Einsamkeit
ist das Los aller hervorragenden Geister: sie werden solche bisweilen
beseufzen; aber stets sie als das kleinere von zwei Übeln erwählen. Mit
zunehmendem Alter wird jedoch das: sapere
aude, wage, weise zu sein, in diesem Stücke immer leichter und natürlicher,
und in den sechziger Jahren ist der Trieb zur Einsamkeit ein wirklich
naturgemäßer, ja instinktartiger. Denn jetzt vereinigt sich alles, ihn zu
befördern. Der stärkste Zug der Geselligkeit, Weiberliebe und Geschlechtstrieb,
wirkt nicht mehr; ja, die Geschlechtslosigkeit des Alters legt den Grund zu
einer gewissen Selbstgenügsamkeit, die allmählich den Geselligkeitstrieb
überhaupt absorbiert. Von tausend Täuschungen und Torheiten ist man
zurückgekommen; das aktive Leben ist meistens abgetan, man hat nichts mehr zu
erwarten, hat keine Pläne und Absichten mehr; die Generation, der man
eigentlich angehört, lebt nicht mehr; von einem fremden Geschlecht umgeben,
steht man schon objektiv und wesentlich allein.
Dienstag, 18. September 2018
Montag, 17. September 2018
Infolge
langer Erfahrung hat man aufgehört, von den Menschen viel zu erwarten; da sie,
im ganzen genommen nicht zu den Leuten gehören, welche bei näherer Bekanntschaft
gewinnen: vielmehr weiß man, daß, von seltenen Glücksfällen abgesehen, man
nichts antreffen wird, als sehr defekte Exemplare der menschlichen Natur,
welche es besser ist, unberührt zu lassen. Man ist daher den gewöhnlichen
Täuschungen nicht mehr ausgesetzt, merkt jedem bald an was er ist und wird
selten den Wunsch fühlen, nähere Verbindung mit ihm einzugehen.
Endlich
ist auch, zumal wenn man an der Einsamkeit eine Jugendfreundin erkennt, die
Gewohnheit der Isolation und des Umganges mit sich selbst hinzugekommen und zur
zweiten Natur geworden. Demnach ist jetzt die Liebe zur Einsamkeit welche
früher dem Geselligkeitstriebe erst abgerungen werden mußte, eine ganz
natürliche und einfache: man ist in der Einsamkeit wie der Fisch im Wasser.
Daher fühlt jede vorzügliche, folglich den übrigen unähnliche, mithin allein
stehende Individualität sich, durch diese ihr wesentliche Isolation, zwar in
der Jugend gedrückt, aber im Alter erleichtert.
Denn
freilich wird dieses wirklichen Vorzugs des Alters jeder immer nur nach Maßgabe
seiner intellektuellen Kräfte teilhaft, also der eminente Kopf vor allen,
jedoch in geringerem Grade wohl jeder. Nur höchst dürftige und gemeine Naturen
werden im Alter noch so gesellig sein, wie ehedem: sie sind der Gesellschaft,
zu der sie nicht mehr passen, beschwerlich, und bringen es höchstens dahin,
toleriert zu werden, während sie ehemals gesucht werden.
An
dem dargelegten, entgegengesetzten Verhältnisse zwischen der Zahl unserer
Lebensjahre und dem Grade unserer Geselligkeit läßt sich auch noch eine
teleogische Seite herausfinden. Je jünger der Mensch ist, desto mehr hat er
noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn die Natur auf den
wechselseitigen Unterricht verwiesen, welchen jeder im Umgange mit
seinesgleichen empfängt und in Hinsicht auf welchen die menschliche
Gesellschaft eine große Bell-Lancaster'sche Erziehungsanstalt genannt werden
kann; da Bücher und Schulen künstliche, weil vom Plane der Natur abliegende
Anstalten sind. Sehr zweckmäßig also besucht er die natürliche Unterrichtsanstalt
desto fleißiger, je jünger er ist.
Nihil est ab
omni parte beatum.
Nichts ist in jeder Beziehung glücklich sagt Horaz, und »Kein Lotus ohne
Stengel« lautet ein indisches Sprichwort: so hat denn auch die Einsamkeit,
neben so vielen Vorteilen, ihre kleinen Nachteile und Beschwerden; die jedoch,
im Vergleich mit denen der Gesellschaft, gering sind, daher wer etwas rechtes
an sich selber hat, es immer leichter finden wird, ohne die Menschen
auszukommen, als mit ihnen. –
Unter
jenen Nachteilen ist übrigens einer, der nicht so leicht, wie die übrigen, zum
Bewußtsein gebracht wird, nämlich dieser: wie durch anhaltend fortgesetztes
Zuhausebleiben unser Leib so empfindlich gegen äußere Einflüsse wird, daß jedes
kühle Lüftchen ihn krankhaft affiziert; so wird, durch anhaltende
Zurückgezogenheit und Einsamkeit, unser Gemüt so empfindlich, daß wir durch die
unbedeutendsten Vorfälle, Worte, wohl gar durch bloße Mienen, uns beunruhigt,
oder gekränkt, oder verletzt fühlen; während der, welcher stets im Getümmel
bleibt, dergleichen gar nicht beachtet.
Wer
nun aber, zumal in jüngeren Jahren, so oft ihn auch schon gerechtes Mißfallen
an den Menschen in die Einsamkeit zurückgescheucht hat, doch die Oede
derselben, auf die Länge, zu ertragen nicht vermag, dem rate ich, daß er sich
gewöhne, einen Teil seiner Einsamkeit, in die Gesellschaft mitzunehmen, also
daß er lerne, auch in der Gesellschaft, in gewissem Grade, allein zu sein,
demnach was er denkt nicht sofort den andern mitzuteilen, und andererseits mit
dem, was sie sagen, es nicht genau zu nehmen, vielmehr, moralisch wie
intellektuell, nicht viel davon zu erwarten und daher, hinsichtlich ihrer
Meinungen, diejenige Gleichgültigkeit in sich zu befestigen, die das sicherste
Mittel ist, um stets eine lobenswerte Toleranz zu üben.
Er
wird alsdann, obwohl mitten unter ihnen, doch nicht so ganz in ihrer
Gesellschaft sein, sondern hinsichtlich ihrer sich mehr rein objektiv
verhalten. Dies wird ihn vor zu genauer Berührung mit der Gesellschaft, und
dadurch vor jeder Besudlung, oder gar Verletzung schützen. Man kann auch die
Gesellschaft einem Feuer vergleichen, an welchem der Kluge sich in gehöriger
Entfernung wärmt, nicht aber hineingreift, wie der Tor, der dann, nachdem er
sich verbrannt hat, in die Kälte der Einsamkeit flieht und jammert, daß das
Feuer brennt.
Sonntag, 16. September 2018
Probate
Ratschläge für Autoren
Man
schreibt seine Gedanken nachlässig nieder; man läßt sie drucken. Bei den
verschiedenen Korrekturen wird man dann allmählich eine Menge guter Einfälle
bekommen. Fasset daher Mut, die ihr euch noch nicht erkühnt habt, etwas drucken
zu lassen. Auch Druckfehler sind nicht zu verachten; und witzig zu werden mit
Hilfe von Druckfehlern, darf man als eine legale Manier ansehen, auf welche man
es wird.
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