Je mehr nun aber einem die Furcht Ruhe läßt, desto mehr
beunruhigen ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprüche. Goethes so beliebtes
Lied: »ich hab mein' Sach auf nichts gestellt«, besagt eigentlich, daß erst
nachdem der Mensch aus allen möglichen Ansprüchen herausgetrieben und auf das
nackte, halbe Dasein zurückgewiesen ist, er derjenigen Geistesruhe teilhaftig
wird, welche die Grundlage des menschlichen Glückes ausmacht, indem sie nötig
ist, um die Gegenwart, und somit das ganze Leben, genießbar zu finden. Zu eben
diesem Zwecke sollten wir stets eingedenk sein, daß der heutige Tag nur einmal
kommt und nimmer wieder. Aber wir wähnen, er komme morgen wieder: morgen ist
jedoch ein anderer Tag, der auch nur einmal kommt Wir aber vergessen, daß jeder
Tag ein integrierender und daher unersetzlicher Teil des Lebens ist, und
betrachten ihn vielmehr als unter demselben so enthalten, wie die Individuen
unter dem Gemeinbegriff. –
Sonntag, 1. März 2015
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