf den fatalistischen Standpunkt, indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht, daß alles, was geschieht, notwendig eintritt, also unabwendbar ist.

Bei allen dem ist diese Regel einseitig; Sie taugt zwar zu unserer unmittelbaren Erleichterung und Beruhigung bei Unglücksfällen: allein wenn an diesen, wie doch meistens, unsere eigene Nachlässigkeit oder Verwegenheit, wenigstens zum Teil schuld ist, so ist die wiederholte schmerzliche Überlegung, wie dem hätte vorgebeugt werden können, zu unserer Witzigung und Besserung also für die Zukunft, eine heilsame Selbstzüchtigung. Und gar offenbar begangene Fehler sollen wir nicht, wie wir doch pflegen, vor uns selber zu entschuldigen oder zu beschönigen oder zu verkleinern suchen, sondern sie uns eingestehen und in ihrer ganzen Größe deutlich uns vor Augen bringen, um den Vorsatz, sie künftig zu vermeiden, fest fassen zu können. Freilich hat man sich dabei den großen Schmerz der Unzufriedenheit mit sich selbst anzutun: aber der Mensch wird nicht erzogen, ohne daß er gestraft wird.

Freitag, 28. Januar 2022

Calderón. – Denn des Menschen grösste Sünde ist, dass er geboren ward. 

Dienstag, 25. Januar 2022

Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Eynem seyn soll, da man sie bisher trennte so fälschlich als den Menschen in Seele und Körper. Das Werk wächst, concrescirt allmählig und langsam wie das Kind im Mutterleibe: ich weiß nicht was zuerst und was zulezt entstanden ist, wie beym Kind im Mutterleibe: ich der ich hier sitze und den meine Freunde kennen, begreife das Entstehn des Werks nicht, wie die Mutter nicht das des Kindes in ihrem Leibe begreift.

Montag, 24. Januar 2022

Zufall, Beherrscher dieser Sinnenwelt! lass mich leben und Ruhe haben noch wenige Jahre! denn ich liebe mein Werk wie die Mutter ihr Kind: wann es reif und geboren sein wird; dann übe dein Recht an mir und nimm Zinse des Aufschubs. 

Freitag, 21. Januar 2022

Die Menschen bedürfen der Tätigkeit nach außen, weil sie keine nach innen haben. Hieraus ist die Rastlosigkeit und zwecklose Reisesucht der Unbeschäftigten zu erklären. Was sie so durch die Länder jagt, ist die Langeweile.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Auf Reisen, wo das Merkwürdige jeder Art sich drängt, ist die Geistesnahrung von Außen allerdings oft so stark, dass Zeit zur Verdauung fehlt. Man bedauert, dass die schnell vorübergehenden Eindrücke keine dauernde Spur hinterlassen können. Im Grunde aber ist es damit, wie mit dem Lesen. Wie oft bedauert man nicht, von dem, was man liest, kaum ein Tausendstel im Gedächtnis aufbehalten zu können; aber das Tröstliche in beiden Fällen ist, dass das Gesehene, wie das Gelesene, seinen Eindruck auf den Geist macht, ehe es vergessen wird, so den Geist bildet und ihm zur Nahrung wird, während das nur im Gedächtnis Aufbehaltene ihn bloß ausstopft und bläht, sein Wesen hingegen leer lässt. 
Mit Recht schätzt Plato das Greisenalter glücklich, sofern es den bis dahin uns unablässig beunruhigenden Geschlechtstrieb endlich los ist. Sogar ließe sich behaupten, dass der Mensch erst nach Erlöschen des Geschlechtstriebes ganz vernünftig wird. Gewiss aber ist, dass die Melancholie der Jugend mit von der dämonischen Herrschaft des Geschlechtstriebes herrührt, die Heiterkeit des Alters dagegen die Heiterkeit Dessen ist, der eine lange getragene Fessel los ist und sich nun frei bewegt. - Andererseits jedoch ließe sich sagen, dass nach erloschenem Geschlechtstrieb der eigentliche Kern des Lebens verzehrt und nur noch die Schale desselben vorhanden sei. 

Freitag, 31. Dezember 2021

Wir sind nicht stark genug, unserer ganzen Einsicht zu folgen.

Nous n'avons pas assez de force pour suivre toute notre raison.