Ebenfalls würden wir die Gegenwart besser würdigen und
genießen, wenn wir in guten und gesunden Tagen, uns stets bewußt wären, wie in
Krankheiten, oder Betrübnissen, die Erinnerung uns jede schmerz- und
entbehrungslose Stunde als unendlich beneidenswert, als ein verlorenes
Paradies, als einen verkannten Freund vorhält. Aber wir verleben unsere schönen
Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene
zurück. Tausend heitere, angenehme Stunden lassen wir, mit verdrießlichem
Gesicht, ungenossen an uns vorüberziehen, um nachher, zur trüben Zeit, mit
vergeblicher Sehnsucht ihnen nachzuseufzen. Statt dessen sollten wir jede
erträgliche Gegenwart, auch die alltägliche, welche wir jetzt so gleichgültig
herüberziehen lassen, und wohl gar noch ungeduldig nachschieben, – in Ehren
halten, stets eingedenk, daß sie eben jetzt hinüberwallt in jene Apotheose der
Vergangenheit, woselbst sie fortan, vom Lichte der Unvergänglichkeit umstrahlt,
vom Gedächtnisse aufbewahrt wird, um, wann dieses einst, besonders zur
schlimmen Stunde, den Vorhang lüftet, als ein Gegenstand unserer innigen
Sehnsucht sich darzustellen.
Sonntag, 1. März 2015
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